Aaaaaihaihaaaaaihaihaaaaa!: Tarzan wird 100 Jahre

Aaaaaihaihaaaaaihaihaaaaa! : Tarzan wird 100 Jahre

Natürlich hat man gleich diesen Schrei im Ohr, diesen knödelnden Brunftruf, mit dem Tarzan über den Dschungel herrscht und über unser akustisches Gedächtnis. Es ist ein animalischer Urschrei, dieses laute, lockende, abstoßende, sich überschlagende Gejodel, für das man erst mal den Mut aufbringen muss. Tarzan ist so frei. Tarzan schert sich nicht um Konventionen und ist gerade darum so männlich, authentisch, beneidenswert.

Er wächst ja unter Affen auf, lernt von ihnen nur das Beste: Einssein mit der Natur, Starksein im Rudel, Schwerelossein beim Flug durch die Lianen dank schierer Muskelkraft. Was der Mensch dem Affen neidet, dessen Geschicklichkeit, Schnelligkeit, Unerschrockenheit, verbindet Tarzan mit menschlichen Tugenden wie Gerechtigkeitssinn und Verwegenheit. So vereint er das Vortrefflichste aus Mensch- und Tierreich, schließt die Wunde, die seit Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies die Menschheit schmerzt. Das liest man gern.

Projektion eines Gescheiterten

Dabei ist Tarzan eigentlich nur eine Projektion, der Kompensationstraum eines Gescheiterten. Sein Schöpfer, Edgar Rice Burroughs, 1875 als Fabrikantensohn in Chicago geboren, brachte es im Leben nicht zu viel. Soldat, Fabrikarbeiter, Goldgräber, Eisenbahnpolizist, Vertreter, zuletzt Produzent von Bleistiftanspitzern — mit nichts konnte er seine Familie standesgemäß ernähren.

Also träumte sich Burroughs in ein wenig afrikanische Exotik, erfand einen Helden, der ähnlich wie der kleine Mowgli in Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" als Findelkind unter Tieren aufwächst, ließ ihn zum strahlenden Helden heranwachsen, zum Apoll mit Lendenschurz aus Löwenfell, und stellt ihm die schöne Jane an seine Seite.

Der perfekte Groschenroman

Das war so schlicht wie effektvoll — der perfekte Groschenroman. Jedenfalls verkaufte sich gleich die erste Folge, 1912 gegen ansehnliches Honorar als Pulp-Magazin erschienen, hervorragend. In der Spätphase der Industrialisierung gab es in Amerika wohl genug Existenzen, die sich nach einer simplen, naturversöhnten Welt sehnten und sich wie Burroughs selbst mit einem Urwaldritter vom Schlage Tarzans indentifizieren wollten. Karl May schuf sich im Reich der Apachen seinen Old Shatterhand, Borroughs im afrikanischen Dschungel seinen Affenmenschen, beiden verhalf der fiktive Held im realen Leben endlich zu Geld und Ansehen.

Weissmuller war die perfekte Besetzung

Und so ließ auch damals schon die Verfilmung nicht lange auf sich warten. Bereits 1918 erscheint mit Elmo Lincoln ein muskulöser Mann mit Stirnband über dem Haartoupet auf der Leinwand, der mit Affen ebenbürtig herumtollt und den Dschungel durch seinen Schrei erbeben lässt. Das allerdings mussten sich die Zuschauer bei diesem Stummfilm noch dazudenken. Erst Schwimmlegende Johnny Weissmüller schenkte Tarzan jenen charakteristischen Dschungelkronen-Jodler, bei dem sich der breite Brustkorb des Sportlers so richtig aufpumpen konnte.

Zwölf Mal hat Weissmüller Tarzan verkörpert. Und obwohl er zuvor auch fünf Mal Schwimm-Olympiasieger geworden war und als erster Mensch die 100 Meter unter einer Minute schwamm, wollten die Filmbosse ihm für die Filmkarriere zunächst einen neuen Namen verpassen. Weissmüller lehnte das ab — und wurde die Rolle nie mehr los. Auf seinem Grabstein in Acapulco ist zu lesen: "Johnny Peter Weissmuller, Tarzan, 1904 — 1984".

Rassistisches Gedankengut

Tarzan verkörpert Freiheit, Unverstelltheit, Ehrlichkeit. Dass Burroughs in seinen logisch holprigen Erzählungen Rassenvorurteile bedient, wenn er die schwarze Bevölkerung Afrikas als menschenfressende Eingeborene mit spitzen Zähnen beschreibt, sein Urwald-Kaspar-Hauser sich dagegen instinktsicher den weißen Kolonialherren zugehörig fühlt, die den Dschungel erkunden. Tarzan ist schließlich der Sohn von Lord und Lady Greystoke, so viel Fallhöhe muss schon sein.

Auch das Verhältnis zu Gefährtin Jane hält Genderprüfungen nicht stand. Während sie ihn behandelt wie einen Jungen mit Lernschwäche, den sie für Drei-Wort-Sätze lobt ("Liebling, das war ein langer Satz"), schleift er sie gern wie eine Puppe aus dem Baumhaus. Doch fiel das in den Weismüller-Filmen gar nicht so auf, weil Maureen O'Sullivan so eine herzlich unverkrampfte Urwaldprinzessin war — die perfekte Jane.

Rührend einfach

Jedenfalls verdanken wir diesen ungezwungenen Gefährten aus dem Paradies die wohl simpelste Liebeserklärung aller Zeiten: "Ich Tarzan — Du Jane." Das ist rührend in seiner Einfalt, überzeugend in seiner Geradlinigkeit. Tarzan ist jedenfalls nicht nur ein Mucki-Mann, er kann auch über Beziehung reden.

Vor allem wegen seiner Unverdorbenheit hat es Tarzan jedenfalls zum Trivialmythos gebracht. Vieles an seiner Geschichte ist ungereimt, doch reizt vielleicht gerade das Regisseure bis heute, sie immer wieder neu zu erzählen. Auf etwa 100 Verfilmungen bringt der Stoff es bisher. Lex Barker hat sich den Lendenschurz umgebunden, Gordon Scott war der erste Farbfilm-Tarzan, Disney verwandelte die Geschichte in Zeichentrick im Stil des "Dschungelbuch". Auch als gezeichnete Serie war Tarzan erfolgreich. Der "Herr des Dschungels" brachte es Ende der 70er Jahre auf 36 Folgen. Da hatte Pop-Art-Künstler Andy Warhol den Stoff längst für sich entdeckt, 1963 drehte er eine Tarzan-Parodie.

Sein Reiz wirkt noch heute

Vollkommen ernsthaft zeigte dagegen Christopher Lambert 1986 in "Greystoke" einen "Tarzan, wie er wirklich war". Als seine Jane gab Andie MacDowell ihr Leinwanddebüt. Tatsächlich macht dieser Film aus dem Gegensatz zwischen der Aufrichtigkeit eines vermeintlichen Wilden und der Grausamkeit vermeintlicher Zivilisation ein echtes Drama. Tarzan löst den Konflikt, indem er in den Urwald heimkehrt. Zurück zur Natur. Diese Fluchtfantasie hat ihren Reiz bis heute.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Tarzan - Bilder aus 100 Jahren Dschungel-Herrschaft

(pst/das)