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Filmkritik: Jagdsaison

„Jagdsaison“ : Die Freundin rät zum Seitensprung

Diese Komödie trifft den Ton der Gegenwart: In „Jagdsaison“ erzählt Aron Lehmann mit deftigem Humor vom aufreibenden Alltag einer Single-Frau.

Das Leben meint es nicht gut mit Eva (Rosalie Thomass). Single. Geschieden. Ende 30. Solche Eckdaten zehren am Selbstbewusstsein. Ihr Mann wollte sich damals eine „spirituelle Pause“ gönnen und ist wenig später mit der 25-jährigen Influencerin Bella (Almila Bagriacik) zusammengezogen, deren Lifestyle-Kanal sich einer großen Follower-Gemeinde erfreut. Das ist drei Jahre her, aber der Stachel der Erniedrigung sitzt tief. Damit nicht genug, will nun die zehnjährige Tochter ihren Geburtstag nur noch einmal feiern – und zwar bei Papa und Bella, die solche Events einfach besser organisieren kann als die oftmals verpeilte Mutter.

Immerhin hat Eva noch ihre beste Freundin Marlene (Marie Burchard), die mit ihr durch dick und sehr viel dünn gegangen ist. Aber auch deren Geduld neigt sich dem Ende zu, wenn die Busenfreundin wieder einmal im Selbstmitleid versinkt. Als Eva erfährt, dass Marlene zusammen mit Erzfeindin Bella Yoga macht, beginnt auch der letzte verlässliche Pfosten in ihrem Leben zu wackeln.

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Marlene hingegen hat genug von Verlässlichkeit. Statt mit ihrem Mann das zweite Kind per Beischlafplan zu zeugen, will sie sich lieber mit dem gut gebauten Peter (August Wittgenstein) vergnügen, den sie auf einer Konferenz kennengelernt hat. Freundin Bella rät zum Seitensprung, Freundin Eva will diesen auf jeden Fall verhindern. Und so landet das dysfunktionale Trio in einem ländlichen Wellness-Hotel, in dessen Nachbarschaft der potenzielle Geliebte zur Entenjagd geladen ist.

Erfolgreiche US-Komödien wie „Bridesmades“ haben gezeigt, dass deftiger Humor längst kein männliches Privileg mehr ist, und so geht es in Aron Lehmanns Frauenkomödie „Jagdsaison“ mit schlagfertigen Dialogen, bestem Slapstick, Pointen über und unter der Gürtellinie ordentlich zur Sache. Als Vorlage diente der dänischen Film „Jagtsaeson“, den die Drehbuchautorinnen Lea Schmidbauer und Rosalie Thomass absolut organisch in die deutsche Soziokultur verpflanzt haben. Mit leichter komödiantischer Hand werden hier Themen wie weibliche Midlife-Crisis, Rivalität, Vereinsamungsängste, Frauenfreundschaft, Feminismus, die Absurditäten des sexistischen Alltags in temporeichen Turbulenzen verarbeitet.

Der Humor bleibt dabei angenehm ungehobelt und unterscheidet sich deutlich von den geglätteten Standards deutscher Mainstream-Komödien. Diskutiert werden hier unter anderem Sinn, Unsinn und Schmerzen des Intim-Waxings, Anus-Bleaching im Alter und die Reinigung von Menstruationstassen. So manche Pointe will nicht zünden, andere treffen genau ins Schwarze oder verglühen in schönster Albernheit. Dabei bleibt der Film seinem Trinkspruch „Sisters before Misters“ treu. Die männlichen Nebenfiguren werden als patriarchale Knallchargen nacheinander mitleidslos aussortiert. So viel ausgleichende Gerechtigkeit muss sein in einem Film, der das „female empowerment“ im deutschen Komödienmief mit Lust und Laune vorantreibt.

Jagdsaison, Deutschland 2022 – Regie: Aron Lehmann, mit Rosalie Thomass, Almila Bagriacik, Marie Burchard, 93 Min.