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Filmkritik: "Stasikomödie" von Leander Haußmann

„Leander Haußmanns Stasikomödie“ : Sodom und Gomorrha in Prenzlauer Berg

Eigentlich soll Ludger Jung für die Stasi die DDR-Bohème ausspionieren. Aber ihm kommt das süße Leben dazwischen. Leander Haußmann erzählt seine persönliche und sehr amüsante Sicht auf die Vergangenheit.

Die Ampel ist rot und wird es lange bleiben. Kein Auto weit und breit. Ludger (David Kross) bleibt stehen. Geduldig wartet der vorbildliche Passant auf das grüne Männchen. Selbst als ein Kätzchen droht, von einem herannahenden Transporter überfahren zu werden, übertritt er nicht die Bordsteinkante. Ludger hat die Prüfung bestanden. Die Talentsucher der DDR-Staatssicherheit, die das Verhalten an der manipulierten Ampel observieren, glauben, mit dem jungen Mann einen guten Fang gemacht zu haben. Wer sich so stur an Regeln hält, ist in der Firma gut aufgehoben. Und so findet sich der harmlose Opportunist schon bald als Undercover-Agent im Prenzlauer Berg wieder, wo er die dortige Künstlerszene ausspionieren soll.

Mit „Leander Haußmanns Stasikomödie“ schreibt der Regisseur nach „Sonnenallee“ (1999) und „NVA“ (2005) seine DDR-Trilogie fort. Der Titel ist Programm und Provokation zugleich. Mit dem eigenen Namen verbürgt sich Haußmann dafür, dass es sich hier um seine ganz persönliche Sicht handelt. Gleichzeitig fordert er mit dem lapidaren Titel jene heraus, die behaupten, dass über die verwerflichen Taten der Spitzelorganisation nicht gelacht werden darf. Haußmanns Film sollte man als wirksames Gegengift und notwendige Ergänzung zu bierernsten Stasi-Filmen wie Florian Henkel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ verstehen. Schließlich verdient ein sehr deutsches Phänomen wie dieses nicht nur eine moralisch-dramatische, sondern auch eine satirische Betrachtungsweise.

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Haußmann nähert sich seinem Sujet mit einer traditionellen Rahmenhandlung aus der Gegenwart heraus. Der erfolgreiche Schriftsteller Ludger Jung (Jörg Schüttauf) hat sich auf Drängen der Familie seine Stasiakte besorgt. Die fällt erwartungsgemäß umfangreich aus. Schließlich hat Ludger in der DDR einen oppositionellen Lebenswandel geführt. Sogar der erste Sex mit der späteren Ehefrau Corinna (Margarita Broich) wurde fotografisch dokumentiert.

Aber dann taucht ein zusammengeklebter Liebesbrief mit expliziten Details auf, der nicht an Corinna gerichtet ist. Ludger stürmt mit der Akte aus dem Haus und beginnt sich zu erinnern. Als naiver Nachwuchsspitzel wurde er damals mitten hinein ins Wunderland der Ostberliner Künstlerszene, die sich ihre Freiheiten herausnahm, ohne auf das Umschalten der Ampel zu warten. Schon bei seinem ersten missglückten Einsatz in der Wohnung einer Zielperson, landet er mit der oppositionellen Corinna (Antonia Bill) versehentlich im Bett – und ist mehr als fasziniert vom locker-leichten Lebensstil der Boheme im Prenzlauer Berg. Verqualmte Partys, Liedermacher-Abende, Lesungen, berauschendes Asthmakraut und vor allem die schöne Muse Natalie (Deleila Piasko) lassen Ludger immer öfter seinen Treueschwur für den Arbeiter- und Bauernstaat aus dem Auge verlieren.

Seine Berichte entwickeln zunehmend literarische Qualitäten und die Schreibtalente des wankelmütigen Spitzels kommen auch in der Szene gut an. Vergeblich versucht der bärbeißige Führungsoffizier Siemens (Henry Hübchen) den verdeckten Ermittler wieder auf Linie zu bringen. Haußmanns komödiantisches Spektrum reicht von unverblümter Albernheit bis hin zu fast schon surrealen Szenen – etwa wenn Stasi-Chef Erich Mielke zum Maskenball einlädt und als „August der Starke“ auftritt. Auch Detlev Buck, der schon in „Sonnenallee“ den nicht allzu hellen Volkspolizisten spielte, darf in „Stasi-Komödie“ wieder Ausweise kontrollieren.

Haußmann geht das Thema Staatssicherheit konsequent aus der Perspektive der Respektlosigkeit an und lässt das freiheitliche Lebensgefühl im Prenzlauer Berg der 1980er-Jahre sehr unterhaltsam mit den Kontrollsüchten des sozialistischen Systems kollidieren. Das entwickelt auf der Leinwand anarchistischen Charme und punktuelle Tiefe, auch wenn eine wirklich bissige Analyse des repressiven Regimes in Haußmanns Komödien-Konzept ausbleibt.