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Wie die Kinos nach Corona weitermachen

Kino nach Corona : Aus Hollywood fehlt der Nachschub

Wenn die Kinos wieder öffnen, ist die Corona-Krise im Film noch nicht ausgestanden. Fraglich ist, ob das Publikum überhaupt kommt.

Eigentlich sollten jetzt gerade die Filmfestspiele in Cannes laufen. Die wurden aber abgesagt, wegen der Bedrohung durch das Coronavirus natürlich, und deshalb muss die Welt nun nicht bloß verzichten auf Fotos von Stars auf Roten Teppichen unter Palmen. Sie muss auch weiter warten auf Filmereignisse, die für die Croisette avisiert gewesen sind: die neue Produktion von Wes Anderson etwa oder die Fortsetzung von „Top Gun“. Die Frage ist ja ohnehin: Wie lange müssen Filmfans noch auf Nachschub warten? Und: Wird denn nach Corona wieder alles so sein wie früher?

Thierry Frémaux glaubt nicht daran, dass die Branche zurückkehrt zu dem Zustand, der noch im Februar herrschte. Der Festivalchef von Cannes ist sich sicher, dass die Pandemie die Veränderung des Kinos beschleunigt habe: „Wir müssen diese Krise nutzen, um der Zukunft zu begegnen.“ Frémaux plant nun, sein für Cannes zusammengestelltes Programm zu den später stattfindenden Festivals etwa in Toronto touren zu lassen. Auswärtsspiel, sozusagen. Außerdem will er Ende Mai eine Empfehlungsliste veröffentlichen. Darauf sollen Filme stehen, die „Cannes-Niveau“ haben. Auch das werde immer wichtiger, findet Frémaux: dass Kinos und Festivals stärker kuratierend wirkten. Was im Katalog von Netflix und Co. Qualität habe und was nicht, wisse doch sonst niemand mehr.

Wie tiefgreifend der Wandel bereits jetzt ist, lässt sich auch daran ablesen, dass die Oscars 2021 erstmals an Filme vergeben werden dürfen, die nie im Kino zu sehen gewesen sind. Bisher war es so, dass selbst Netflix-Produktionen zumindest pro forma sieben Tage in wenigstens einem Kino in Los Angeles laufen mussten. Aber auch dort bleiben die Vorhänge vor den Leinwänden derzeit geschlossen.

Dass nun am heiligen Oscar-Statut gerüttelt wurde, könnte ein weiter Grund sein, dass die fünf großen Studios in Hollywood (Warner, Disney, Universal, Columbia und Paramount) ihre Produktionen rascher fürs Streaming freigeben und gar nicht mehr zuallererst an die Kinos denken. Disney hat bereits angekündigt, die aufwändige Verfilmung des Jugendbuchs „Artemis Fowl“ direkt in sein Streamingportal Disney+ zu schicken. Und Universal bietet den Animationsfilm „Trolls World Tour“ digital zum Leihen an. 19,99 Dollar kostet das Vergnügen in den USA, dort sollen binnen drei Wochen 100 Millionen Dollar zusammengekommen sein. Das hat die Chefs der weltgrößten Kinokette AMC, die im Übrigen gerade ihre Insolvenz abwenden konnte, indem sie Kredite aufnahm, wie die „Zeit“ berichtet, so auf den Baum gebracht, dass sie Universal künftig boykottieren wollen.

In US-Magazinen wird bereits gemunkelt, dass künftig jedes Studio seinen eigenen Streamingdienst starten könnte. Anthony Lane, Filmkritiker des „New Yorker“ sah als letzten Film vor Corona das Banditen-Epos „True History Of the Kelly Gang“ in einer Pressevorführung. Die Produktion kam dann aber gar nicht erst auf die Leinwand, sondern direkt wurde zum Download zur Verfügung gestellt. Anthony Lane sah ihn sich daheim auf seinem Laptop erneut an, um mal zu vergleichen, und das Ergebnis war „shocking“, schreibt er: alle Wildheit gezähmt, aller Grandeur geschrumpft. Bange Frage nach Lektüre des Artikels von Anthony Lane: Hat Corona das Kino getötet? Kinos als Erlebnis? Und als Kunstform?

