"The Irishman": Der echte Frank Sheeran war vieles, aber kein Mörder

Frank „The Irishman“ Sheeran : Der Auftragskiller, der keinen einzigen Mord beging

Der Film-Hit „The Irishman“ mit Robert de Niro über den historischen „Mord des Jahrhunderts“ basiert auf den Märchen eines alternden Kleingangsters.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren war Jimmy Hoffa in den USA so bekannt wie Elvis Presley. Mehr als 2,3 Millionen Menschen hörten auf sein Kommando – als Chef der mächtigen Trucker-Gewerkschaft „Teamsters“. Doch am 30. Juli 1975 verschwand Hoffa spurlos.

Im aktuellen Film „The Irishman“ von Martin Scorsese ist es der Protagonist Frank Sheeran (Robert de Niro), der seinen langjährigen Mentor Hoffa tötet, gezwungen von Mafiosi. Doch der international hochgelobte Film ist pseudo-historisch; er basiert einzig auf dem reißerischen Buch „I heard you paint houses“. Darin gibt Sheerans Anwalt Charles Brandt munter ungefiltert wieder, was ihm sein Mandant 2003 auf dem Sterbebett ins Mikro diktierte. Und dabei erfand Sheeran offenbar eine gesamte Karriere als Killer, mit dem Hoffa-Mord als Höhepunkt.

Das Verbrechen an Jimmy Hoffa gilt in den USA als „Mord des Jahrhunderts“ – weil es die dortige Gesellschaft bis heute prägt. Die massive Verflechtung zwischen Gewerkschaften und Mafiosi diskreditierte erstere so gründlich, dass sich Arbeitnehmer in den USA nie wieder effektiv organisieren konnten.

Der Fall Hoffa ist längst Teil der Popkultur

Diese Unterwanderung hatte Jimmy Hoffa zwar einerseits mitverantwortet, andererseits aber auch in Grenzen gehalten. 1971 war er nach Verbüßung von nur vier Jahren einer 13-jährigen Haftstrafe wegen Bestechung und Veruntreuung begnadigt worden. Dass er danach schnell die Kontrolle über seine Gewerkschaft zurückgewinnen wollte, passte jedoch der Cosa Nostra nicht. Denn mit Hoffas Nachfolger machten die Gangster noch bessere Geschäfte. Zu einem „Friedens-Treffen“ mit den wütenden Mafiosi, das Hoffa für den Tag seines Verschwindens in seinem Kalender vermerkt hatte, kam es nie.

Wäre Hoffa nicht ermordet, sondern in seine frühere Machtposition wiedergewählt worden, hätten sich Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in den USA vermutlich ganz anders entwickelt.

Stattdessen ging der ungelöste Fall Hoffa in die Popkultur ein. Bei den „Simpsons“ wird darauf angespielt, ebenso wie im Film „Titanic“ und in den Serien „Sopranos“, „House of Cards“ und „Breaking Bad“. Ungezählte Hinweisgeber haben sich seit 1975 an das FBI gewandt, an dutzenden Orten wurde ergebnislos nach Hoffas Leiche gesucht. Viele Theorien waren surreal: Ein Zeuge behauptete, Hoffas sterbliche Überreste seien mit Beton vermischt worden, der zum Bau eines Footballstadions in New Jersey verwendet wurde.

„Gekillt hat er nur zahllose Krüge Rotwein“

Der Fall Hoffa wurde bis heute nicht aufgeklärt; theoretisch ist es sogar möglich, dass der mächtigste Gewerkschafter aller Zeiten seinen eigenen Tod vortäuschte, um den Mafiosi zu entkommen. Alle Indizien deuten allerdings darauf hin, dass der Mafioso und Gewerkschaftsfunktionär Salvatore Briguglio den Mord beging. Doch als der mutmaßliche Täter begann, mit Ermittlern zu kooperieren, wurde er selbst in New York erschossen. Fakt ist, dass Frank Sheeran im „Hoffex-Bericht“ des FBI über den Fall (PDF-Download) von 1976 als Verdächtiger genannt wird. Genauer gesagt: als letzter von zwölf Verdächtigen. Der Verfasser des Reports sagt, Sheerans Täterschaft sei nicht völlig unmöglich; es gebe jedoch keinerlei Indizien dafür.

