Kathryn Bigelow gegen James Cameron: Zweikampf um die Oscars

Kathryn Bigelow gegen James Cameron: Zweikampf um die Oscars

Los Angeles (RP). In der Nacht zu Montag werden die wichtigsten Filmpreise der Welt vergeben. Favoriten in den Königskategorien sind die Werke zweier Regisseure, die früher ein Ehepaar waren: Kathryn Bigelow und James Cameron.

Das sind die letzten Stunden vor Vergabe der Oscars in der Nacht zu Montag, und in diesem Jahr ist das Rennen um die wichtigsten Filmpreise der Welt besonders aufregend. Trotz großartiger Konkurrenz durch Werke wie "A Serious Man" von den Coen-Brüdern und "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino zweifelt in den USA kaum jemand daran, dass eine andere Produktion als "Avatar" oder "Tödliches Kommando" siegen wird. Beide Titel sind je neun Mal nominiert, unter anderem in der Königsdisziplin "Bester Film". Und ihre Macher James Cameron und Kathryn Bigelow kämpfen gegeneinander um die "Beste Regie".

Es lohnt, sich die Arbeiten der von 1989 bis 1991 miteinander verheirateten Regisseure einmal genauer anzusehen. Ihre Parallelen sind verblüffend, eigentlich erzählen sie sogar dieselbe Geschichte, allerdings in völlig gegensätzlichen Ausführungen. In beiden Fällen geht es um das Eindringen amerikanischer Soldaten in eine fremde, feindliche Welt. Überleben können Menschen dort nur in Spezial-Anzügen, die sie vor Feuer und Atmosphäre schützen. In "Avatar" ist es der Lichtjahre entfernte Planet Pandora, dessen Bodenschätze mit einigem Hightech geplündert werden sollen. In "Tödliches Kommando" begleitet der Zuschauer die "Kompanie Bravo", eine Kampfmittelräum-Einheit, in den Straßen von Bagdad.

Cameron legt seine Erzählung als Fantasy-Märchen an. Er flüchtet in die interstellare Allgemeingültigkeit, gibt seiner realpolitisch verbrämten Story mythologische Wucht. Der 55-Jährige ist der erfolgreichste Filmemacher der Welt, er hat "Titanic" geschaffen, und er weiß, dass sich die Menschen danach sehnen, Gut und Böse unterscheiden zu können. Also löst er alle Konflikte mit einem finalen Kampf, dem großen Knall. Danach leben die Guten in Frieden und Schönheit, und die Bösen müssen fliehen.

Kathryn Bigelow wählt einen intellektuelleren Ansatz. Die 58-Jährige ist eine der wenigen Action-Regisseurinnen in Hollywood, sie drehte hochwertige Genre-Klassiker wie "Blue Steel" mit Jamie Lee Curtis und "Gefährliche Brandung" mit Patrick Swayze. In diesen Filmen fiel die subjektive Perspektive ihrer Kamera auf. Ihr markantes stilistisches Merkmal hat sie nun weiterentwickelt. "Tödliches Kommando" bezieht den Großteil seiner Spannung aus der dokumentarischen Herangehensweise.

Man sitzt gleichsam mit den Soldaten im Panzerwagen auf dem Weg zum Einsatz. Das Bild wackelt, wenn das schwere Gefährt über einen Stein holpert. Man sieht nur Hände und Kabel, wenn der Hauptdarsteller die Bombe entschärft. Und man empfindet die Landesbewohner als Bedrohung, die Hitze und den Staub als Belastung. Bigelow ist eine Radikale, ihr Realismus kennt keine Gewinner, nur Stress und psychische Deformation. Bei ihr fehlt Leben und Sterben der Grund, es hat keinen Zweck. Ihr Werk ist der Gegenentwurf zur Romantik in den Filmen des Ex-Gatten.

Vielleicht ist es tatsächlich eine politische Entscheidung, die die Academy zu fällen hat. Welcher Film ist der beste? Das 350 Millionen Dollar teure Märchen mit Bezug zur Wirklichkeit oder der 15-Millionen-Essay über die USA als Kolonialmacht? Es geht hektisch zu in L.A. Der Franzose, der "Tödliches Kommando" finanziert hat, schickte eine Mail an die Academy-Mitglieder: Sie möchten bitte nicht für "Avatar" stimmen, wenn sie am unabhängigen Film interessiert seien. Der Mann wurde von der morgigen Zeremonie ausgeschlossen.

Die Entscheidung wird das Selbstverständnis der Jury beleuchten. Aus ästhetischer Sicht führt kein Weg an "Avatar" vorbei. Seine 3D-Technik ist eine Revolution. Er verwirklicht die Vision eines raumgreifenden und tiefenscharfen Kinoerlebnisses. Seine Popularität zeigt, wie gut der Film in die Zeit passt. Würde Bigelow das Rennen machen, bewiese das Gremium damit, dass es sich stärker einem gesellschaftlichem Erziehungsauftrag verpflichtet fühlt. Vielleicht geht es salomonisch zu: "Avatar" bester Film, "Tödliches Kommando" beste Regie. Spannend ist jedenfalls nicht allein die Vergabe der Oscars. Sondern auch die Maßgabe ihres Wertes, die sich daraus ergibt.

(RP)