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Philip Seymour Hoffman: Warum dieser frühe Tod so zornig macht

Philip Seymour Hoffman : Warum dieser frühe Tod so zornig macht

Der Name von Philip Seymour Hoffman war ein Versprechen auf reiche Kinoabende. Nun starb der 46-Jährige.

In Nachrufen sollte es genau genommen nicht um den Toten gehen, sondern um die Gesellschaft, die er hinterlässt. Um die muss man sich kümmern, man muss die Hinterbliebenen trösten, ihnen sollte man zu erklären versuchen, wie sie nun ohne den Verstorbenen weiterleben sollen. Im Falle des amerikanischen Schauspielers Philip Seymour Hoffman ist das besonders schwierig. In die Bestürzung über den Verlust eines der größten Talente Hollywoods mischen sich nämlich Verzweiflung und Zorn: Wie kann man als intelligenter Mann im Jahr 2014 so bescheuert sein und Heroin nehmen? Und: Hat jemand, der von so vielen Menschen gemocht wird, nicht auch eine Verantwortung dieser Gemeinschaft gegenüber? Muss er nicht allein deshalb auf sich acht geben, weil die anderen traurig wären, wenn es ihn nicht mehr geben würde? Ist das nicht so? Oder sind diese Gedanken naiv? Oder anmaßend?

Philip Seymour Hoffman war nur 46 Jahre alt, als die Polizei ihn mit einer Nadel im Arm in der Dusche seines New Yorker Apartments fand. Es gibt nicht die eine Rolle, die man nennen würde, wenn sein Name erwähnt wird. Er konnte alles: lüsterne Pfarrer. Sektenführer. Größenwahnsinnige. Rockkritiker. Heulsusen. Er war der spielsüchtige Bankangestelle in "Owning Mahowny". Und wie er im Ruderboot saß, als viel zu spät Verliebter in "Jack In Love", greift einem ans Herz. Er war gut, manchmal sehr gut, meistens brillant. Er spielte den Schriftsteller Truman Capote so, dass man dachte: Der ist Capote! Dafür bekam er 2006 den Oscar, das war sein Durchbruch, nachdem er zunächst vor allem in Nebenrollen aufgefallen war. In Nebenrollen, die so manche Produktion überhaupt erst sehenswert gemacht haben. "Magnolia"! "Almost Famous"! "Punch-Drunk Love"! Der Regisseur Peter Sellars sagte über ihn: "Man findet einen derart mächtigen, atemberaubenden Schauspieler mit einer so perversen Imagination in jeder Generation nur einmal."

Hoffman berührte die Menschen, weil er selbst den miesesten Typen und erbärmlichsten Schlappschwänzen mit Verständnis begegnete, sie mit Sympathie ausstattete. In seinen größten Momenten hat er die Leinwand, jene Schicht also, die die Kunst von der Gegenwart trennt, durchlässig gemacht. Man dachte dann: Mist, das bin ja ich! Man fühlte sich ertappt. Oder verstanden. Vielleicht half Hoffman, dass er von jeher als Außenseiter in Hollywood galt. Schwache Mimik, schimpften die Produzenten zu Beginn seiner Karriere. Übergewichtig zudem. Tatsächlich war Hoffman ein sehr körperlicher Schauspieler. Er konnte Mitspieler überrollen, sie wegdrücken, er konnte aber auch vor ihnen tänzeln, sie umgarnen. Er war nicht schön in diesem Roter-Teppich-Sinn von schön. Nicht gala-glamour-schön. Sein Spiel hatte vielmehr jene Art von Schönheit, die man schwer erträgt, weil sie mehr über den Betrachter zu wissen scheint, als ihm lieb sein kann.

Große Schauspieler reichen den Zuschauern die Hand und ziehen sie hinein in andere Vorstellungswelten. Sie bieten den Zuschauern Identitäten an. Die stellen sich dann vor, wie es wäre, diese Figur zu sein. Solch eine Verwandlung kann eine beglückende Erfahrung sein. Gute Schauspieler bekommen es hin, dass man anders aus dem Kino kommt. Man hat Existenzen anprobiert und dabei gelernt, man hat Lebenserfahrung gesammelt. Und nun freut man sich zurückzukehren, heim ins Ich. Hoffmans Name war ein Versprechen auf viele weitere reiche Kinoabende.

Hoffman war Anfang 20, als er sich erstmals in Therapie begab. Alkohol, Drogen. Er galt 23 Jahre lang als clean, aber zuletzt hörte man von Rückfällen, auch von Entzug. Man kann das Drama, das sich im Leben Hoffmans abspielte, die Tragik hinter den Bildern vom scheinbaren Familienglück des dreifachen Vaters, nicht ermessen. Man mag sich auch nicht erklären, warum dieser Mann, der gefeiert wurde und sich in der drehfreien Zeit als Regisseur und Darsteller in New Yorks Off-Theater-Szene engagierte, so unwohl gefühlt hat, dass er unbedingt entfliehen wollte. Jedenfalls soll die Polizei drei Kuverts neben seiner Leiche gefunden haben, zwei davon enthielten Heroin.

"Ich will nicht das Gefühl haben, etwas Wichtiges im Leben verpasst zu haben", sagte Hoffman einst in einem Interview. Hast du aber, möchte man ihm hinterherrufen.

Und wir haben es auch.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Karriere des Philip Seymour Hoffman

(RP)