Filmkritik "Junge muss an die frische Luft" von Hape Kerkeling

Film-Biografie: Die Kindheit von Hape Kerkeling

„Der Junge muss an die frische Luft“ ist die Verfilmung der Jugenderinnerungen des großen Komödianten. Wer einen lustigen Film erwartet, liegt falsch. Man muss oft schwer schlucken während der Vorführung.

Das gibt es nicht oft, dass in Pressevorführungen geschluchzt und auch ein bisschen geheult wird, aber hier war das dann doch mal so. „Der Junge muss an die frische Luft“ heißt der Film, er erzählt die Kindheit von Hape Kerkeling, und den – das weiß man spätestens jetzt – hat die Tragik des Lebens zum Komiker gemacht. Man wünscht sich ihn deshalb nach dem Abspann auch ziemlich dringend herbei, man würde nämlich so gerne wissen: Geht es Dir jetzt denn gut?

2014 erschien die Autobiografie des heute 54-Jährigen, und da las man jene schlimme Szene, die der Junge erlebt hat, als er starr vor Schock neben der sterbenden Mutter lag, die an Depressionen litt und sich mit Schlaftabletten vergiftete. „Manchmal denke ich, ich hätte mich mehr anstrengen müssen“, lautet denn auch ein Leitsatz des Films. Der Achtjährige spricht ihn zu sich selbst, und er meint damit, dass er die Mutter noch häufiger zum Lachen hätte bringen müssen. Das heiterte sie immer ein bisschen auf, und vielleicht wäre sie dann nicht gestorben.

Man sieht es schon, das ist eine ans Herz greifende Produktion, stellenweise heiter, bisweilen optimistisch, aber doch stark melancholisch grundiert. Caroline Link, die 2003 für „Nirgendwo in Afrika“ einen Oscar gewann, hat die Geschichte inszeniert, und ihr ist das gut gelungen. Sie erzählt leicht, sie bewahrt den warmherzigen Ton der Buchvorlage, die als Plauderei daherzukommen scheint, und sie überträgt die Menschenliebe, die Kerkeling stets zum Ausdruck bringt, in Bilder.

Das ist „Der Junge muss an die frische Luft“ nämlich auch: eine Ode an die Familie. Die Kerkeling-Sippe feiert jedes Fest mit Mett-Igel und Likörchen, es laufen Schlager, alle singen mit, und wenn die Sektkorken knallen, gibt es eine Polonaise. Die 1970er Jahre haben gerade begonnen, die Frauen schmeißen den Laden, die Männer sind eher schulterzuckende Zauderer, und der Hit des Films sind Kerkelings patente Großmütter Bertha und Änne. Sie kümmern sich, sie sorgen für ihn, und sie nehmen früh wahr, was für ein besonderer Junge der Hans-Peter ist. Er verkleidet sich gerne als Frau, er singt Lieder von Zarah Leander, und er träumt von einer Karriere beim Fernsehen. Als die Verwandtschaft Anspielungen auf die eigenartigen Vorlieben des Jungen macht, zischt Oma Bertha, dass der gefälligst in Ruhe gelassen werden solle. Und dann wird er auch in Ruhe gelassen.

Hape Kerkeling wuchs im Ruhrpott auf, der Film spielt in Recklinghausen, und Caroline Link vermeidet zum Glück die im Kino so beliebte Omma-/Oppa-Folklore. Sie veranstaltet in den Kulissen auch keinen Schlaghosen-Kostümball. Ihr Ruhrgebiet ist ein heller Ort, mit feinem Strich gezeichnet, nahezu ausschließlich über das herzliche Personal.

Eine Wucht ist der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst neun Jahre alte Julius Weckauf aus Jüchen in der Hauptrolle. Er trägt nie zu dick auf, er spielt unheimlich sensibel. Einmal, da ist die Familie Kerkeling gerade umgezogen, steht er inmitten der neuen Mitschüler, die sich über seinen Kopf hinweg über ihn unterhalten. Ohne eine Miene zu verziehen, sagt er: „Ich bin übrigens anwesend.“ Er wird im Folgenden zum Seismographen, er spricht aus dem Off, und durch seine Augen erkennt der Zuschauer kleine Veränderungen im Umgang der Erwachsenen miteinander, die zunehmende Verdüsterung des Gemüts der Mutter etwa.

Im Krämerladen von Oma Änne schaut sich der junge Hape die Kundinnen genau an, er studiert ihre Art des Sprechens, und wenn sie zur Tür raus sind, parodiert er sie. Dieses Talent lässt ihn als Erwachsenen zum Lieblingskomödianten der Deutschen werden. Man braucht nur seine großen Rollen aufzuzählen, dann muss man schon schmunzeln: Hannilein, Königin Beatrix, „Hurz“, Horst Schlämmer.

„Der Junge muss an die frische Luft“ ist ein rührseliger Film, aber das ist nicht als Tadel gemeint. Man muss halt nur die ganze Zeit schwer schlucken. Etwa wenn man sieht, wie die kranke Oma Änne den kleinen Enkel zu sich holt und ihm zuflüstert, dass sie bald nicht mehr da sei. Aber er könne sicher sein, dass sie auch im Himmel auf ihn aufpassen werde. Versprochen!

Sie hat Wort gehalten.

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