Essen: Folkwang will moderner werden

Essen: Folkwang will moderner werden

Tobia Bezzola, bislang Kurator am Kunsthaus Zürich, wird zum 1. Januar 2013 die Leitung des Essener Museums Folkwang übernehmen. Er hat sich mit Ausstellungen zu Picasso, Beuys und Thomas Struth einen Namen gemacht und will nun einen Schwerpunkt auf die Kunst der Gegenwart legen.

Kaum war der von David Chipperfield entworfene Neubau des Museums Folkwang mit einem Feuerwerk großartiger Ausstellungen eröffnet worden, kündigte der Direktor des Hauses, Hartwig Fischer, seinen Abschied nach nur fünf Jahren in Essen an. Dass er nicht nur ein exzellenter Kenner der modernen Kunst ist, sondern auch ein geschickter Manager und einnehmender Fürsprecher seines Museums, hatte sich bis nach Dresden herumgesprochen. Dort leitet er heute die weltweit angesehenen Staatlichen Kunstsammlungen.

Unterdessen tat sich das Kuratorium des Museums Folkwang mit der Suche nach einem Nachfolger schwer. Schließlich wollten die Stadt, die Familie Osthaus und der Museumsverein als Träger des Hauses nicht nur einen exzellenten Kunsthistoriker nach Essen holen, sondern auch einen, der sich auf den Umgang mit möglichen Geldgebern aus der Privatwirtschaft versteht und noch dazu menschlich ins Ruhrgebiet passt.

Jetzt glaubt das Kuratorium fündig geworden zu sein. Jedenfalls wählte es gestern einstimmig einen Schweizer zum Direktor: Tobia Bezzola (51), ehemals Assistent des großen Ausstellungsmachers Harald Szeemann und seit 1995 – kurze Zeit noch unter dessen Leitung – Kurator am Kunsthaus Zürich. Dort leitet er seit 2001 die Abteilung Ausstellungen, die Sammlungen Neue Medien und Fotografie sowie die Bibliothek. Zu den Künstlern, mit denen er sich in Ausstellungen befasste, zählen Edgar Degas, Christian Schad, Pablo Picasso, Joseph Beuys, Bruce Nauman und Thomas Struth.

Damit ist er auch zu Hause in der Sammlung des Museums Folkwang, die sich im Kern vom 19. Jahrhundert über die klassische Moderne bis in die Gegenwart erstreckt. Bezzola versteht das Essener Haus als "Weltklassemuseum" und sieht den Umgang mit Gegenwartskunst als größte Herausforderung an seinem künftigen Wirkungsort. "Künstler sollen im Museum auch präsent sein", kündigte er an.

Zwar wird er sein neues Amt erst am 1. Januar 2013 antreten, doch schon ab Oktober des laufenden Jahres will er in regelmäßigen Abständen seinen künftigen Arbeitsplatz aufsuchen. Bis dahin wird Ute Eskildsen, Leiterin der fotografischen Sammlung, kommissarisch die Geschäfte führen.

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Welcher Etat dem neuen Direktor zur Verfügung steht, das hängt in starkem Maße von ihm selbst ab: von der Kraft, mit der er mögliche Geldgeber von seinen Projekten überzeugt. Die Hauptsponsoren sind RWE und Eon, doch noch mehr Geldgeber sind erforderlich, wenn das Museum Folkwang nach seiner fulminanten Wiedereröffnung nicht ein Dasein im Schatten der rheinischen Groß-Museen fristen will. Die Stadt Essen ist zuständig für den Unterhalt des Gebäudes und die Personalkosten. Außerhalb des Gebäude-Managements stehen dem Museum jährlich 4,5 Millionen Euro zur Verfügung – zuzüglich jener unabdingbaren Sponsoren- und Mäzenatengelder.

Auf unsere Frage, für welche Art von Kunst er sich begeistere und was er sich ins Wohnzimmer hänge, sagte Bezzola, zu Hause habe er "nur ein paar Fotografien des 20. Jahrhunderts" – und begründete dies damit, dass er Sohn eines Fotografen sei.

Beruflich wird er wohl schon deshalb stärker auf Gegenwartskunst als auf klassische Moderne setzen, weil Großausstellungen wie zuletzt "Bilder einer Metropole – die Impressionisten in Paris" kaum noch finanzierbar sein werden. Schließlich entlässt Sponsor Eon einen erheblichen Teil seiner Mitarbeiter und fördert unter anderem auch noch das Düsseldorfer Museum Kunstpalast.

Tobia Bezzola tritt seinen Weg gen Norden jedenfalls voller Zuversicht und Schaffensdrang an – einen Weg vom glatten, edlen Finanzplatz Zürich ins schwierigere, widerborstige Ruhrgebiet. So etwas nennt man eine Herausforderung.

(RP)
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