Filmkritik "Beale Street" von Barry Jenkins

Oscar-prämiertes Liebesdrama: Dieser Film macht die Welt ein bisschen besser

Das Liebesdrama „Beale Street“ von Barry Jenkins ist die schmerzhaft schöne Verfilmung des Romans von James Baldwin.

Romanverfilmungen halten sich allzu oft an die Buchstaben ihrer Vorlage, sie können sich nicht lösen und scheitern deshalb. Barry Jenkins, der Regisseur von „Beale Street“, hat das nicht gemacht, er hat völlig frei gedacht und nicht den zugrundeliegenden Roman verfilmt, sondern das Licht, das zwischen dessen Zeilen brennt. Das Ergebnis ist fabelhaft.

„Beale Street Blues“ heißt der Roman von James Baldwin (1924-1987), er erschien 1974 und erzählt eine ziemlich traurige Geschichte. Es geht um Tish und Fonny, sie sind jung und lieben einander, aber die Verhältnisse, sie sind nicht so. Ein Polizist, der Fonny schon länger auf dem Kieker hat, hängt ihm eine Vergewaltigung an, die er nicht begangen hat, und so kommt Fonny ins Gefängnis und niemand glaubt ihm, dass er unschuldig ist, denn Fonny hat dunkle Haut und der Polizist helle. Bei ihrem ersten Besuch im Gefängnis erzählt Tish ihrem Freund, dass sie schwanger ist, und sie drücken ihre Hände gegeneinander, doch sie spüren die Wärme des anderen nicht, denn zwischen den Händen ist eine Panzerglasscheibe.

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, zum einen, weil da ein männlicher Schriftsteller eine weibliche Figur in der ersten Person erzählen lässt. Zum anderen, weil auf sehr eindringliche Weise Rassismus beschrieben wird und der Ton dennoch stets voller Menschenliebe bleibt. Vielleicht gibt es trotz all der Härte in seinen Texten überhaupt keinen Autor, der die Menschen derart geliebt hat wie James Baldwin. Er hatte die Befähigung, erschüttert zu sein und erschüttern zu können.

Barry Jenkins wird das aufgefallen sein, und deshalb hat er kein Sozialdrama in düsteren Tönen entworfen, sondern einen lichtdurchfluteten Liebesfilm ohne Wut und Depression. Der 39-Jährige gewann vor zwei Jahren den Oscar mit „Moonlight“, und die ästhetische Handschrift, die jenen Film zu etwas Neuem und Verblüffendem gemacht hat, trägt nun auch „Beale Street“. Jenkins’ Lieblingsfarbe ist gelb, ein Sonnenblumengelb, Tish trägt gerade zu Beginn des Films denn auch immerzu gelb, sie wirkt wie eine Blume in einer Welt aus Argwohn. Jenkins geht ganz nah an die Gesichter der Menschen heran, sie sehen den Zuschauer unverwandt an. Dieser Film ist eine einzige Gesichts-Cheoreografie, dieser Film erwidert den Blick des Hinsehenden, er schaut zurück, und der Effekt ist herzergreifend. Man schaut in diese Gesichter, man kommt ihnen nahe, und dazu singt Nina Simone „All that I ask is a kiss a day / And I‘ll give you love that‘ll never go away“, und dann fragt man sich, warum die Menschen nicht einfach das Glück des Daseins genießen können, sondern einander immer etwas antun müssen.

Dass James Baldwin derzeit eine so massive Renaissance erfährt, die seine neu übersetzen Bücher auch hierzulande in die Bestsellerlisten schwemmt, liegt ja auch daran, dass seine Themen nach wie vor aktuell sind. Rassismus sammelt seine Häme still und heimlich, befand Baldwin, und Rassismus tut dabei ganz unschuldig. Rassismus ist nach Baldwin wie Frauenfeindlichkeit atmosphärisch, man sieht ihn zunächst nicht, aber mit der Zeit begreift man doch. „Ich bin kein Nigger, sondern ein Mensch“, schrieb Baldwin. Und: „Hautfarbe ist keine menschliche oder persönliche Realität; sie ist eine politische Realität.“ Er ist schon seit 32 Jahren tot, aber sein Befund trifft noch immer zu.

Baldwin schrieb mit Vehemenz und Schärfe, aber stets poetisch, er wollte den Schmerz der Menschen in Kunst verwandeln, und genau so geht nun auch Barry Jenkins vor. In seinem Film ist wie in Baldwins Texten dieser Hunger nach Leben spürbar. Liebe ist bei beiden ein Akt des Widerstands. Und so arbeitet Tishs Familie mit vereinten Kräften daran, Fonny herauszuholen. Sie engagieren einen Anwalt, sie finden heraus, dass das Vergewaltigungsopfer gedrängt wurde zu seiner Aussage, und immerzu schauen sie einander an, nehmen einander in den Arm. Regina King, die Tishs Mutter spielt, bekam für ihre Darstellung den Oscar als beste Nebendarstellerin. In ihrer Rede würdigte sie James Baldwin als größten Schriftsteller unserer Zeit.

Der Film hat den Rhythmus des Jazz übernommen, er springt in der Zeit, die Liebe zwischen Tish und Fonny wird in Rückblenden erzählt. Dazwischen schneidet Jenkins dokumentarische Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Harlem der 1970er Jahre. Tish spricht über einen großen Teil dieser Szenen aus dem Off, und man sollte darauf achten, wie ihre Stimme sich verändert, wie das Gesagte seinen Sound allmählich variiert. An der Figur der Tish wird ein Coming-Of-Age-Drama erzählt, ein Erwachsenwerden also, ein Entwicklungsroman. An ihren Worten kann man ablesen, dass sie zu derselben Erkenntnis gekommen ist wie einst Baldwin: „Du bist in eine Gesellschaft hineingeboren worden, die dir mit brutaler Offenheit und auf vielfältige Weise zu verstehen gibt, dass du ein wertloser Mensch bist.“

Es gibt eine unglaublich traurige und zugleich unglaublich schöne Schluss-Szene in diesem Film. Den Abspann hindurch muss man eigentlich nur seufzen. Es kann nicht sein, dass es 2019 ist und wir die Sache mit der Menschlichkeit immer noch nicht hinbekommen, denkt man beim Verlassen des Kinos. Aber vielleicht machen dieser Film und dieses Buch die Welt ja ein bisschen besser. „In unserer Zeit wie in jeder Zeit“, schrieb James Baldwin, „ist das Unmögliche das Mindeste, das man verlangen kann.“