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"The Mandalorian" bei Disney +: Disney versteht Star Wars nicht

Ein Fan rechnet ab : Disney versteht „Star Wars“ nicht

Gerade erst ist mit Disney+ der neue Streaming-Dienst in Deutschland gestartet. Und mit „The Mandalorian“ kann man Star-Wars-Fans versöhnen, die von der Kino-Trilogie enttäuscht sind. Doch es bleibt die Sorge, dass Disney den „Krieg der Sterne“ nicht versteht.

Endlich kommen nun auch deutsche Star-Wars-Fans legal in den Genuss der Serie „The Mandalorian“. In den USA, Kanada und den Niederlanden konnte man die bereits seit Mitte November schauen. Und sie bietet viel von dem, was „Krieg der Sterne“-Fans so lange vermisst haben: neue Charaktere und eine spannende Geschichte im großen „Krieg der Sterne“-Universum. Im Kino dagegen hat Disney das Franchise nahezu vor die Wand gefahren.

Dabei fing es im Dezember 2015 so gut an. Mit „Das Erwachen der Macht“ wollte der Mickey-Maus-Konzern „Star Wars“ wieder ins Kino führen, nachdem man die Rechte von George Lucas gekauft hatte. Mit J. J. Abrams konnte man sogar einen erfolgreichen Regisseur und bekennenden Anhänger der Reihe dafür gewinnen. So konnte der erste Krieg-der-Sterne-Film seit 2005 tatsächlich einen Großteil der Fans begeistern. Böse Zungen behaupteten zwar, der Film wäre nur eine Kopie des allerersten Teils gewesen. Aber er bot nach langer Zeit viel Nostalgie und das alte Star-Wars-Feeling. Das Publikum war begeistert, weltweit setzte der Film mehr als zwei Milliarden US-Dollar an den Kinokassen um. Der Grundstein für eine grandiose Zukunft der Reihe war gelegt.

Etwas mehr als vier Jahre später hat die Ernüchterung eingesetzt. Der dritte Teil der Trilogie, „Der Aufstieg Skywalkers“, hat es mühsam auf etwas mehr als eine Milliarde US-Dollar an den Kinokassen gebracht. Die Halbierung des Umsatzes im Vergleich zu 2015 bedeutet: Disney hat einen Großteil des Fans verloren. Der Mickey-Maus-Konzern und seine Tochter Lucasfilm haben dabei versagt, eine bahnbrechende Trilogie zu schaffen.

Vorweg: Der Autor mag alle drei neuen Star-Wars-Filme. Jeweils für sich genommen. Als einzelne Werke. Aber als Trilogie funktionieren sie eben nicht.

Rey ist eine gottgleiche Überheldin

Das beginnt schon mit der neuen Heldin Rey. Die einfache Schrottsammlerin von Jakku ist eine überragende Pilotin, kennt sich auf dem Millennium Falcon bestens aus, versteht den Wookie Chewbacca und den Binärcode der Droiden. Zudem lernt sie quasi im Vorbeigehen die Geheimnisse der mystischen Macht. Zunächst konnte man das verzeihen – weil man dachte, dass es dafür in den späteren Teilen Erklärungen geben würde. Mittlerweile wissen wir: Rey ist am Ende des dritten Films dieselbe Figur wie zu Beginn des ersten. Sie trägt jetzt einen Nachnamen, viel größer ist die Entwicklung nicht. Ex-Stormtrooper Finn, Widerstandspilot Poe und selbst Kylo Ren: Sie alle verändern sich, wachsen mit ihren Aufgaben oder opfern sich. Rey aber ist einfach großartig, immer und in allem.

Der direkte Vergleich mit Luke Sykwalker aus der ursprünglichen Trilogie fällt deutlich aus: Der naive Farmerjunge wird durch Zufall in einen großen Konflikt geworfen, scheitert, wächst, lernt und versöhnt sich mit seinem Vater Darth Vader. Rey dagegen trägt am Ende des dritten Films sogar das gleiche Outfit wie zu Beginn.