Christine Berg verneint vehement. Sie ist die Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF), dem 3300 Leinwände angehören. „Das Kino wird sogar gewinnen“, sagt sie. Es werde gestärkt aus der Krise hervorgehen. Nirgendwo sonst könne man in Gemeinschaft so in eine andere Welt entführt werden. Und nirgendwo sonst könne man Filme so konzentriert genießen. Christine Berg nennt die deutsche Produktion „Systemsprenger“ als Beispiel. So ein toller Film, findet sie. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich dieser fordernden Produktion zu Hause auch gestellt hätte. Oder ob ich nicht zwischendurch etwas zu trinken geholt hätte.“ Sie ist jedenfalls froh, das Werk vor Corona im Kino gesehen zu haben.

Grundsätzlicher Optimismus also. Aber eben auch Sorge. Denn bisher haben nur vier Länder angekündigt, dass Kinos wieder öffnen dürfen: Nordrhein-Westfalen für den 30. Mai, außerdem Hessen, Sachsen und Schleswig-Holstein. Das sei einerseits gut, sagt Berg, weil laut HDF-Umfrage bis zu 50 Prozent der Betriebe die Insolvenz droht, wenn die Schließung weitere vier Wochen anhalten würde. Andrerseits wünschen sich Berg und der HDF dringend bundesweit einheitliche Regelungen. „Wir brauchen einen abgestimmten Fahrplan und keinen Flickenteppich“, fordert sie.

Einheitlichkeit sei so wichtig, weil die Vorbereitung der Kinos für die Hygieneregelungen etwa drei Wochen Zeit benötige: Online-Verkauf, Reihen sperren, Notausgänge umwidmen, Desinfektionen sicherstellen. Und: Es muss ja überhaupt erstmal Filme geben, die man zeigen könne. Hollywood bringt sicher keine teuren Produktionen auf den deutschen Markt, wenn nur vier Bundesländer sie vorführen. Das würde sich nicht rechnen. Und selbst wenn alle Kinos offen sind, erreicht die Auslastung wegen der Risikoabstände je nach Größe des Kinos möglicherweise nur 30 Prozent. Genügt das? „Drei Wochen können die Kinos vom Repertoire leben“, meint Berg: Klassiker zeigen und Filme, deren Laufzeit von Corona unterbrochen wurde. Aber danach?

Große Filmstarts wurden in den Herbst verschoben oder ins nächste Jahr. Berühmteste Beispiele: der neue James Bond und das Marvel-Abenteuer „Black Widow“. Dreharbeiten wurden eingefroren. Hollywood rechnet mit Verlusten in Milliardenhöhe. Und noch weiß ja keiner, ob die Menschen überhaupt ins Kino wollen, wenn sie denn dürfen. Außerdem droht im schlimmsten Fall dasselbe Schicksal wie in China: Dort öffneten manche Häuser im März wieder, bald danach mussten sie indes erneut schließen, weil die Infektionszahlen wieder anstiegen. „Wir müssen Vertrauen schaffen“, weiß auch Christine Berg. „Wir müssen nachweisen, dass es im Kino mindestens genauso sicher ist wie im Supermarkt um die Ecke.“

Immerhin Regisseur Christopher Nolan scheint an das Gute zu glauben. Sein lang ersehnter Film „Tenet“ soll nach wie vor am 17. Juli in den USA starten. Ein Wagnis, denn die Produktion kostete 205 Millionen Dollar. In der „Washington Post“ erläuterte Nolan, warum er an den Start glaubt. Kinos schreibt er, seien ein wichtiger Teil des öffentlichen Lebens. Und „wenn diese Krise vorüber ist, wird das Bedürfnis nach kollektivem, menschlichem Engagement, das Bedürfnis, zusammen zu leben, und zu lieben, zu lachen und zu weinen, stärker sein als je zuvor.“