Schauspieler und Sänger Christian Friedel „Ich hatte eine Panikattacke wegen dieser Rolle“

Interview | Düsseldorf · Big Brother im Nazi-Haus: Christian Friedel spielt in dem Film „The Zone Of Interest“ Rudolf Höß, den Lagerkommandanten von Auschwitz. Wie näherte sich der Star der Serie „Babylon Berlin“ einer Figur, die er abgrundtief hasst?

 Der Schauspieler und Musiker Christian Friedel.

Der Schauspieler und Musiker Christian Friedel.

Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Christian Friedel meldet sich via Zoom aus Berlin, er ist gut aufgelegt, zum Glück! Man hatte sich ein bisschen Sorgen um ihn gemacht, denn der 44-Jährige spielt die Hauptrolle in einem herausfordernden Film, der niemanden kalt lassen dürfte. In der internationalen Produktion „The Zone Of Interest“ ist er Rudolf Höß (1901–1947), Lagerkommandant von Auschwitz. Als seine Frau Hedwig tritt Sandra Hüller auf. Das Ehepaar lebte mit fünf Kindern in einem Haus samt Garten, der an das KZ grenzte. Regisseur Jonathan Glazer („Under The Skin“) inszeniert die Familienidylle konsequent gnadenlos. Unter die Bilder vom spießigen Alltag in der Villa legt er eine beklemmende Tonspur, aus der immer wieder Geräusche hervorstoßen, die an Schüsse und Schreie erinnern.

Bekannt wurde Christian Friedel durch den Film „Das weiße Band“ und die Serie „Babylon Berlin“. Er ist Sänger der Band Woods Of Birnam und Theater-Star. Am Düsseldorfer Schauspiel war er zuletzt in „Hamlet“ und „Der Sandmann“ zu erleben.

Fotos aus Kinofilm "The Zone of Interest" mit Sandra Hüller
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Szenen aus dem Kinofilm „The Zone of Interest“

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Foto: obs/Foto: Sebastian Gabsch

Was haben Sie gedacht, als Sie das Angebot für die Rolle in „The Zone Of Interest“ bekamen?

Christian Friedel Ich war erst mal überrascht, dass Jonathan Glazer bei der Rolle auf mich gekommen ist. Ich hatte vorher schon ein paar Nazi-Angebote, sage ich mal salopp, und habe sie abgelehnt.

Warum lehnten Sie ab?

Friedel Weil ich immer das Gefühl hatte, da tappt man in eine Falle. Die Gefahr ist groß, sie als Bösewichte oder geborene Teufel darzustellen.

Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie doch zusagten?

Friedel Ich habe Jonathan in einem Pub in London getroffen, und er hat mir erklärt, wie er das filmen möchte und was er vorhat. Und das hat für mich sofort Sinn ergeben. Hier konnte ich zeigen, dass das Menschen waren, die schlimme, grausame Taten an anderen Menschen vollzogen haben. Und ehrlich gesagt: Ich wollte auch mal in einem Jonathan-Glazer-Projekt dabei sein, weil er ein fantastischer Künstler ist und schon in meiner Jugend eine Inspiration war.

In „The Zone Of Interest“ spielt Christian Friedel den Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß.

In „The Zone Of Interest“ spielt Christian Friedel den Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß.

Foto: Landmark Media/imago

Hat Glazer erklärt, was die besondere Form des Films sein würde?

Friedel Von Anfang an, ja. Er war sehr transparent.

Wie hat er sein Projekt erklärt?

Friedel Er hat gesagt, er möchte durch ein Fenster blicken und die Figuren observieren. Er will keine Biografie drehen oder einen Film mit historischer Patina. Sondern einen Film, der fast modern wirkt. Weil er die Brücke schlagen möchte zum Heute und zu dem, was in uns Menschen für immer verhaftet ist.

Wie haben Sie sich Zugang zur historischen Figur Rudolf Höß verschafft?

Sandra Hüller (l.) und Christian Friedel (M.) in „The Zone Of Interest“.

Sandra Hüller (l.) und Christian Friedel (M.) in „The Zone Of Interest“.

Foto: ©LEONINE STUDIOS

Friedel In den Nürnberger Prozessen hat er bereitwillig, fast naiv jedes Detail erzählt. Das war ein Wendepunkt in der Wahrnehmung der Organisation dieses unfassbaren Verbrechens. Ich habe seine Stimme angehört, die sehr weich klang und nicht so, wie man sie sich vorstellt. Ich habe seinen Lebensbericht gelesen, aber ansonsten keine große Recherche betrieben, weil eigentlich alles schon im Skript stand. Jonathan wollte Alltagssituationen erzählen. Es basiert zwar alles auf Fakten, aber wir hatten ein Maß an Freiheit, bei dem es gut war, nicht alles zu wissen. Die Recherchearbeit bestand eher darin, mit Sandra und Jonathan über die Szenen zu sprechen und über Dynamiken. Über Techniken, wie man Wahrhaftigkeit und Normalität herstellt.

Wie stellt man sie her?

