Zum Tod von Hannelore Elsner: Ihr beim Leben zuzusehen, war eine große Freude

Zum Tod der großen Schauspielerin : Hannelore Elsner beim Leben zuzusehen, war eine große Freude

Die große Schauspielerin Hannelore Elsner starb 76-jährig in München. Kaum jemand hatte so große Lust am Neuen und so viel Freude an der Gegenwart wie sie. Eine Würdigung.

Vielen fällt im Zusammenhang mit Hannelore Elsner direkt das Wort Diva ein. Doch der Begriff charakterisiert diese Frau nur bedingt, denn Diven leben in großem Abstand zur Welt, sie schweben über den Dingen, entstammen einer anderen Zeit und blicken spöttisch auf die Gegenwart. So gesehen war Elsner das genaue Gegenteil: Kaum jemand war neugieriger als sie, hatte größere Lust auf das Neue. Vor ein paar Jahren legte sie ihre Autobiografie vor. „Im Überschwang“ heißt der Band, was ja auch schon viel über seine Verfasserin verrät, und bei der Präsentation sagte Elsner den tollen Satz, sie finde das Leben „ums Verrecken schön“.

Hannelore Elsner ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am Wochenende gestorben. Sie war 76 Jahre alt, sie litt an Krebs, und wer sie vor gut einem Monat bei der Vorstellung ihres Kinofilms „Kirschblüten und Dämonen“ gesehen hat, mag gar nicht glauben, dass da eine Sterbenskranke auf dem Roten Teppich stand. Man hat sie ja nicht bloß für ihr Spiel geliebt, sondern auch für ihr So-Sein, für das Spontane und Überraschende, das sie immer ausgezeichnet hat. Sie hatte mitunter wirklich bescheuerte Rollen, aber wenn Hannelore Elsner im Fernsehen auftrat oder im Kino, hat man – vor allem zuletzt – immer auch hinter die jeweilige Figur geblickt und gedacht: Was sie nun das wieder macht!

Elsner wurde 1942 in Burghausen geboren, sie wuchs in München auf, und sie war München, woanders kann man sie sich ja gar nicht vorstellen. In ihrem Erinnerungsbuch erzählt sie Einiges über ihre Kindheit, es gab da viel Schmerz: Der Vater starb, als sie acht war. Der Bruder kam als Kind bei einem Bombenabgriff um, die Mutter erlag 59-jährig einem Herzinfarkt. „Die Dinge sind nicht von alleine schön, man muss sie sich erkämpfen“, sagte Elsner. Sie spielte Theater, Münchner Kammerspiele, und 1959 war sie das erste Mal im Kino zu sehen, an der Seite von Freddy Quinn in „Freddy unter fremden Sternen“. Einige Jahre adelte sie mit ihrer Grandezza Filme wie „Allotria in Zell am See“ und „Tante Jutta aus Kalkutta“.

Regisseure wie István Szabó und Edgar Reitz erkannten indes das Talent dieser Schauspielerin. Man sollte sich unbedingt Will Trempers Film „Die endlose Nacht“ aus dem Jahr 1963 ansehen. Über dem Flughafen Tempelhof liegt Nebel, Flugzeuge müssen am Boden bleiben. Die Reisenden sind an diesem Transit-Ort gefangen, und Elsner spielt eine junge Frau, die nirgendwo hin kann und nun eine Übernachtungsmöglichkeit sucht. Sie spricht Männer an: „Haben Sie Feuer?“. Und allein, wie kokett sie die Zigarette zwischen den Fingern ihrer rechten Hand balanciert, wie sie an der Kippe zieht, den Mund öffnet und nach einer gefühlten Ewigkeit den Rauch dann doch durch die Nase ausatmet, ist das Geld für die DVD wert.

Überhaupt würde es sich lohnen, die Szenen aus Elsners Filmografie zusammenzuschneiden, in denen sie raucht. Die Stelle in Oskar Roehlers „Die Unberührbare“ (2000) etwa, ihrem Comeback nach 15 Jahren Kino-Abstinenz: Sie spielt eine Schriftstellerin mit Hang zur Selbstzerstörung, sie telefoniert und raucht, und ihre rechte Hand sieht aus wie von Rodin geformt; die Zigarette scheint zwischen den Fingern zu schweben.

Diese Stimme! Diese Art zu sprechen! Diese Gelassenheit! Hannelore Elsner war cool. Sie hatte diese seltene Art von biografisch beglaubigtem Stil. Sie war selbstbewusst und freundlich. Geheimnisvoll, dabei aber nie abweisend. Es gibt ein legendäres Foto, das sie auf dem Deutschen Filmball mit Bernd Eichinger zeigt, mit dem sie drei Jahre liiert war. Sie lässt sich da gerade Champagner in ihren hochhackigen Schuh gießen – späte 80er, frühe 90er Jahre halt. Sie war grundsätzlich einverstanden mit dem Sein, das strahlte ab auf ihre Filme, sie gab jedem Auftritt eine Temperatur, selbst dann, wenn sie stark verkleidet war wie kürzlich in „Der große Rudolph“ als Mutter des Modeschöpfers Rudolph Moshammer.

Manchmal ist es so, dass einen die Nachricht vom Tod eines Prominenten besonders berührt, obwohl man ihn nie persönlich getroffen hat. Woran liegt das? Im Fall von Hannelore Elsner sicher auch an ihrer Integrität, ihrem Charme. Aber vor allem daran, dass man immer gespannt darauf war, wie sie lebt, wie sie sich verhält und weitermacht und wie sie sich zu den Gegebenheiten stellt. Sie spielte im „Tatort“, sie war die „Kommissarin“, und ihre irrste Rolle war sicher die der Mutter des Rappers Bushido in „Zeiten ändern dich“. Sie war immer da, sie begleitete einen.

In den vergangenen 20 Jahren hatte sie ihre wichtigsten Auftritte, neben der „Unberührbaren“ auch der große Monolog „Mein letzter Film“ (2002) und „Kirschblüten – Hanami“ (2008) von Doris Dörrie. Sie machte das, sie konnte das, es gehörte sie für sie zusammen: Drama und Komödie, das Schwere und das Leichte, Reife und Naivität. Sie sehnte sich nach dem Kino der Nouvelle Vague, war in der „Süddeutschen Zeitung“ zu lesen: die Lässigkeit, die Zigaretten, der Rotwein, und dazu läuft die Kamera. Das Beiläufige, das so existenziell sein kann. In der eben beschriebenen Szene aus der „Unberührbaren“ wird sie am Telefon gefragt, ob sie eine Zigarette rauche. „Ich lasse sie gerade ausgehen“, entgegnete sie. Man hoffte so sehr, dass sie es nicht tun würde.

Hannelore Elsner beim Leben zuzusehen war eine große Freude.

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