Neu im Kino: Roadmovie "Jackie": Über endlose Highways zu sich selbst

Neu im Kino: Roadmovie "Jackie" : Über endlose Highways zu sich selbst

In "Jackie" reisen zwei holländische Schwestern im Camper durch die Wüste von New Mexiko. Sie folgen dem Hilferuf ihrer leiblichen Mutter, die sie noch nie gesehen haben. Der Film ist ein Roadmovie der neuen Generation – Internet und Smartphone erinnern die Reisenden auch in der Wüste lange an ihre Pflichten. Erst als die Akkus leer sind, weichen die Rollenzwänge.

In "Jackie" reisen zwei holländische Schwestern im Camper durch die Wüste von New Mexiko. Sie folgen dem Hilferuf ihrer leiblichen Mutter, die sie noch nie gesehen haben. Der Film ist ein Roadmovie der neuen Generation — Internet und Smartphone erinnern die Reisenden auch in der Wüste lange an ihre Pflichten. Erst als die Akkus leer sind, weichen die Rollenzwänge.

Natürlich geht es in Roadmovies nur scheinbar darum, dass ein Held unterwegs ist zu irgendeinem Ziel. In Wahrheit erzählen Filme dieses Genres, welche Sehnsucht Menschen aus ihrem Zuhause treibt, was sie aufbrechen, unterwegs sein, mit Sicherheiten brechen lässt. Der Drang nach Freiheit und das Revoltieren gegen die Bürgerlichkeit waren es in den großen Tagen der Roadmovies, als Marlon Brando in "Der Wilde" oder Dennis Hopper und Peter Fonda in "Easy Rider" auf ihre Motorräder stiegen und der spießigen Enge davonbrausten.

Später wurden die Trips pädagogischer, sollten die Helden ein bisschen "Grüner Heinrich" sein und unterwegs einen Bildungsschub erfahren. Solche Geschichten hat Wim Wenders gedreht, als er "Im Lauf der Zeit" amerikanisches "On the Road"-Gefühl nach Deutschland importierte. In Hollywood verstrickten sich die Freiheitssucher bald immer mehr in Gewalt: tragisch, wie "Thelma & Louise", oder verächtlich wie Mallory und Mickey in "Natural Born Killers". So erzählte das Roadmovie in den 90ern Fluchtgeschichten, in den Jahren danach kam die Irrfahrt hinzu. Da schlingerte dann ein zugedröhnter Johnny Depp in "Fear and Loathing in Las Vegas" durch die Wüste. Im Dunst über Amerikas endlosen Highways spiegelt sich stets auch das Lebensgefühl einer Zeit.

Schlangenbiss und Wassermangel

Und nun schickt die Niederländerin Antoinette Beumer die Schwestern Carice und Jelka van Houten auf amerikanischen Asphalt und stattet sie aus mit allem technischen Pipapo: Navi, Handy, Laptop. Bestens vernetzt schmeißen zwei moderne Holländerinnen den alten Motor eines Campers an und röhren hinaus in die Prärie. Die beiden sind die leiblichen Töchter einer Amerikanerin, die als Leihmutter vor dreißig Jahren einem schwulen Paar in den Niederlanden den Kindertraum erfüllte. Inzwischen ist die Hippie-Frau eine wortkarge Alte, hat sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen und kann ihr rockiges Wohnmobil nicht mehr selbst bis zur Rehaklinik steuern.

So erreicht die inzwischen erwachsenen Töchter in Holland als erstes Lebenszeichen der Mutter ein Hilferuf, der sie in die Wüste von New Mexiko führt. Und die Schwestern wagen sich in die Wildnis, bleiben aber vertäut mit der Heimat, im Zeitalter totaler Vernetzung gibt es keinen totalen Aufbruch mehr.

Vordergründig erzählt Beumer in "Jackie", der am Donnerstag in die Kinos kommt, darum auch keine Abenteuergeschichte, sondern von der doppelten Selbstfindung zweier Frauen. Sofie ist Chefredakteurin einer Zeitschrift, eine ehrgeizige Karrierefrau, die so hart arbeitet, dass sie sich mit ihrem brachliegenden Sozial- wie Liebesleben gar nicht erst beschäftigen muss. Ihre Schwester Daan dagegen hat sich in die Ehe mit einem erfolgreichen Architekten geflüchtet, ist warmherzig, musisch, ungeschickt. Dass die beiden in den USA auf eine verwahrloste Frau treffen, die ihre Mutter sein soll, zwingt die unterschiedlichen Schwestern, spät im Leben, Gefährtinnen zu werden, denn auf ihrer Wüstentour gilt es allerhand Herausforderungen zu bestehen: Motorschaden, Wassermangel, Schlangenbiss und die störrische Hippie-Greisin, die lieber nicht mit ihren Töchtern spricht.

Offline zu sich selbst

Irgendwann geht aber doch der Funkkontakt mit der Heimat verloren. Von da an können die beiden Frauen sich selbst begegnen und erkennen fern der Heimat, wie sehr sie daheim gefangen sind in ihren sozialen Rollen — und im Netz moderner Kommunikation. In der Wüste von New Mexiko wirkt es irgendwann nur noch absurd, dass Sofie über ihren Computer weiter versucht, mit ihrer Redaktion zu telefonieren, um Herrin der intriganten Spiele ihrer Kollegen zu bleiben.

Und auch Daan wird bewusst, wie sehr sie sich von ihrem Mann bevormunden lässt, wie bequem das ist und wie einengend. Während die beiden also durch eine gottverlassene Gegend der USA reisen, gewinnen sie einen klareren Blick auf die Zwänge ihres Daseins, erkennen, dass auch das emanzipierte Leben westlicher Europäerinnen in die Entfremdung führen kann.

Anders als die zornigen Jungs der "Easy Rider"-Generation brechen die modernen Frauen Sofie und Daan also nicht auf, um mit coolem Gepose gegen die Gesellschaft zu opponieren. Als sie aber einmal in ihr Abenteuer geraten sind, erkennen sie aus der Distanz die Enge ihrer Verhältnisse, ziehen die Stöckelschuhe aus, kappen die Leitungen zu ihrem alten Leben und sehen, was bleibt, wenn sie nichts mehr gelten wollen, sondern leben.

"Jackie — wer braucht schon eine Mutter" erzählt davon in gefälliger Form. Doch der Film gewinnt auch Tiefgang, weil er zwei junge Frauen porträtiert, die an den Anforderungen unserer Zeit leiden, und eine Ältere, die als Blumenkind der 70er Jahre an anderen Idealen gescheitert ist.

Holly Hunter spielt sie als stumme Beobachterin, die irgendwann die lächelnde Dritte sein wird. Das ist der schöne Clou dieses Films, der den Erreichbarkeitswahn unserer Tage in die Wüste spiegelt und als die Akkus leer sind, eine sehr menschliche Geschichte erzählt.

(RP)