Filmkritik "Das schönste Mädchen der Welt"

Sehenswerte Schülerkomödie : Cyrano de Bergerap

Der Film „Das schönste Mädchen der Welt“ verlegt eine weltberühmte Liebesgeschichte ins HipHop-Milieu.

Cyril (Aaron Hilmer) ist Kummer gewohnt. Seit den ersten Schultagen wird er wegen seiner riesigen Nase geärgert. In der sechsten Klasse haben sie ihn sogar mit Abführmitteln voll gestopft und in den Spind gesperrt. Das Leben auf dem Schulhof ist für ihn immer noch ein fortwährendes Spießrutenlaufen. Aber auch wenn Mobbing längst zum festen Bestandteil des Alltags geworden ist, hat Cyril sein Selbstwertgefühl nicht verloren. Er weiß, dass er mehr auf dem Kasten hat als viele andere, und er hat ein Ventil gefunden, durch das er seine Wut und seine Sehnsüchte hinaus lassen kann.

Mit einer Maske über dem Gesicht tritt er nachts in Musik-Clubs auf und liefert sich in HipHop-Battles erbitterte Reimgefechte. Er ist schnell, er ist schlagfertig, und seine Worte fliegen direkt aus seinem schmerzenden Herzen hinaus. Der geheimnisvolle Maskenmann wird in der Szene gefeiert und am Morgen danach wieder von seinen Mitschülern verachtet.

Und jetzt geht es auch noch auf Klassenfahrt. Nach Berlin. Krank stellen hilft nicht. Die ebenfalls recht großnäsige Mutter (Anke Engelcke) ist unerbittlich. Aber dann, kurz bevor der Bus seine Türen schließt, fährt Roxy (Luna Wedler) vor. Die neue Mitschülerin, die gerade von einem englischen Internat geflogen ist, setzt sich neben Cyril und hat genauso wenig Lust auf Klassenfahrt. Die beiden verstehen sich prächtig. Aber trotz tosenden Herzens rechnet sich Cyril keine Chancen bei diesem Mädchen aus, das bald schon von allen umschwärmt wird.

Oberaufreißer Benno (Jonas Ems) hat schon eine Wette abgeschlossen, dass er die Neue ins Bett kriegt und ein Beweisvideo dreht. Roxy hingegen interessiert sich eher für den superhübschen, aber leider auch superhohlen Rick (Damian Hardung), der sich malerisch mit Gitarre auf dem Mäuerchen drappiert, jedoch im direkten zwischenmenschlichen Umgang kein Wort herausbekommt. Um Bennos Pläne zu durchkreuzen hilft Cyril dem unbedarften Nick, denn die Worte, die dem Schönling fehlen, hat er im Übermaß. Herzerweichende Liebesgedichte fliegen Roxy über den WhatsApp-Account des tumben Strohmannes entgegen. Dramatische amouröse Verwicklungen nehmen Fahrt auf.

Große Nase, eine unerreichbare Frau und fein geschmiedete Liebesverse – die Plot-Zutaten, die Aron Lehmann in „Das schönste Mädchen der Welt“ auf der Leinwand ausbreitet, kommen einem irgendwie bekannt vor. Kein Wunder, denn Lehmann hat den Literatur- und Kinoklassiker „Cyrano de Bergerac“ dreist ins hippe Jugendfilmformat übersetzt. Der Erzählrahmen einer Klassenfahrt und die coolen Sprüche docken unübersehbar am Publikumsliebling „Fack ju Göhte“ an. Aber tief drin schlägt das Herz eines klassischen Verwechslungsdramas.

Kann das gut gehen? Eigentlich nicht, tut es aber trotzdem. Weil die Drehbuchautoren Lars Kraume („Das schweigende Klassenzimmer“) und Judy Horney sich dem jungen Zielpublikum nicht durch Pennälerhumor anbiedern. Vielmehr bringen sie ihre Geschichte genau in jene Balance zwischen leichter Komödie und Herzblut-Drama, die ja auch dem Wesen pubertärer Liebesfindung stets innewohnt. Mit dem Wechselverhältnis zwischen äußerer und innerer Schönheit wird hier zudem ein ewiges und trotzdem hochaktuelles Thema der Adoleszenz glaubwürdig und ohne fadenscheiniges Moralisieren ins Zentrum gerückt.

Aaron Hilmer und Luna Wedler geben ein herzallerliebstes, verhindertes Liebespaar ab, gerade weil hier die klassischen Geschlechterzuschreibungen gut aufgemischt werden. Mit „Das schönste Mädchen der Welt“ zeigt Aron Lehmann („Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“), dass man eine jugendliche Zielgruppe bestens unterhalten und sie trotzdem ernst nehmen kann. Damit setzt der Film innerhalb seines Mainstream-Rahmens ein selbstbewusstes Zeichen gegen die Verblödungsstrategien, die immer noch viel zu viele amerikanische und deutsche Teenie-Komödien antreiben.

Das schönste Mädchen der Welt, Deutschland 2018 – Regie:  Aron Lehmann, mit Aaron Hilmer, Luna Wedler und Anke Engelke, 103 Min.

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