Man hätte zeigen können, dass sie die Flugsimulatoren der abgestürzten Sternenzerstörer genutzt hat – und darum eine so gute Pilotin ist. Man hätte auch zeigen können, dass sie viel Zeit an Bord des Millennium Falcon auf Jakku verbracht hat. Darum kennt sie das Raumschiff in- und auswendig. Und weil sie die alten Daten des „Falcon“ durchforstet hat, kann sie Chewbacca und Droiden verstehen. Dort hätte sie auch Geschichten über die Fähigkeiten der Jedi entdecken können – was zumindest ein Erklärungsansatz dafür gewesen wäre, warum sie ein solches Naturtalent im Umgang mit der Macht ist.

Stattdessen haben sich Regisseur J. J. Abrams und Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy entschieden, eine gottgleiche Überheldin zu schaffen. Sie muss sich nichts erarbeiten, nicht scheitern, nicht lernen. Die Hoffnung auf mehr Tiefgang starb mit dem finalen Teil. Rey wurde zu einer altmodischen, unveränderlichen Serienheldin degradiert, an dem man mit der Zeit das Interesse verliert.

Drei Filme machen noch keine Trilogie

Aber es gibt noch sehr viel gravierendere Probleme: Offenbar hatte man am Anfang keine fertige und ausgearbeitete Story für die Trilogie, sondern hat vor lauter Freude über die Lizenz zum Gelddrucken nur von Film zu Film gedacht. In „Das Erwachen der Macht“ setzte J. J. Abrams auf jede Menge Nostalgie, um die Fans einzufangen und zu locken. Danach drückte man offenbar dem Regisseur und Autoren Rian Johnson eine lose Ideensammlung in die Hand und ließ ihm alle Freiheiten für die Fortsetzung – ohne zu wissen, wie man daran im dritten Teil anknüpfen würde. Das erklärt, warum Snoke so plötzlich stirbt – obwohl man ihn als Bösewicht aufgebaut hatte. Oder auch Luke Skywalkers seltsames, abweisendes Verhalten, das vielen Fans übel aufstieß.

Im dritten Teil dann zimmerte J. J. Abrams wiederum eine Lösung dafür zusammen. Irgendwie. Kontinuität wurde dabei über Bord geworfen. Die Hinweise darauf verbergen sich im Detail. Der zweite Film zeigt explizit, dass Rey die antiken Bücher der Jedi gerettet hat. Jene Werke, die Luke Skywalker in Ablehnung des alten Ordens vernichten wollte. Da könnte also noch etwas Bedeutsames dahinter stecken. Im dritten Teil haben die Bücher aber nur die Aufgabe, Rey auf die Spur nach Exegol zu führen. Das hätte Luke Skywalker auch einfach im zweiten Film erwähnen können samt dem Hinweis auf etwas Böses, dass da draußen noch lauert. Dann hätte Snokes Tod auch nicht so willkürlich gewirkt. Das alles geschah indes nicht. Denn Rian Johnson konnte gar nicht wissen, wie es weitergeht. Das wusste während der Dreharbeiten noch niemand. Exegol als Planet der finsteren Sith und die Story um den Imperator wurden erst später entwickelt.

Der „Aufstieg Skywalkers“ zeigt auch explizit Leias Ausbildung zum Jedi. Ein Hinweis darauf vor allem im ersten Film hätte einiges klarer erscheinen lassen. Darauf hatte man indes verzichtet, weil J. J. Abrams im Jahr 2015 offensichtlich noch keine Ahnung hatte, wie wichtig das werden würde. Darum presste er das alles in den letzten Teil – als ob es ihm erst da eingefallen ist. Und vermutlich ist das auch so.

