"Spider-Man: Far From Home“ ab Donnerstag im Kino

Ab Donnerstag im Kino : Spider-Man geht auf Klassenfahrt

Viel frischer als andere Superhelden-Filme. In „Spider-Man: Far From Home“ wird der junge Retter in Venedig und Paris gebraucht. Auf einer Klassenfahrt lässt er seinen Spiderman-Anzug zwar zu Hause, Superhelden machen aber keinen Urlaub.

Mit „Spider-Man: Homecoming“ gelang den Marvel-Studios im dritten Anlauf ein überraschend frisches Relaunch des altbewährten Stoffes. Der britische Schauspieler Tom Holland, der nach Tobey Maguire und Alex Garland ins Spinnenmannkostüm schlüpfte, strahlte eine jugendliche Unbekümmertheit aus, die einen produktiven Kontrast zum lästigen Verantwortungsgefüge eines heranwachsenden Superhelden bildete. Sein Peter Parker war keine alte Seele in einem jungen Körper, sondern ein Vollblut-Teenager, der den Spaßfaktor seiner übernatürlichen Fähigkeiten voll auskostete. Mit einem flüssigen Inszenierungsstil, der die CGI-Effekte mit lässiger Selbstverständlichkeit einsetzte, peppte Regisseur Jon Watts die Angelegenheit kräftig auf und unterminierte jene martialische Steifbeinigkeit, die dem Genre allzu oft anhaftet.

Auch wenn dieser Peter Parker inzwischen in zwei apokalyptischen „Avengers“-Folgen seine Erfahrungen sammeln konnte, scheint er im neuen „Spider-Man: Far From Home“ nichts von seiner jugendlichen Frische eingebüßt zu haben. Mit seiner Work-Life-Balance tut sich der Jugendliche angesichts der Doppelbelastung als Schüler und Superheld immer noch schwer. Als eine Klassenfahrt nach Venedig und Paris ansteht, lässt er nach kurzem Zögern den Spider-Man-Anzug im Schrank hängen. Schließlich will er im guten, alten Europa endlich der Mitschülerin MJ (Zendaya) seine Zuneigung gestehen, am besten auf dem Eiffelturm mit einer venezianischen Halskette in der Hand. Aber natürlich werden die romantischen Pläne bald durchkreuzt, denn Superhelden haben keinen Urlaubsanspruch, wenn es um die Rettung der Welt geht.

Ein riesiges Wassermonster tobt in Venedig und zerlegt die dekorative Lagunenstadt. Ein Kollege in Feuergestalt erwartet Peters Schulklasse in Prag. Im Verein mit dem versierten Superhelden Mysterio (Jake Gyllenhall), der freundlicherweise aus einer anderen Dimension zur Weltenrettung angereist ist, werden die elementaren Zerstörer einer nach dem anderen besiegt.Dabei wird der ältere Mysterio zum väterlichen Freund des jugendlichen Helden, der immer noch unter dem Verlust seines Mentors Tony Stark alias Iron-Man leidet, welcher bekanntlich im „Avengers: Endgame“ den mortalen Ausstieg aus dem Franchise gewählt hat.

Und gerade, wenn man denkt, ob das denn nun noch eine Stunde so weiter geht mit der rituellen Weltenretterei, wartet der Film mit einer gelungenen Plotwendung auf, die die filmische Wirklichkeit gründlich auf den Kopf stellt. Was als nette Mischung zwischen High-School-Komödie und Superhelden-Film begann, verwandelt sich nun in ein Szenario, in dem echte und virtuelle Realitäten gezielt ineinanderfließen und die Manipulation von Wirklichkeitswahrnehmungen zum Thema gemacht wird.

Mit dem Instrument der Comic-Fantasy-Vision verweist „Spider-Man: Far From Home“ auf eine durchaus aktuelle Problematik: In einer Zeit, in der die Macht der Narrative sehr viel größer ist als die Auswirkung des tatsächlichen Geschehens, ist es nur ein kleiner Schritt von Fake News zur Fake Reality. Das eigentliche Ziel des Bösewichtes ist die Beherrschung der Wahrheit, was in der Ära digitaler Desinformationskampagnen nur als logische Weiterentwicklung aktueller Tendenzen erscheint. Dabei wird die technisch hergestellte Illusion zum Mittel der Kriegsführung und die schwerste Aufgabe des jungen Helden ist es, eben diese von der Realität zu trennen.

Unversehens wird Peter Parker zum Ritter der Wahrheit in einem postfaktischen Zeitalter. Diese Denkansätze webt Watts, der auch in diesem Sequel die Regie übernommen hat, vage und unaufdringlich in das Franchise-Konzept ein, ohne die Unterhaltungsoberfläche aus Teenager-Romantik und Superhelden-Action in irgendeiner Weise zu beschädigen.

Auch „Spider-Man: Far From Home“ fasst seine jugendliche Zielgruppe fest ins Auge, bewahrt sich seinen frischen Inszenierungsstil und setzt sich deutlich von den technisch überfrachteten Konkurrenzwerken des Genres ab.

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