Fotografien von Thomas Ruff Wenn der Kosmos schwingt

Düsseldorf · Material aus dem Baumarkt: Der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff zeigt derzeit seine Serie „untitled#" in der Galerie Konrad Fischer.

Die Fotoarbeit „untitled#05" von 2022 (C-Print von Thomas Ruff).

Die Fotoarbeit „untitled#05" von 2022 (C-Print von Thomas Ruff).

Foto: Galerie/Thomas Ruff

Kunst entsteht nie im luftleeren Raum. Selbst die erfindungsreichen Kreativen sind auf Impulse angewiesen, die sie nicht zuletzt aus der Vergangenheit empfangen. Bestes Beispiel ist der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff, der immer wieder die Fotogeschichte zu neuem Leben erweckt. In seiner Serie „untitled#" greift er auf die Rhythmogramme und Pendelschwingungen unter Heinrich Heidersberger und Peter Keetman aus der Nachkriegszeit zurück, die ihrerseits die fototechnischen Revolutionen aus den 1930er Jahren reaktivierten.

In seinem Computer ist alles festgehalten, was er in den letzten Wochen getan hat. Er benutzte einen simplen Alu-Wickeldraht, eine kleine Zange, Nylonfäden und eine Kamera mit offener Linse. Der Draht ist etwas dicker als üblich und in jedem Baumarkt erhältlich. Mit der Zange konnte er ihn nach Lust und Laune biegen. Wenn ihm das zu mühsam war, zog er ihn einfach mit den Händen auseinander. Nun musste er derlei Gebilde nur noch an die Decke hängen und in leichte oder temperamentvolle Pendelbewegungen versetzen. Diese Schwingungen fing er mit seiner Kamera unter Einsatz einer längeren Belichtungszeit ein.

Jetzt hängen die zufälligen Lichtkonstrukte, die sich einer bewussten Kontrolle entziehen, in der Galerie Konrad Fischer. Sie zeigen die Gegenstände als ephemere Lichterscheinungen. Der Kosmos interessiert den Künstler seit seiner Jugend. Ruff greift vor allem auf Peter Keetman zurück, der 1949 zur avantgardistischen Fotografengruppe Fotoform gehörte. Er ließ in den 1950er Jahren im dunklen Raum eine Taschenlampe am Bindfaden kreisen, unter sich eine offene Kamera, die die rotierende Lampe verfolgte. Die analogen Schwarz-Weiß-Fotos zeigten fast mathematisch genaue helle Linien auf dem dunklen Papier, die eher an Konstruktionszeichnungen als an Lichtzeichnungen erinnern.

Keetman schrieb 1960 über seine monatelangen Überlegungen, Bewegungsvorgänge mit der Kamera aufzuzeichnen, „die das Auge wohl ‚verfolgen', aber nicht ‚aufzeichnen' kann". Bis er eines Abends sechs oder acht Ergebnisse in der Fixierschale hatte, die für ihn ein Fest waren: „Ich hatte einen etwa einen Meter langen dicken Draht in den Schraubstock gespannt, eine leichte Taschenlampe daran gebunden, die Kamera frontal eingestellt und den Draht bei geöffnetem Verschluss schwingen lassen.“

Ruff ist weniger beredt. Er handelt lieber. Seine Serie „untitled#" zeigt ein ähnlich filigranes Spiel wie seine Vorgänger, aber seine Lichtgestaltung wirkt weniger grafisch als stofflich. Eine Materie, die in Auflösung begriffen ist. Eine lineare Bewegung, die sich den Raum erobert. Eine lyrische Note, die sehr streng und zurückhaltend erscheint. Der Draht kreiselt und kurvt, und mit der langen Belichtungszeit ziehen sich die Pendelbewegungen auseinander, sind grafisch und räumlich zugleich. Eine fotografische Lichtgestaltung, die mit Schwarz und Weiß auskommt.

Info Thomas Ruff zeigt die Serie „untitled#" an der Platanenstraße 7 bis 27. Juli. Gleichzeitig ist die Serie „d.o.p.e." mit kosmisch faszinierenden Farben und Strukturen auf Teppichen zu sehen, die von den Fraktalen des Mathematikers Benoît Mandelbrot angeregt wurde.