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Filmfestspiele von Venedig 2017: George Clooney zeigt "Suburbicon"

Filmfestival Venedig : Fonda und Redford bekommen Goldenen Löwen

George Clooney zeigt bei den Filmfestspielen von Venedig "Suburbicon" - die rabenschwarze Komödie über den amerikanischen Traum nach einem Drehbuch der Coen-Brüder. Künstler Ai Weiwei scheitert an einem Projekt über Flüchtlinge

Er sieht dunkle Wolken über den USA, sagt George Clooney. Immer noch hätte Amerika einen Teil seiner Geschichte - nämlich den Rassismus - nicht überwunden. "Aber ich bin Optimist und glaube an das Gute." Als Regisseur präsentierte er seinen sechsten Film auf dem Filmfestival von Venedig. Auch am Ende seiner äußerst schwarzen Komödie "Suburbicon" gibt es Hoffnung; doch erst nachdem viele Figuren auf teils abenteuerliche Weise das Zeitliche gesegnet haben.

Der Film basiert auf einem Drehbuch der Coen-Brüder, was man ihm in jeder Minute anmerkt: skurrile Figuren, irrwitzige Zufälle, dazu Gewalt, die sich immer wieder unvermutet Bahn bricht. Das alles sind Zutaten, die schon Filme wie "Fargo" oder "Burn after reading" unvergesslich und zu Ikonen des Genres gemacht haben.

Joel und Ethan Coen wollten den Film wohl selbst in den 90er Jahren verwirklichen, was allerdings nie zustande kam. Nun überließen sie das Drehbuch Clooney, der schon in einigen Werken der Oscar-ausgezeichneten Brüder agierte. Und er beweist sich wie schon in seinen vorherigen Filmen ("The Ides of March") als geschickter Erzähler - durchaus mit Stilwillen.

Denn "Suburbicon" spielt 1959 in einer amerikanischen Musterstadt. Am Anfang blättert sich ein Bilderbuch auf, das die Geschichte dieser Stadt erzählt, in der weiße Familien den amerikanischen Traum verwirklichen. Das Verbrechen zerstört diese pastellfarbene Idylle, als eines Nachts zwei Killer in das Haus von Gardner Lodge (Matt Damon) einbrechen, die Familie fesseln und sie mit Chloroform betäuben. Die Mutter (Julianne Moore) überlebt den Vorfall nicht. Erzählt wird aus der Perspektive des kleinen Sohnes Nickie, der erstaunt zur Kenntnis nehmen muss, dass nun seine Tante (ebenfalls Julianne Moore) ins Haus einzieht und die Rolle seiner Mutter einnimmt. Erst als der Vater die beiden Einbrecher auf der Polizeiwache nicht identifiziert, merkt Sohn Nickie, dass etwas nicht stimmt.

Herrlich, wie sich die beiden Durchschnittsamerikaner (Damon und Moore) immer weiter in Lügen verstricken, wie sie immer dämonischer werden und vor nichts zurückschrecken. Als ein gerissener Versicherungsvertreter versucht, sie zu erpressen, geraten die Dinge außer Kontrolle. Wunderbar schmierig spielt Oscar Isaac diese Rolle, die bei einer Coen-Verfilmung eigentlich Clooney hätte übernehmen sollen.

Zum Drehbuch hat Clooney einen Handlungsstrang hinzugefügt, der wie ein Kommentar auf das derzeitige Amerika wirkt. Neben den Lodges ist eine schwarze Familie eingezogen, die sich zunehmend rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sieht, bis irgendwann ein weißer Mob vor dem Haus steht und droht, es anzuzünden.

Das weiße Suburbicon fürchtet die schwarzen Nachbarn, obwohl die wahren Monster eigentlich nebenan wohnen. Und auch wenn dieser Teil der Geschichte tatsächlich etwas angehängt wirkt, verleiht er dem Film gerade in der Zeit unmittelbar nach den Protesten von Charlottesville eine traurige Brisanz.

Diese besitzt auch der Dokumentarfilm "Human Flow" von Ai Weiwei. Der bildende Künstler hat Flüchtlinge in 23 Ländern beobachtet. Er selbst tritt immer wieder auf mit seinem iPhone in der Hand. Denn so begann die Idee für diesen Film. Er sei im Urlaub 2015 auf Lesbos gewesen und habe angefangen zu filmen, erzählt er. Dann habe er gemerkt, dass er so ein Projekt nicht allein stemmen kann, und suchte sich Partner. Herausgekommen ist ein mit 140 Minuten etwas langes und unstrukturiertes Kaleidoskop verschiedener Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen aus ihren Ländern fliehen.

Die Einzelschicksale treten allerdings vor dem großen Ganzen zurück. "Diese Probleme betreffen uns alle", sagt der chinesische, in Berlin lebende Künstler. Ihm gehe es vor allem um die Menschlichkeit. Sicher ein ehrenwertes Anliegen, was den Film jedoch nicht unbedingt rettet. Ein Erkenntnisgewinn bleibt leider aus.

Goldener Löwe für Jane Fonda und Robert Redford

Nicht um Erkenntnis, aber um ganz viel Gefühl geht es in dem neuen Film von Robert Redford (81) und Jane Fonda (79), die erstmals nach "Der elektrische Reiter" von 1979 wieder gemeinsam vor der Kamera standen. "Unsere Seelen bei Nacht" erzählt nach dem Bestseller von Kent Haruf von zwei alternden Nachbarn, die noch einmal die Liebe wagen. Der Film schafft es, herzerwärmend, romantisch und unsentimental diese vorsichtige Annäherung zu schildern, die vom Umfeld der beiden Verwitweten skeptisch begleitet wird.

Beide Darsteller erhielten in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk, und die Pressekonferenz dazu gehörte sicher zu den Höhepunkten, die dieses Festival je erlebt hat. Jane Fonda habe sich schon bei "Barfuß im Park" (1967) in ihren Kollegen verliebt, erzählt die Schauspielerin. "Ich konnte meine Finger nicht von ihm lassen", sagt Fonda. Er kontert: "Und ich wollte unbedingt noch einen Film mit ihr machen, bevor ich sterbe." Natürlich bereite das Alter Zipperlein ("alles hängt", sagt eine blendend aussehende Fonda kokettierend). Aber wenn man diese beiden Junggebliebenen so sieht, dann verliert das Alter doch etwas seinen Schrecken - und die Rente mit 70 auch.

(RP)