Es gab nie einen großen Plan

Dafür spricht auch, dass mittlerweile das ursprüngliche Drehbuch von Colin Trevorrow für das Finale im Internet kursiert. Die Echtheit hat Trevorrow bestätigt, der eigentlich den Film hätte drehen sollen – bis Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy ihn vor die Tür setzte. Und tatsächlich unterscheidet sich seine Version wesentlich von dem, was wir in „Der Aufstieg Skywalkers“ erleben durften. Unter anderem hätte der Imperator bei Trevorrow kaum eine Rolle gespielt. Das beweist, dass es tatsächlich keinen großen Plan gab. Es gab kein Ziel, auf das die Filme hinarbeiten konnten – und darum wirkt vieles in der Trilogie von Disney willkürlich oder sogar widersprüchlich.

Die Fans aber, die seit 1977 von der Reihe begeistert sind und die ihre Kinder oder Enkel damit angesteckt haben, erwarten eben mehr als Willkür. Über Jahre und Jahrzehnte haben sie in Geschichten gesponnen, Lücken gefüllt und Beziehungen hergestellt. Und es ist nicht so, dass sie jetzt nichts anderes gelten lassen würden. Es muss nur in sich stimmig sein. Doch dabei versagt die Disney-Trilogie. Womöglich dachten die Entscheider, dass Star-Wars-Fans alles unter dem Titel „Krieg der Sterne“ akzeptieren. Das tun sie aber nicht, weil damit Träume und Fantasien verbunden sind.

Disney glaubte, mit „Solo“ weiter auf der Erfolgsspur zu sein – bis der Film an den Kinokassen von nur knapp 400 Millionen US-Dollar einbrachte. Die Vorgeschichte von Han Solo wollte offenbar niemand sehen. Auch da setzte Disney auf sehr viel Nostalgie, vergaß aber eine spannende Geschichte. Die wäre doppelt wichtig gewesen, weil den Hauptfiguren Han Solo und Chewbacca per Definition nichts passieren konnte.

Es fehlt eine ordnende Hand

Dieser Misserfolg macht auch deutlich, dass Disney eine ordnende Hand fehlt. Viele Jahre lang war George Lucas der Übervater der Reihe. Der Schöpfer der Saga behielt alle Zügel in der Hand. Es erschien kein Spiel, kein Buch, keine Comicbuchreihe, ohne von ihm abgesegnet worden zu sein. Fans kritisierten ihn, Fans rieben sich an ihm. Sie stellten ihn aber nicht infrage. Als dann Disney die Rechte an Star Wars kaufte, etablierten sie keinen Nachfolger für Lucas. Es gibt keine von den Fans akzeptierte Instanz mehr, die das Krieg-der-Sterne-Universum ordnet, wie es Kevin Feige bei Marvel macht. Und die Hoffnung, dass J. J. Abrams oder Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy die Lücke füllen könnte, hat sich mittlerweile zerschlagen.

So bleiben manche Star-Wars-Überraschungserfolge eben das, was sie sind: zufällig. Der Film „Rogue One“ hat unerwartet mehr als eine Milliarde US-Dollar umgesetzt, weil Disney da einen düsteren Weg eingeschlagen hat. Man griff ein Element aus der Star-Wars-Geschichte heraus – nämlich den Diebstahl der Pläne für den Todesstern. Bislang war das nur ein Satz im ersten Film gewesen. Dann setzte man das mit neuen, unbekannten Figuren um, die alle ein für Disney untypisches tragisches Ende fanden. Die Fans honorierten das und strömten ins Kino. Dass der Micky-Maus-Konzern daraus keine Lehren gezogen hat, zeigt sich an Filmen wie „Solo“ oder der neuen Trilogie, die am Ende trotz einiger großer Momente und Szenen niemanden glücklich macht.

Deshalb ist auch bei der Serie wie „The Mandalorian“ die Gefahr groß, dass der Erfolg nur Zufall ist. Es ist der Versuch, an den Erfolg von „Rogue One“ anzuknüpfen. Dafür spricht, dass man auch eine Serie um Cassian Andor plant – eine der Figuren aus „Rogue One“. Disney experimentiert herum und hat vermutlich keine Idee, wie es mit dem Krieg der Sterne weitergehen soll. Dabei bietet das große, vielfältige, bunte „Star Wars“-Universum viele Möglichkeiten für Geschichten. Man muss es nur ernst nehmen.