Umstrittene Rollenbesetzung: Tom Cruise — ein guter Stauffenberg

Umstrittene Rollenbesetzung : Tom Cruise — ein guter Stauffenberg

Düsseldorf (RP). Hollywood verfilmt das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944. Der Scientology-Aktivist Tom Cruise hat in der Produktion die Hauptrolle des Grafen Stauffenberg übernommen. Das erschüttert viele – muss es aber nicht.

Düsseldorf (RP). Hollywood verfilmt das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944. Der Scientology-Aktivist Tom Cruise hat in der Produktion die Hauptrolle des Grafen Stauffenberg übernommen. Das erschüttert viele — muss es aber nicht.

Zum Glück spielt Tom Cruise den Grafen Stauffenberg. Nicht nur, weil damit feststeht, dass die Produktion mit dem Arbeitstitel "Walküre" ein Welterfolg wird und Millionen Menschen die Geschichte des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 kennen werden. Sondern auch, weil diese Rolle — und es handelt sich für Tom Cruise um nicht mehr als eine Rolle — dem Schauspieler (45) wie auf den Leib geschneidert ist.

Die Dreharbeiten zu dem Film, in dem neben Cruise der irische Schauspieler Kenneth Branagh den Mitverschwörer Henning von Tresckow spielt, beginnen am 19. Juli im Studio Babelsberg. Gedreht wird auch vor dem Bendlerblock in Berlin, dem Ort der Hinrichtung Stauffenbergs und seiner Verbündeten durch das Hitler-Regime in der Nacht nach dem Attentat. Nur vor dem Gebäude, denn der Zutritt bleibt dem Filmteam versagt. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verweigerte die Drehgenehmigung in seinem Amtssitz. Der Bendlerblock sei keine Filmkulisse, sondern ein Ort der Trauer und Erinnerung, hieß es.

Die Absage erging auf dem Höhepunkt der Diskussion um die Besetzung von Cruise: Darf ein Werbeträger und leitender Aktivist der Scientology-Sekte den Widerstandskämpfer und gläubigen Katholiken Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen? Graf Berthold von Stauffenberg (72), der älteste Sohn des Hitler-Attentäters, fordert: Cruise "soll die Finger von meinem Vater lassen". Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) meldete sich: Man möge der Produktion die Mittel aus der deutschen Filmförderung streichen. 4,8 Millionen gibt der Deutsche Filmförderfonds für den Film aus.

Scientology ist eine Sekte mit totalitären Strukturen. Die Praxis der Gehirnwäsche haben Aussteiger hinlänglich beschrieben, der Umgang mit Kritikern spricht Bände, die Ideologie ist menschenfeindlich. Allein: Man wird sie im Film nicht spüren, denn sie wird keinen Eingang in ihn finden. Es gibt keinen Film mit Tom Cruise, in dem das Scientology-Programm thematisiert wird. Er macht keine Filme zur Erbauung der Scientologen. Man unterschätzt die Professionalität des Künstlers Tom Cruise, sein Talent, seinen Arbeitseinsatz und Ehrgeiz, wenn man ihm unterstellt, er werde seiner Stauffenberg-Darstellung reichlich von der ausgeflippten, peinlichen, idiotischen, wirklichkeitsfernen, beeinflussbaren, verblendeten, untragbaren Figur beimengen, die unter seinem Namen beinahe jeden Tag in den bunten Magazinen auftaucht.

Privat mag Cruise nach allem, was man hört, eine zweifelhafte Type sein — das Paramount-Studio verweigerte ihm wegen seiner Eskapaden 2006 die Vertragverlängerung nach 14 Jahren der erfolgreichen Zusammenarbeit. Im Job aber ist er ein As, und nur das sollte interessieren. Der große Vorzug von Tom Cruise ist sein Teflon-Gesicht. Darauf bleibt nichts haften, zumal nichts von dem, was Cruise denkt. Dieses Gesicht ist kein Seismograph innerer Erschütterung, sondern eine faltenfreie Projektionsfläche für großes Kino. Cruise trägt keine Rolle länger auf seinem Gesicht als für die Dauer eines Films.

Als einziger seiner Generation schaffte er so den Übergang vom Teenie-Star ("Top Gun", 1986; "Cocktail", 1988) zum ernsthaften Darsteller im Massenkino. Der Captain, den er in "Last Samurai" (2003) spielte, hat nichts von dem Lieutenant in "Eine Frage der Ehre" (1992). In "Krieg der Welten" (2005) rettet er den Globus anders als in "Mission Impossible I" (1996). Und Cruise verschwendet sich nicht. Er dreht einen Film pro Jahr — für Stars dieser Kategorie ist das wenig.

Dadurch verwässert keine seiner Darstellungen, in jedem Film ist sein Spiel auf neue Weise und auf den Punkt intensiv. Diese Intensität erreicht Cruise stets auf dieselbe Weise. Seine Figuren fühlen sich zunächst sicher. Kaum jemand kann wie Cruise auf der Leinwand zeigen, dass seine Figur eins ist mit ihrem Körper, den Umständen, der ganzen Welt. Da ist dieses Haifisch-Grinsen, der stechende Blick, der gestreckte Hals; da sind die fließenden und unheimlich effizienten Bewegungen. Aber es gibt im Leben von Cruise' Figuren jeweils einen Moment des Umschlags. Plötzlich geraten die Koordinaten für eine Cruise-Figur ins Wanken, nichts scheint mehr sicher. In diesem kathartischen Moment entfacht Cruise das Feuer. Er stellt diesen Zustand mit wenigen Mitteln eindrucksvoll vor: Jede Faser im Körper seiner Figuren ist gespannt, er gibt ihnen höchste Elastizität und größte geistige Verzweiflung. Cruise balanciert seine Figuren auf dem Grat zwischen Aufgabe und Kampf. Und dann lässt er sie kämpfen, unbedingt, vorwärts drängend, mitreißend. Wie mitreißend, belegen Zahlen: "Krieg der Welten" spielte 588 Millionen Dollar ein, "Last Samurai" 456 Millionen, "Mission Impossible III" 397 Millionen.

Ein Glück, dass Cruise Stauffenberg spielt. Einen Helden, über dessen Hintergrund sich die Historiker uneins sind. Vorkämpfer der Menschenrechte? Militarist? Romantiker? Welche Motive trieben Stauffenberg? Welches Deutschland wollte er? Sicher ist: Stauffenberg war mutig, opferwillig, bereit zur Umkehr. Er war ein Familienvater, der sich in Gefahr begab. Tom Cruise wird diese deutsche Heldengeschichte für die Welt ins Bild bringen. Er wird darin nichts vom Privatmann Cruise sehen lassen. Aber alles vom Künstler.

Ja, das ist sicher: Der Künstler Tom Cruise wird alles für seine Rolle geben. Schon, um sich selber zu belohnen. Er hat noch nie den Oscar gewonnen.

Hier geht es zur Infostrecke: Cruises Stauffenberg-Film: Für und Wider

(RP)
Mehr von RP ONLINE