Manch besonders lauter Kritiker entpuppt sich als wenig glaubhaft. So ätzt der Ex-Mafioso John Carlyle Berkery: „Frank Sheeran hat nie auch nur eine Fliege gekillt, sondern nur zahllose Krüge Rotwein.“ Dass Sheeran nicht Hoffas Mörder ist, betont aber auch Dan Moldea, ein Investigativjournalist, der den Fall seit Jahrzehnten untersucht und inzwischen mehr als 1000 Personen dazu interviewt hat: „Sheeran hat einen Mord gestanden, den er nicht begangen hat.“

Der FBI-Agent, der die Sonderkommission zum Hoffa-Mord zu diesem Zeitpunkt seit 15 Jahren geleitet hatte, nannte Sheerans Selbstbezichtigung schon 2008 „lächerlich, traurig und verzweifelt“. Und Jack Goldsmith, Autor des Buchs „In Hoffa’s Shadow“, schreibt im „New York Review of Books“: „Sheerans angebliche Rolle beim Hoffa-Mord halte ich für absurd.“ Der vereinsamte Sheeran habe schlicht um Aufmerksamkeit gebettelt – und so viele verschiedene, einander widersprechende Versionen des Hoffa-Mords in die Welt gesetzt, dass viele Journalisten ihn schließlich komplett ignorierten, großes Publikumsinteresse hin oder her. Die letzte und spektakulärste Variante, nach der Sheeran selbst der Mörder war, ist besonders unwahrscheinlich. Ob dessen Treue zu den Mafiosi stärker war als die zu deren Opfer, Sheerans langjährigen Vertrauten Hoffa, konnte nämlich niemand garantieren. Goldsmiths Fazit: „Dass die Mafia den Mord des Jahrhunderts unter diesen Umständen Sheeran anvertraut hätte, ist höchst unplausibel.“

Drei Morde innerhalb von 24 Stunden und Waffen für das Kennedy-Attentat?

Entsprechend wenig glaubwürdig sind Sheerans Behauptungen, er habe einmal drei Morde innerhalb von 24 Stunden begangen – und Waffen sowohl für den Mord an John F. Kennedy (!) als auch für die versuchte Invasion Kubas durch die CIA geliefert. Immerhin trug ihm das den spöttischen Spitznamen „Forrest Gump des organisierten Verbrechens“ ein, nach Tom Hanks‘ fiktivem Charakter, der in mehrere Schlüsselmomente der Weltgeschichte geriet.

Die Pointe bei alledem ist, dass zumindest die höchstwahrscheinlich falsche Wiedergabe des historischen Mords an Jimmy Hoffa im Film aus mehreren Gründen unnötig erscheint: Erstens hat „The Irishman“ als bewusst anachronistisches Epos diesen Twist im Finale viel weniger nötig als moderne Filme. Und zweitens ist das tatsächliche Schicksal der historischen Person Frank Sheeran erzählenswert.

Der Sohn eines irisch-katholischen Anstreichers aus Philadelphia wuchs in der Großen Depression auf und wurde 1941 als 20-Jähriger zur Armee eingezogen. Direkt an den Frontlinien des Zweiten Weltkriegs verbrachte er 411 Tage – vier Mal so lange wie der Durchschnitt. In dieser Zeit habe er sich auch als Frauenheld hervorgetan, prahlt Sheeran; insgesamt rund 50 Tage lang habe er ohne offizielle Abmeldung „vor allem Rotwein getrunken und italienische, französische sowie deutsche Frauen angebaggert“.

„Der schlaueste und unfassbarste Serienkiller aller Zeiten...“

Vermutlich wahr ist Sheerans Randbemerkung, er habe bei der Befreiung des KZ Dachau geholfen. Dass die Befreiung auf das Konto der Einheit geht, in der er diente, ist nachgewiesen. Selbst hier jedoch kann sich Sheeran eine Übertreibung offensichtlich nicht verkneifen: US-Soldaten erschossen in Dachau als Vergeltung nicht „500 deutsche Wachleute“, wie er sich im Buch erinnert, sondern nur rund 50.

Fakt ist: Nach seiner Entlassung aus der Armee im Oktober 1945 wurde Frank Sheeran Trucker und Schläger, Gewerkschafter und Erpresser. Alles weitere aber ist hochumstritten. Dass er für die Mafia auch „25 bis 30“ Menschen tötete, behauptet nur Sheeran selbst.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurden nicht nur Sheerans angebliche prominenteste Opfer, Jimmy Hoffa sowie der in Ungnade gefallene Mafioso Joey Gallo, von Dritten getötet. Alles spricht dafür, dass er zeitlebens ein eher lose mit der Mafia verbundener Kleingangster blieb – und nach dem Krieg überhaupt niemanden tötete.

Frank Sheeran (Robert De Niro) in „The Irishman“. Foto: AP/Foto: Niko Tavernise/Netflix via AP

„Niemand außer ihm selbst hat Frank Sheeran je eines Mordes beschuldigt“, schreibt der Mafia-Experte Bill Tonelli. Nicht eine einzige Person, die den selbsternannten Auftragskiller kannte, könne sich erinnern, dass Sheeran je auch nur verdächtigt worden wäre, jemanden getötet zu haben. Aber vielleicht heiße das ja auch bloß, dass Francis Joseph Sheeran alias „The Irishman“ der schlaueste und unfassbarste Auftragskiller aller Zeiten war.