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Filmkritik "La Palma" von Erec Brehmer

Urlaubsfilm : Richtiges Leben am falschen Ort

Der sehenswerte Kinofilm „La Palma“ erzählt von einem krisengebeutelten Paar, das sich mit dem Ferienziel vertut. Eigentlich wollten sie nach Gran Canaria, und eigentlich sollte es harmonisch werden.

Sanne wollte eigentlich nach Las Palmas auf Gran Canaria, dort hatte sie per Internet schon ein Hotel gebucht: schön für sechs Tage, „nur wir beide“. Markus sollte im Gegenzug die Flüge besorgen, Arbeitsteilung: „Mach ich“. Weil Markus aber schusselig ist und so viel lustigen Kram im Kopf hat, dass für ernste Sachen kaum Platz bleibt, kam er mit dem Reiseziel ein bisschen durcheinander. Und so fahren sie an ihrem Ankunftstag vom Flughafen ins Hotel und finden es nicht, und es ist schon dunkel, als Sanne halb im Scherz und halb ahnungsvoll fragt: „Das ist aber schon Las Palmas, oder?“ Ist es natürlich nicht, sondern La Palma, und so geht dieser Film los.

„La Palma“ heißt das Debüt des 33 Jahre alten Regisseurs Erec Brehmer, und dieser Film ist so witzig und so unerträglich und vor allem so wahrhaftig, dass man sich doppelt freuen darf, endlich zurück in den Kinosessel zu kommen. Markus macht die Sache rasch wieder gut, auf seine Art indes: Er bricht in ein leer stehendes Ferienhaus ein, nennt sich selbst Pablo und Sanne Alba, und er macht das so charmant, dass es sich weder illegal noch infantil anfühlt. Sondern ganz romantisch: „Wenn wir wieder nach Hause kommen, haben wir eine krasse Story zu erzählen.“

Ein bisschen erinnert dieser Film an „Alle anderen“ von Maren Ade aus dem Jahr 2009, wo ja ebenfalls ein Paar, durch dessen Beziehung Haarrisse der Ermüdung laufen, Urlaub macht. Auch Markus und Sanne haben ihre Probleme nicht zu Hause gelassen: Soll Sanne den Job in der Kanzlei annehmen? Sollen die beiden zusammenziehen? Was lief da eigentlich mit diesem Lars, der manchmal anruft? Und warum ist Markus meistens entweder albern oder eingeschnappt? Immer wenn diese Fragen diskutiert werden müssten, flüchten sich die zwei in ihr Rollenspiel: „Nix Markus, isch heiße Pablo.“

Total toll ist der Umgang mit Sprache in diesem Film. Sanne und Markus haben ihr eigenes Alphabet, sie sprechen das ABC der Verliebten, aber manchmal wird die Koketterie unterbrochen, dann gerät so ein Tonfall hinein, den man vielleicht aus eigenen Urlauben kennt, von jenen Tagen, an die man sich nicht so gerne erinnert. Beispiel: Der Badeausflug in die entlegene Bucht, die man nur nach ewig langer Felsenkletterei erreichen kann. Markus hat rumgescherzt, es ist verdammt warm, der Weg nimmt einfach kein Ende, sie haben Durst und sind müde, und als sie endlich zurück sind beim Mietwagen, sucht er seine Taschen und den Rucksack ab und fragt: „Hast Du den Schlüssel?“ Sie antwortet mit dem Satz „Im Ernst jetzt?“, und die Buchstaben sind so scharf geschliffen, dass sich das Fragezeichen wie ein Ausrufezeichen anfühlt. Jedenfalls: zurückklettern, Strand umpflügen, vor der Flut flüchten, Autoscheibe einschlagen, eisige Stille auf der Fahrt.

Das Drehbuch schickt Sanne und Markus mehrere andere Paare vorbei, und jedes führt seine eigene, scheinbar ideale Beziehung, über die Sanne und Markus dann nachdenken. Deutsche Auswanderer, Wiener Jungeltern, die Familienfotos der glücklichen Hausbesitzer. „Willst Du Kinder?“, fragt Markus am Strand. Antwort: „Nee, du reichst mir. Ich will gerade nicht noch ein Kind.“ Man sieht Instagram-mäßig gefilterte Ansichten der Insel, man hört Piano-Musik, aber dann kippt die Stimmung auch gleich wieder, weil vor allem Markus unberechenbar ist, manchmal extrem anstrengend, ehrlich gesagt. Aber meistens eben auch ziemlich lustig.

Sanne kann denn auch irgendwann nicht mehr, emotionaler Ermüdungsbruch, und Marleen Lohse, die das großartig spielt, hört sich an wie eine Kindergärtnerin, als sie an Tag fünf zu Markus (auch super: Daniel Sträßer) sagt: „Ich glaube, wir sollten heute mal was alleine machen.“ Er wird diesen Tag mit einer Holländerin verbringen, sie auf dem Bett eines einheimischen Nachwuchs-Casanovas landen.

Als Zuschauer macht man während dieser anderthalb Stunden alle Aggregatzustände durch, man will Sanne raten, den Kerl in den Wind zu schießen. Man möchte Markus sagen, er möge jetzt bitte mal die Klappe halten. Man kann nicht aufhören hinzusehen, obwohl man oft das Bedürfnis hat, beschämt zu Boden zu blicken. Und vor allem will man wissen: Bleiben die zusammen oder nicht?

Die Schlussszene ist dann irre schön. Zwei zur rechten Zeit am falschen Ort. Aber wie heißt es bei Andy Möller: Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien.