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Filmkritik "New York - Die Welt vor deinen Füßen" über Matt Green

Stadtwanderer Matt Green : Sisyphos in New York

Die großartige Kino-Doku „Die Welt vor deinen Füßen“ begleitet Matt Green, der alle Straßen New Yorks abschreiten will. Der Zuschauer fragt sich zunächst: Warum tut dieser Kerl das? Am Ende ahnt man den Grund.

Sisyphos war genauso bescheuert. Der rollte einen Stein den Berg hinauf, der Stein blieb nicht oben, aber Sisyphos machte trotzdem weiter, Tag für Tag. Bei Matt Green ist es kein Stein, sondern Asphalt. Der 39-Jährige hat sich vorgenommen, New York zu erwandern, Straße für Straße, und nun ist er seit acht Jahren unterwegs, und er wird nicht fertig, denn da ist immer noch mehr Asphalt. Das macht dem Amerikaner aber nichts aus, er lächelt immerzu, er ist ganz sanft und geht einfach weiter, und auch das ist wie bei Sisyphos: Man muss sich Matt Green als glücklichen Menschen vorstellen.

Die Kinodokumentation „New York – Die Welt vor deinen Füßen“ erzählt die Geschichte dieses Kerls, der schon so lange durch die Stadt läuft und fast 15.000 Kilometer hinter sich hat. Früher arbeitete er als Ingenieur; ein Schreibtischjob sei das gewesen, berichtet Matt Green, und daran, wie er das sagt, merkt man, wie schlimm er den Ort findet, an dem ein Schreibtisch nun mal fast immer steht: drinnen. Regisseur Jeremy Wortman heftet sich an Greens Fersen, tatsächlich sieht man den manischen Flaneur draußen fast ausschließlich von hinten, und vor ihm türmt sich die unbezwingbare Stadt auf: fünf Bezirke, 8,5 Millionen Einwohner, ungezählte Geschichten.

Man sieht zu und denkt zunächst, dass das ja ganz schön toll ist: Vollkontakt mit der city that never sleeps, Metropolen-Baden, New York total. Aber dann fragt man sich als guter Angestellter sogleich, wie Matt Green das denn finanziell so hinbekommt. Antwort: Man kann ihm über seine Homepage Spenden anweisen. Er lebt von 15 Dollar pro Tag, isst Bohnen mit Reis und Salz statt Sandwich mit Avocado und Safran. Er hat keine Wohnung, sondern übernachtet bei Freunden auf dem Billardtisch oder bei Leuten, auf deren Katzen er aufpasst. Einmal sieht man Green in einem Kinderzimmer sitzen, es gehört ganz offensichtlich einem Mädchen, und zwischen rosa Stoffpferden und regenbogenfarbenen Plüsch-Einhörnern zählt er die Tiere auf, um die er sich schon gekümmert habe: Miski, Skini, Ralph, Romy, Ed, Mafosa und Miss Kitty. Falls er mal nicht mehr wandern wolle, könnte er einfach Cat Care machen. Würde reichen zum Leben, sagt er. Kommt allerdings nicht in Frage, weiß er.

New York ist in diesem Film die ganze Welt. Diese Stadt ist ja nicht nur Stein, sondern auch Natur, man wundert sich, wo überall Vögel singen. Unglaublich schön ist der Winter: der Hudson unter Eis, die Straßen leuchten weiß – es wird einem ganz lyrisch zumute. Und die Menschen: Green klatscht sie ab, sie kommen aus allen Ländern und leben doch in derselben Stadt. Sie umarmen ihn, manche fragen, ob er bescheuert ist, andere, wie er das finanziell macht, und wenige, was der Mist eigentlich soll. Green bleibt stehen und antwortet, er zieht seine Gesprächspartner in den Bann, er ist ausgeglichen wie Buddha.

Wobei die Frage natürlich berechtigt ist: Was soll der Mist? Green will kein Geld mit dem Wandern verdienen, kein Buch schreiben, keine Stadtführungen anbieten. Er will einfach gehen, und eine Ahnung davon, was sein Antrieb sein könnte, gibt ein Besuch bei seinen Eltern. Die erzählen von dem Fahrradunfall, den ihr Sohn gehabt hat. Er wäre tot gewesen, hätte er keinen Helm getragen, sagen sie. Kurz danach habe Matts Bruder einen Schlaganfall erlitten, auch da war es haarscharf. Damals habe Matt wohl gesehen, dass es zwei Möglichkeiten gebe, mutmaßt der Vater: jetzt leben oder ewig auf die Zukunft hoffen.

 Einmal trifft Matt Green einen Passanten und erzählt, dass er zunächst gedacht habe, er sei zweieinhalb Jahre unterwegs: „Das war vor fünf Jahren.“ Da lacht der Passant, er schüttelt sich vor Lachen, und Green lacht auch, und dann geht er weiter seinen Stein rollen. Er achtet auf Kleinigkeiten, auf die Pflanzen, die vielen umgewidmeten Synagogen, die nun Kirchen sind. Ihm fällt der Trend auf, dass Friseure ihre Ladenschilder neuerdings so gerne mit einem oder mehreren Zs verzieren: „Hair Cutz“. Und er schreibt alles in seinen Blog „I’m Just Walkin’“, der dann zwar doch eine Art Stadtführer ist, aber ein liebevoller, spinnerter und gebührenfreier.

 Eine Ex-Freundin und die frühere Verlobte von Green kommen zu Wort, und beide sagen, die Tatsache, dass er nie habe stehenbleiben können, hätte ihre Beziehungen ruiniert. Er wollte nicht ins Kino, nicht ins Restaurant, er wollte bloß wandern, und da merkt man noch einmal, dass Green nicht einfach nur geht, sondern auch deshalb keine Lust hat stehenzubleiben, weil dann der verdammte Alltag beginnen würde. Nur im Gehen ist er Herr seiner Tage, nur gehend gehört ihm die Stadt. Sie ist eine Welt en miniature, eine Wirklichkeit außerhalb der Zeit. Der Stadtplan gibt die Ordnung vor, die roten Linien der bereits gelaufenen Strecken strukturieren das Leben. Dieses Gehen ist in einer Stadt, in der alle rennen, eine widerständige Geste: Der Flaneur als Punk. Das Gehen birgt diesen Kerl, denkt man und hofft, dass nichts und niemand ihn je aufhalten möge.

 So sieht man ihn, wie er die 8000. Meile absolviert. Diese Marke ist zu Beginn seiner Wanderung die goldene Grenze gewesen: 8000 Meilen, dann habe er New York geschafft, dachte er einst. Aber je näher er diesem Datum kam, desto mehr Herausforderungen nahm er hinzu: alle Wege in allen Parks abschreiten, jedes Ufer von jedem Gewässer und so weiter.

 Matt Green wird nie ankommen. Zum Glück.