1. Kultur

Fotiband von Erna Wagner-Hehmke über das Grundgesetz

Bildband von Erna Wagner-Hehmke : Das Grundgesetz als historische Foto-Story

Schatz aus den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland: Die Fotos der Düsseldorferin Erna Wagner-Hehmke dokumentieren die Politik der Nachkriegszeit. Ein neuer Bildband versammelt diese Aufnahmen.

Am 1. September 1948 organisierte der damalige Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, Hermann Wanderslob, einen Festakt im Bonner Lichthof des naturhistorischen Museums Alexander Koenig. Leihstühle wurden herbeigeschafft, die ausgestopften Tiere verhängt und das Elefantenskelett beiseitegeschoben. Es galt, den Parlamentarischen Rat zu begrüßen, die politische Elite, die unter den Augen der Alliierten das Grundgesetz aus der Taufe heben sollte. Auch die Fotografin Erna Wagner-Hehmke aus Düsseldorf nahm ihre Arbeit auf. Wanderslob hatte sie engagiert, um Fotoalben zu erstellen. Damit wollte er bei den Abgeordneten und Ministerpräsidenten für gute Stimmung sorgen, denn die sollten ihr Votum für Bonn als Bundeshauptstadt abgeben. Im Mai 1949 hatte er sein Ziel erreicht.

Wagner-Hehmke stammte aus Breslau, hatte Fotochemie studiert und im Berliner Lettehaus, dem einzigen Spezialinstitut für Frauen, die Fotopraxis gelernt. 1925 kam sie nach Düsseldorf und fotografierte alles, von der Industrie bis zur Kunst- und Theaterszene. Ihre Porträts begleiteten die Politik der Nachkriegszeit und liegen nun in Buchform im Greven Verlag vor. So blickt die Kasseler Rechtsanwältin Elisabeth Seiffert selbstsicher von ihrem Schreibtisch in die Kamera, ganz Vorkämpferin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Fotografin platzierte auch alle vier „Mütter des Grundgesetzes" vor einen Rundtisch und ließ sie sich in der Tischplatte spiegeln. Carlo Schmid, ein Pfundskerl dank seiner Körperfülle, habilitierter Jurist und Spezialist für Verfassungsfragen, liebte seine Rolle als Gegenspieler von Konrad Adenauer, der dem Gremium präsidierte.

  • Schulleiterin Jutta Weidemann-Tigges (l.), VoBa-Filialleiterin Stephanie
    Ausstellung in Schwalmtal : Jugendliche stellen zum ersten Mal ihre Fotokunst aus
  • Für die landwirtschaftlich genutzte Fläche an
    Hitzige Debatte in Wülfrath : Rat stimmt für städtisches Vorkaufsrecht
  • Versprechen an Bundespräsident Steinmeier : König Charles III. will nach Deutschland kommen

Wagner-Hehmke sicherte das Geschehen für die Nachwelt. Sie lieferte brillante Architekturfotos etwa von der klassizistischen Fassade des Museums Koenig, aber auch von der nassen Straße, auf der die Politiker hätten ausrutschen können. Das Sonnenlicht, das durch den Lichthof oder die hohen Fenster in die Pädagogische Akademie als Tagungsort fiel, war ein Glück für all die grau und schwarz gekleideten Personen, denn es tanzte auf ihren Köpfen, als wolle es sie segnen. Mit scharfem Blick sorgte die Frau mit der Kamera für Abwechslung. So schien der hohe Kommissar André Francois-Poncet mit minimaler Arroganz dem deutschen Konrad Adenauer zu begegnen, der stramm wie ein Zinnsoldat stand.

Die altmodischen Aktentaschen sprachen für sich, die Schreibkräfte hatten kleine Topfpflanzen und überdimensionale Fernschreiber und Matritzendrucker. Selbst die Baustellen, Gerüste, Richtkränze, Bierkrüge und karierten Tischdecken kamen ins Bild. Dabei vergaß Wagner-Hehmke nicht die Totale, wenn sie die Politiker aus höchster Höhe fotografierte, wie sie im Gänsemarsch zwischen Gemüsegärten und Baustellen zur Unterzeichnung des Grundgesetzes liefen.

1987 wanderten 4000 historische Aufnahmen ins Haus der Geschichte nach Bonn. Erst 35 Jahre später holte der Historiker Helge Matthiesen, Chefredakteur des „Bonner Generalanzeigers“, einen Teil davon aus der Versenkung, kommentierte die Ereignisse und zeichnete unter dem Titel „Für immer Recht und Freiheit" ein lebendiges Bild der Akteure. Immer wieder lässt er durchblicken, was für ein Wunderwerk mit dem Grundgesetz entstanden ist. Die Aufnahmen Wagner-Hehmkes dienen ihm dazu, die abstrakten Vorgänge mit Leben zu füllen. Vielleicht traut sich jetzt auch ein Kunsthistoriker an die Arbeit, um weitere Bereiche dieses Fotoschatzes zu bearbeiten.

Info Erna Wagner-Hehmke (Fotos) und Helge Matthiesen (Text): „Für immer Recht und Freiheit – Der Parlamentarische Rat 1948/49“. Herausgeber: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. 140 Seiten, 120 Fotos. Greven Verlag, 30 Euro.