Friedel Sandra ist da anders rangegangen als ich. Sie sagte etwas sehr Schönes: Ich möchte meine Tränen dieser Figur nicht schenken. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass Sandra und ich diese Figuren abgrundtief hassen. Und das ist ein schwieriger Einstieg, denn das Publikum soll ja denken: Oh Gott, jetzt verstehe ich eine Situation, in der sich die Figuren befinden. Wir wussten morgens oft nicht, wie wir es machen. Es war wie im Theater bei der ersten Probe, wenn man dasteht und eine gewisse Scham hat, weil man nicht weiß, ob das jetzt richtig ist, was man tut. Wir sind dann dem ersten Impuls gefolgt und haben viel miteinander gesprochen. Wir haben mit mehreren Kameras gleichzeitig gedreht. Jonathan beschrieb das als Big Brother im Nazi-Haus. Und das war sehr hilfreich, denn wir waren alleine am Set und konnten uns über Improvisation in die Szenen hineindenken. Es war eine Suche, und wir hatten alle Zeit der Welt. Wie eine lange Improvisation auf der Theaterbühne.

Das klingt nach fordernden und erschöpfenden Dreharbeiten. Ich habe gehört, Sie hatten einen Zusammenbruch, als Sie einmal ohne Sandra Hüller drehen mussten.

Friedel Das ist etwas dramatisch beschrieben. Aber es war schon krass. Sandra und ich sind uns vor elf Jahren das erste Mal begegnet, als wir Jessica Hausners „Amour Fou“ drehten. Wir haben sofort eine Chemie entwickelt, als ob wir uns schon ewig gekannt hätten. Durch diesen Film sind wir jetzt richtig Freunde geworden. Und wir haben gesagt: Wir haben uns. Es ist ein Experiment, aber wir haben uns. Es gibt ja auch die Verantwortung den Opfern gegenüber. Als Deutscher dazustehen in Oświęcim und in der Nähe des Lagers zu drehen. Das war intensiv. Wir haben jeden Tag miteinander gesprochen, und das fiel plötzlich weg. Ich hatte eine kleine Panikattacke im Sommer, das war aber nicht wegen Sandra. Sondern weil mein Körper rebelliert hat. Wie bei meiner Figur: Der Körper spricht die Wahrheit, er wehrt sich gegen die Seele, die da drin ist. Das Lager war 20 Meter entfernt, das Originalhaus vielleicht 50 Meter. So eine intensive Auseinandersetzung hatte ich noch nie. Meine Herausforderung war, nie den Täter herauszukehren, sondern den Familienvater. Man sollte ihn nicht lesen können. Man sollte nie sagen können: Ach, da ist jetzt der Täter. Aber mir geht es gut, und ich habe alles wieder aus dem Körper geschüttelt.

 Christian Friedel als Hamlet in der Inszenierung von Roger Vontobel am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Christian Friedel als Hamlet in der Inszenierung von Roger Vontobel am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Foto: Sandra Then

Das Irritierende an dem Lebensbericht von Höß ist, das er sich als Naturfreund zu erkennen gibt, der dieselben Blumen liebt, wie man selbst. Wie haben Sie hinbekommen, dass dieser Mann so gewöhnlich wirkt?

Friedel Das sind Jonathans gut geschriebene Situationen. Das, was Höß fertigmacht, ist, dass sie ihm seine Lebensaufgabe weggenommen haben. Die perfekte Familie, der perfekte Garten, der perfekte Job. Sie haben ihn von Auschwitz in den Berliner Winter abgezogen. Ich musste im Winterdreh Gewicht zunehmen, um zu zeigen: Da fühlt sich einer nicht wohl. Wer an Gewicht zulegt, bewegt und verhält sich anders. Die Entscheidung für diese dunkle, faschistische, zerstörerische Welt: Ich habe mich gefragt, wie würde ich mich verhalten?

Glauben Sie, der Film wird durch die Debatte über die AfD anders rezipiert?

Friedel Das Timing könnte nicht besser sein. Ich sage das mit einem weinenden Auge. Ich finde es toll, dass die Menschen auf die Straße gehen gegen rechts. Wir haben Krieg in Europa, einen blutigen Konflikt in Gaza. Es ist der Film zur Stunde.

Warum genau?

Friedel Er zeigt, wozu wir Menschen fähig sind, wenn wir uns für eine falsche Seite entscheiden. Wenn ich in Diskussionen höre, dass die AfD sich nicht klar von rechtsextremen Störungen in ihrer Partei abgrenzt und im Bekanntenkreis Menschen sagen, sie wissen und akzeptieren das: Ist das nicht schon der erste Schritt zu akzeptieren, was dann folgen könnte? Dieser Film zeigt, was passieren kann, wenn wir akzeptieren, tolerieren oder versuchen, uns mit einem System zu arrangieren. Das Ehepaar Höß zeigt auf drastische Art und Weise, dass wir fähig sind zu ignorieren. Wie kann man aus seinem Fenster schauen und Gaskammer eins sehen? Sie haben das System genutzt aus Gier, aus Machtgelüsten und vielleicht auch, um die Familie zu beschützen. Wir sollten sehr vorsichtig sein und anfangen, miteinander zu sprechen und zuzuhören, es ist noch nicht zu spät. Dazu gehört auch, nicht alle Wähler der AfD als Nazis zu beschimpfen. Der Schlüssel ist Kommunikation. Und Kunst ist das beste Mittel der Kommunikation und Inspiration. Dieser Film ist ein wichtiges Mittel, um inne zu halten und zu sagen: Leute, was geht ab?

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