Der Film "Magic Mike": Strippen für den amerikanischen Traum

Der Film "Magic Mike" : Strippen für den amerikanischen Traum

In "Magic Mike" erzählt Steven Soderbergh von einem Mann, der tagsüber auf dem Bau schuftet und nachts als Stripper arbeitet, um sich das Startkapital für einen Möbelladen zu verdienen. Channing Tatum und die Neuentdeckung Cody Horn glänzen in diesem seltsam moralischen Drama.

Mike hat einen Traum. Er möchte seine eigenen Möbel verkaufen, eigenwillige Designerstücke, die er aus Schrott zusammenschraubt. Doch für seinen Traum braucht er Startkapital. Also arbeitet Mike tagsüber auf dem Bau, zimmert als Tagelöhner unter der sengenden Sonne Floridas Dachstühle. Die wahren Summen aber verdient er nachts, wenn er im "Xquisite" vor verwöhnten Highschool-Abgängerinnen als Stripper auftritt. Manchmal gibt er dann auch den Bauarbeiter mit gelbem Helm und Muskelshirt, und wenn er die hautengen Lederhosen fallen lässt, kreischen die Frauen.

Vom amerikanischen Traum in Zeiten der Mehrfach-Billiglohnjobs erzählt Steven Soderbergh in seinem neuen Film "Magic Mike". Vorbei die Jahre, als man sich in den USA als Tellerwäscher, als Saubermann, den Weg zum Millionär emporspülen konnte. Soderberghs Held muss gleich in mehreren Jobs schuften, darf sich nicht mal zu schade sein für anrüchige Arbeit. Und so erniedrigt sich Mike ohne jede Zerknirschung vor jungen Frauen, um sich eine biedere Existenz aufzubauen.

Nachts ist Männlichkeit bei ihm nur Pose, sexuell aufgeladenes Spiel. Tagsüber aber ist er der härteste Kerl auf dem Bau. Da verschmilzt Soderbergh konservative Werte und den Angriff auf die amerikanische Prüderie in einer Figur, und es entsteht ein wunderbar irritierendes Vexierbild: Magic Mike ist der Inbegriff des amerikanischen Selfmade Man und zugleich ein Spieler in der untersten Liga des Showgeschäfts. Einer, der seine Freunde nicht im Stich lässt, der sein Ziel smart verfolgt, sich abends aber den Körper einölt, um auf der mickrigen Bühne eines abgetakelten Nachtclubs zu glänzen.

Man kann diesen Film oberflächlich als Rotlichtmilieu-Drama schauen, als unterhaltsame Aufsteigergeschichte mit starken Darstellern. Channing Tatum, der selbst mal gestrippt hat und Soderbergh erst zu diesem Film inspirierte, spielt die Hauptrolle mit Charme und körperlicher Präsenz. Der junge Brite Alex Pettyfer ist der Novize an seiner Seite, der in das harte Geschäft mit der gespielten Lust eingeführt wird, ihm aber nicht gewachsen ist. Matthew McConaughey ist der abgebrühte Chef der Strippertruppe, schmierig, schlau, schlagfertig.

Dialoge mit Biss

Die Dialoge haben Biss, die Tanzeinlagen der Stripper sind so sorgfältig choreografiert wie einst die Nummern in Hollywoods Revuefilmen. Eigentlich erzählt Soderbergh aber davon, wie Amerika sich abwendet von der Bewunderung für schnell verdientes Geld. So offenherzig dieser Film Einblicke gibt in die Welt der Stripper, so moralisch ist er doch. Nicht weil er das Strippergeschäft verdammen würde, so verklemmt ist Soderbergh nicht. Er zeigt mit viel Humor die absurden Seiten dieses Gewerbes, Männer, die hinter der Bühne raue Kumpel sind, aber alles tun, um ein paar Dollar in die Unterhose gestopft zu bekommen.

Doch so locker seine Hauptfigur diesen Job auch nimmt, es regt sich bei Mike Ekel gegen diese Art des Geldverdienens. Nicht weil es dabei um Sex geht, sondern weil es um gar nichts geht, nur um Show, um die Vortäuschung von Verführung. Mike scheffelt Geld für ein letztlich kindisches Rollenspiel, doch irgendwann beginnt er, sich danach zu sehnen, etwas herzustellen, solide, brauchbare Möbel anzufertigen. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung: Einer aus der Finanzblase will zurück zur produzierenden Industrie.

Soderbergh geht in der Gestaltung des moralischen Überbaus sogar so weit, Mikes Sehnsucht nach der Redlichkeit durch Liebe zu begründen. Eine tapfere junge Frau führt Mike zurück auf den Pfad der Tugend, schlicht, weil sie mit der "Vampirwelt" der leichten Jungs aus dem Nachtclub nichts zu tun haben will. Cody Horn spielt diese so reizvolle wie bodenständige Krankenschwester mit wirkungsvollem Minimalismus. Sie weiß einfach, was richtig ist, und lässt sich von Luxus nicht blenden. So muss sie Mike keine Moralpredigten halten, sie muss einfach nur im Nachtclub auftauchen, an der Theke stehen, dem Gehabe der Männer zuschauen, gehen — das macht Mike klar, dass es ein Tag-Leben gibt, dass er sein Ziel nicht aus den Augen verlieren darf, wenn er nicht nur reich, sondern auch glücklich werden will.

Soderbergh blickt in "Magic Mike" mit dem still empörten Blick von Cody Horn auf das Amerika, dem es nur darum geht, sich Dollarscheine in die Hosen zu stopfen. Es ist ein strenger Blick, kein hoffnungsloser.

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(RP/csi)