Filmpreis: Die Berlinale 2018 gibt Rätsel auf

Düsseldorf: Berlinale irritiert mit Bärenvergabe Navid Kermani verehrt Willy Brandt

Der wenig spektakuläre Film "Touch Me Not" gewinnt den Goldenen Bären.

Warum hast Du mich nie gefragt, worum es in diesem Film geht? Diese Frage stellt die rumänische Künstlerin Adina Pintilie an den Anfang ihres Films "Touch Me Not". Zu intim, soll die Antwort des Zuschauers wohl lauten, denn bald wird er Menschen kennenlernen, die über ihre Körper sprechen und über Sexualität, über Lust und Angst, über Scham und Begierde. Es werden ungewöhnliche Menschen darunter sein, einer, der seit seiner Jugend keine Haare mehr am Körper hat und lernen musste, das nicht als Makel zu sehen. Wie die anderen. Oder einer, der einen kleinen Körper hat, der seitlich neben ihm ruht, wenn er nicht im Rollstuhl sitzt. Und sehr schöne Augen. Und eine frappierend offene Art, über seine Sexualität zu sprechen.

Der beste Film der 68. Berlinale befand die Jury unter Tom Tykwer und gab den Goldenen Bären an "Touch Me Not". Eine eigenwillige Entscheidung, denn der Film ist zwar berührend in seiner Ehrlichkeit und Direktheit, die nichts Anmaßendes oder Obszönes hat, sondern etwas Zärtliches. Doch sollte das wohl bei jeder besseren Doku über ein sensibles Thema so sein. Inhaltlich wie ästhetisch zeigt "Touch Me Not" in Wahrheit nichts Neues, auch wenn die Filmemacherin in einer Sequenz die Kamera dreht und über eigene Ängste spricht. Experimenteller wird es in dem als Experimentalfilm deklarierten Werk nicht. Es gibt also Rätsel auf, was die Jury an diesem zwischen Doku und therapeutischen Gesprächen changierenden Film derart fasziniert hat. Zumal Jury-Präsident Tykwer bei der Abschlussgala der Filmfestspiele in Berlin noch verkündet hatte, die Entscheidung werde ein Zeichen dafür sein, wohin sich der Film entwickeln könnte. Ja, wohin? Mehr Doku, mehr Therapiezimmer, mehr künstlerische Pose der Filmemacher?

Der große Preis der Jury ging an die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska, die mit "Twarz" einen kritisch-komischen Film über Borniertheit, aber auch Warmherzigkeit der Menschen auf dem Land gedreht hat. Der Amerikaner Wes Anderson wurde für seinen traurig-verspielten, technisch höchst anspruchsvollen Animationsfilm "Isle of Dogs" als bester Regisseur ausgezeichnet. Alle vier deutschen Kandidaten gingen also leer aus.

Die wundervolle Ana Brun aus Paraguay bekam den Bären als beste Darstellerin. Sie spielt in "Las herederas" eine ältere Frau aus der Oberschicht, die ihren wirtschaftlichen Absturz als Befreiung erlebt. Dazu bekam der mit Deutschland koproduzierte Film von Marcelo Martinessi auch den Alfred-Bauer-Sonderpreis. Der Franzose Anthony Bajon wurde als bester Hauptdarsteller geehrt für seine feinfühlige Darstellung eines Drogensüchtigen, der zum Glauben findet.

Eine Berlinale mit vielen berührenden Momenten, starken Schauspielern, vielfältigen Geschichten ging damit zu Ende. Allerdings auch eine, der überragende Filme fehlten. Auch dafür steht in diesem Jahr der Goldene Bär.

Das neue Buch von Navid Kermani beschreibt eine Reisereportage und heißt "Entlang den Gräben". Es steht bereits auf Platz drei der Bestsellerliste. Auf seiner Lesereise machte der Autor jetzt auch in Düsseldorf Station. Der Große Saal des "Central" war seit langem ausverkauft, als Kermani gemeinsam mit Philipp Holstein, Kultur-Redakteur dieser Zeitung, auf der Bühne Platz nahm. Holstein bekannte, dass der in Siegen geborenen Iraner ihm Europas Osten erschlossen habe. Entstanden ist das Buch aus dem Plan Kermanis, mit seiner Familie im Auto in den Iran zu fahren. Wegen der vielen Mitbringsel wollte die Familie mit dem Auto reisen, aber nicht durch die Türkei, sondern auf neuen Wegen. Als der "Spiegel" von dieser Absicht erfuhr, wurden daraus fünf bestens durchstrukturierte Etappenreisen in 54 Tagen.

Für seine Vorbereitung hatte Kermani ein paar Standardwerke gelesen, vor allem Timothy Snyders "Bloodlands", und so reiste er zu Beginn vor allem zu den Gräberfeldern und ehemaligen Lagern, Gedenkstätten und anonymen Mordplätzen. Dennoch machte der Orientalist keinen Hehl daraus, dass ihn die Reise auch in unbekanntes Terrain führte. Sein Staunen, so schrieb eine Rezensentin, war ein durch und durch westdeutsches Staunen. In Auschwitz wurde er dann tatsächlich einer westdeutschen Reisegruppe zugeordnet.

An diesem Punkt lief der Düsseldorfer Abend in eine neue Richtung. Philipp Holstein wollte wissen, wo denn für Navid Kermani das typisch Deutsche festzumachen wäre. Für Kermani hat dieses so schuldbeladene Land seine wiedergefundene Würde vor allem zwei Ereignissen zu verdanken: "Das ist der Kniefall Willy Brandts in Warschau und die erst seit kurzem manifeste Tatsache, dass jeder Besucher des Reichstags neben der Nationalfahne auch an Gerhard Richters ,Birkenau-Zyklus' vorbeigehen muss."

Auf seiner Lesereise hat sich der Autor allerdings abgewöhnt, die Abende mit dem Auschwitz-Kapitel zu beginnen. Das sei für ihn wie für das Publikum doch immer wieder sehr emotional, und er tue damit vielen anderen Punkten der großen Reise "entlang den Grenzen" unrecht, die ihm ebenso wichtig wären.

(RP)