Filmkritik "Menschen am Sonntag"

Filmklassiker „Menschen am Sonntag“: Der Sommer, als Berlin leuchtete

Unbedingt sehenswert: Die großartige Film-Reportage „Menschen am Sonntag“ aus dem Jahr 1930 ist neu auf DVD erschienen.

Es gibt ja nicht so viele Tage im Jahr, an denen man eine unbändige Lust auf Stummfilme hätte, und eigentlich ist das ganz schön schade. Man verpasst dann womöglich diesen sehr tollen Film, der tatsächlich etwas Besonderes ist, eine Bildreportage nämlich, und die schildert ein Wochenende im schönsten Berlin, das man je auf der Leinwand bestaunen konnte. „Menschen am Sonntag“ heißt die Produktion, sie kam 1930 ins Kino und gehört zu den cineastischen Höhepunkten der Weimarer Republik. Fast jeder der beteiligten Filmemacher wurde später in Hollywood ein Star: Billie Wilder (der sich erst Mitte der 1930er Jahre „Billy“ nannte), Curt und Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer.

„Menschen am Sonntag“ ist soeben in einer schönen Edition mit einigen Extras auf DVD und BluRay neu herausgekommen, und hoffentlich werden nun noch mehr Menschen auf das Werk aufmerksam. Alle Darsteller sind Laien, die allermeisten haben ihren ersten Auftritt vor der Kamera, und sie spielen sich selbst: Erwin, der Taxifahrer. Das Mannequin Annie. Der Weinvertreter Wolfgang. Die Komparsin Christl und ihre Freundin Brigitte. Wie begegnen ihnen zuerst am Samstag, und allein die Eröffnungsszene ist schon wunderbar: Da sieht man Berlin, wie es von Schienen und von Straßen zerschnitten wird, und auf den kleinen Inseln, die von den Bewegungen der Triebwagen und Droschken verschont bleiben, stehen Menschen. Die nutzen die Gelegenheit zum Flirten und verabreden sich für Sonntag zum Ausflug an den Wannsee.

Billie Wilder, der damals als Reporter in Berlin arbeitete, schrieb das Drehbuch, und er versuchte, der Handlung etwas von einem Stadtfeuilleton im Stil Walter Benjamins oder Siegfried Kracauers zu geben. Er erzählte episodisch, reihte Vignetten aneinander, und jede birgt etwas von der Atmosphäre der Metropole in jener Zeit. Soziologie im Kleinen, Zwischenmenschlichkeit unter dem Mikroskop. Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer setzten als Regisseure das Script um, und man sollte sich das Vergnügen machen und in jeder Szene auf das Licht achten. Berlin leuchtet hier, die Lichtreflexe sind geradezu artistisch inszeniert, mit einem samtigen Schattenrand mitunter, und man merkt, dass die Fotokunst etwa von Moholy-Nagy als Vorbild wirkte.

Der Zuschauer wird mitgenommen auf einen Ausflug ans Wasser, es gibt Kartoffelsalat und Würstchen, man hört Schallplatten, und weil die Sonne scheint und Frauen und Männer nun mal nicht anders können, im Sommer zumal, kommt es zu galanten Verwicklungen. Die improvisierten Spielszenen werden gekontert mit dokumentarischem Material: der Hausvogteiplatz am Morgen, spielende Kinder am Ufer, Warenauslagen. Im Hintergrund hört man bereits ein Grollen, es schwillt noch nicht an, aber es ist schon da und durchaus unheimlich: Reichswehrsoldaten sammeln sich an der Siegessäule.

„Menschen am Sonntag“ ist so etwas wie der erste Independent-Film Deutschlands, und weil ständig Geld fehlte, zogen sich die Dreharbeiten ziemlich lang hin. Als Filmmaterial wurde Ausschuss verwendet: überlagerte Agfa-Filme. Unter den Filmemachern, die ihr Projekt im Romanischen Café entwickelt hatten, gab es Streit; Kamera-Assistent Fred Zinnemann – auch er ging später nach Hollywood und drehte dort den Klassiker „Zwölf Uhr mittags“ – verließ das Team. Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis. Die Kamera kommt den Menschen nahe, sie dringt in deren Dunstkreis ein. Extreme Perspektiven und schnelle Schnitte spiegeln die Dynamik der Metropole, und dann gibt es immer wieder charmante Einfälle wie die Szene, in der zwei Verliebte einen Tannenzapfen auf der Handfläche rollen. Kuss-Anbahnung in den Roaring Twenties. Den Rest zeigt „Babylon Berlin“.

Überhaupt die kleinen Beobachtungen: das Kind, das von seinem Vater an einer Wasserpumpe robust den verschmierten Mund abgewischt bekommt. Die Bewegung, mit der der livrierte Kellner den Kaffee reicht. Die Werbeschilder, die Maniküre für eine Mark versprechen. Der Plattenladen, der das Lied „In einer kleinen Konditorei“ verkauft. Man merkt in jeder Einstellung die Lust am Leben, die Lust an diesem Ort, die Freude am Flanieren und an der Möglichkeit, sich frei zu bewegen.

Nur leider ist kein Sonntag endlos, und so dauert auch dieser Film nur etwas mehr als 70 Minuten. Am Ende sieht man Zwischentitel auf schwarzem Grund. „Und dann am Montag wieder Arbeit, wieder Alltag, wieder Woche“, steht da. Und was damals galt, ist heute noch so: „4 Millionen warten auf den nächsten Sonntag.“

Menschen am Sonntag, Regie: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Drehbuch: Billie Wilder, 74 Min., Atlas Film (Mediabook mit DVD und BluRay plus Booklet)