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Filmkritik "Krautrock 1" über Kraftwerk und Can

Kraftwerk, Can und Neu! : Musik aus dem Raumschiff Deutschland

Die sehenswerte Kino-Dokumentation „Krautrock 1“ porträtiert ein Genre, das maßgeblich im Rheinland geprägt wurde. Der zweistündige Film bietet Porträts der wichtigsten Künstler dieser Musik.

An einer besonders schönen Stelle dieses Films erzählt der Schlagzeuger Werner „Zappi” Diermaier, wie er in den frühen 70er Jahren durch Birmingham lief. Er dachte über das Konzert nach, das seine Band Faust am Abend geben würde, irgendetwas fehlte nämlich noch, ein besonderer Kniff – bloß was? Zum Glück sah er bald diesen Straßenarbeiter, der mit einem Presslufthammer unheimlich laut und rhythmisch den Asphalt öffnete: Das war es! Diermeier sprach den Mann an, er bat ihn, später in genau diesem Outfit mit genau diesem Werkzeug auf die Bühne zu kommen. Der Mann erschien dann auch, allerdings schick gemacht im Anzug und mit Krawatte, aber er hatte seinen Presslufthammer dabei, und er bearbeitete im Konzert einen eigens herangeschafften Stein. Der Jubel der Fans gefiel ihm so gut, dass er nicht aufhörte, obwohl ihm die Musiker mehrfach Zeichen gaben, dass es nun genug sei. Er hämmerte einfach bis zum Ende durch. So war das damals.

„Krautrock 1” heißt der amerikanische Dokumentarfilm, der nun ins Kino kommt, und die zwei Stunden sind ein herrlicher Geschichtenschatz. Adele Schmidt und José Zegarra Holder haben Helden des Genres besucht, um sie über die 60er und 70er Jahre sprechen zu lassen. Damals suchten Musiker nach einer neuen deutschen Musik, die unbelastet von der Vergangenheit war und sich den Vorgaben aus England und Amerika entzog. Sie fanden einen improvisierten Sound, etwas Unerhörtes, das schließlich vor allem im Ausland Erfolg hatte und dort Krautrock genannt wurde.

Zu den prominentesten und besten Vertretern des Genres gehören Can aus Köln, und das lange Porträt dieser Gruppe ist denn auch eine der hervorragenden Passagen dieses Films. Die Regisseure besuchen den Sänger Malcolm Mooney in New York, vom ersten Can-Album „Monster Movie” (1969). Er floh einst nach der Ermordung Martin Luther Kings aus den USA, er ging nach Paris, wo er Kontakt mit Can bekam. Nun sitzt er wieder daheim in New York vor seiner Ausgabe von Tolstois „Krieg und Frieden”; er ist ein alter, heiterer, eleganter Mann, und er sagt, dass er mit der Band ins Schloss Nörvenich bei Köln gezogen sei und 19 Monate lang jeden Tag gespielt habe. „Let’s do it”, hätten sie gesagt und losgelegt.

Can wollten Jazz und Neue Musik verbinden, Rock und Ethno, James Brown und Ornette Coleman. Keyboarder Irmin Schmidt hatte bei Stockhausen studiert, und er erzählt, wie Stockhausen einmal in einem Blindtest aktuelle Rockmusik vorgespielt wurde. Er fand alles doof, dann hörte er jedoch „Aumgn” von Can und sagte: Das ist toll! Man verriet ihm, wer das Stück aufgenommen habe, und er entgegnete: Kein Wunder, das sind meine Studenten.

Man schaut diesen Film und bewundert die Musiker dafür, wie sie es tatsächlich geschafft haben, sich buchstäblich frei zu spielen. Sie kannten keine musikalischen Grenzen. Sie ließen es einfach laufen. Für viele war Stockhausens „Gesang der Jünglinge” die Initialzündung, diese frühe elektronische Komposition, die man damals offenbar einfach so im Radio hören konnte. „It blew me away”, erinnert sich Irmin Schmidt. Eine andere Formulierung, die oft vorkommt, ist diese: „Einfach machen.” Das sagen fast alle, „einfach machen”, das sei immer das Motto gewesen. Und dann begegnet man Damo Suzuki, den zweiten Sänger von Can, und er steht heute noch auf der Bühne, immer mit Musikern, die er gar nicht kennt, das ist sein Konzept. Er sieht noch ein bisschen aus wie früher, und er lächelt und sagt: „Ich bin frei.”

Natürlich kommen auch Kraftwerk vor. Man sieht schöne alte Fotos und hört gerne noch einmal die Geschichte, wie sie 1977 in zwei Waggons des Orient Express ihr Album „Trans Europa Express” der Presse präsentierten und nach der Ankunft in Paris in einem Nachtclub mit Grace Jones feierten. Wolfgang Flür, der zur klassischen Besetzung gehörte, erzählt Schnurren, und er gönnt sich ein Augenzwinkern, weil doch aktuell nur noch Ralf Hütter von der Kraftwerk-Originalbesetzung dabei ist: Noch größer wäre mein Respekt vor dir, wenn du dich selbst auf der Bühne auch noch ersetzen lassen würdest, sagt er. Vielleicht ein Zukunftskonzept für Kraftwerk: Nur Roboter auf der Bühne, konsequent den ganzen Abend.

Man sieht wunderbare Fotos von Klaus Dinger im Kapitel über Neu! und La Düsseldorf. Man hört Michael Rother über den Moment sprechen, als er während eines Neu!-Auftritts zu Dinger schaute und Blut spritze. Dinger hatte sich an einem schartigen Becken die Hand aufgerissen, doch er trommelte weiter, es war ein Blutbad, aber er trommelte und trommelte. Toll sind auch die Erinnerungen der Faust-Mitglieder an einen Besuch des Künstlers Tony Conrad in ihrer Kommune in Wümme.

Wie disparat das Genre ist, zeigt der Part über die Kabarettisten Floh de Cologne („Die Luft gehört denen, die sie atmen”), die Brecht nacheiferten und sich selbst lediglich als Musikerdarsteller betrachten. „Kraurock 1” heißt der Film übrigens, weil die anderen Schulen, die innerhalb dieser Stilrichtung gebildet wurden, auch noch porträtiert werden sollen, die Westberliner Fraktion mit Klaus Schulze etwa.

Was war das für eine Zeit, was waren das für Künstler? Auch Stephan Plank kommt zu Wort, der Sohn von Conny Pank, legendärer Produzent so vieler Krautrock-Alben, unter anderem von „Autobahn”. Er war 13, als sein Vater 1987 starb, und er erinnert sich an ihn, wie er an seinem gewaltigen Mischpult saß, wie ein Kommandant im Raumschiff. Es habe ausgesehen, als schwebe er durchs Weltall.

Vielleicht schwebten sie damals tatsächlich alle durchs Weltall.