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Serienkritik: "The Kardashians" bei Disney+

„The Kardashians“ : Die Königinnenfamilie des Internets ist zurück

Die Kardashians lassen ihren Alltag wieder von der Kamera beobachten. Und jede Episode der neuen Serie ist eine ziemlich amüsante Lektion in Aufmerksamkeitsökonomie.

In einer der schrägsten Szenen reist Kourtney, die älteste der Kardashian-Schwestern, im Tourbus der amerikanischen Rock-Band Blink-182 zur In-vitro-Fertilisation. Ihr Verlobter sitzt bei der Gruppe am Schlagzeug, er heißt Travis Barker und ist derart weitflächig tätowiert, dass sein Gesicht wie das eines hageren Monchichis wirkt, nur dass es nicht von Fell gerahmt wird, sondern von Tinte. Das Paar betritt die Arztpraxis in schwarzen Skelettkostümen, und Kourtney verspricht, Travis behilflich zu sein, als der ein Becherchen gereicht bekommt, um seinen Beitrag zur Behandlung zu leisten. Fasziniert sieht die Kamera zu, wie das Paar mit Kinderwunsch zu schmusen beginnt. Dann blickt Kourtney die Zuschauer an und sagt: „Ihr müsst jetzt leider gehen.“

„The Kardashians“ heißt diese Serie, die nun bei Disney+ läuft, und sie ist die Fortsetzung einer Produktion, die die populäre Kultur verändert hat. „Keeping Up With The Kardashians“ heißt die ursprüngliche Reihe, die von 2007 an über 20 Staffeln lief und das Leben jener Familie dokumentierte, die heute so etwas wie das Königshaus der digitalen Welt ist. Zunächst beobachtete man sie beim Berühmtwerden, dann beim Markenaufbau, nun beim Verwalten von Ruhm und Vermögen. Kim Kardashian heiratete den HipHop-Superstar Kanye West und ließ sich von ihm scheiden. Kylie wurde mit ihrer Kosmetik-Linie zur Milliardärin. Kendall zum bestbezahlten Model der Welt. Khloe und Kourtney machen in Mode, Lifestyle und/oder Modeln. Und gefördert und gefordert werden alle von ihrer Mutter, „Momager“ Kris Jenner.

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In ihrem Buch „Trick Mirror“ schreibt die Essayistin Jia Tolentino über das Internet: „Es hat ein Ökosystem errichtet, das auf der Ausbeutung von Aufmerksamkeit und der Monetarisierung des Ichs basiert. Selbst wenn man das Internet völlig meidet, lebt man dennoch in der Welt, die durch dieses Internet erschaffen wird, einer Welt, in der das Selbstsein die letzte Naturressource des Kapitalismus geworden ist, einer Welt, deren Bedingungen von zentralisierten Plattformen festgelegt werden, die bewusst nahezu unkontrollierbar gestaltet wurden.“ Und das ist das Faszinierende an den Kardashians, dass es eben genau darum geht: um das lukrative Kreisen um sich selbst. Wer einschaltet, sieht Menschen dabei zu, wie sie auf Bildschirme blicken, aus denen sie selbst herausschauen. Die Kardashians haben eine Welt hinter den Spiegeln erschaffen, um darin eine Welt herzustellen, die sie abzubilden behaupten.

Es agieren in dieser Sendung Menschen im dauernden Transitzustand. Es gibt im Internet unzählige Geschichten, für die fünf Jahre alte Fotos der Familie mit aktuellen abgeglichen werden. Es ist mitunter nicht leicht zu erkennen, wer wer gewesen ist. Das sei indes nicht das Werk von plastischer Chirurgie, heißt es, sondern das Ergebnis von Ausleuchtung, Filtern, Fillern und Make-up. Die Kardashians muten wie Cyborgs an, sie tragen neuerdings besonders gerne elastische und nahtlose Ganzkörper-Anzüge, die sie wir Figuren in einem Computerspiel anmuten lassen. Sie haben stets nur eine Hand frei, weil die andere ein Handy hält. Sie stellen es laut und reden, sie reden in Lounge-Sesseln, in der Küche, im begehbaren Kleiderschrank und in den pinken Ledersitzen eines Rolls-Royce-SUVs. Sie besitzen alles, nur kein Schamgefühl.

 Kourtney Kardashian mit ihrem Verlobten, dem Rockstar Travis Barker.
Kourtney Kardashian mit ihrem Verlobten, dem Rockstar Travis Barker. Foto: dpa/-

Eine Folge handelte davon, wie man einen Van organisiert, der so hoch ist, dass man aufrecht darin stehen kann. Kim hatte sich nämlich für die Met-Gala ein Kleid so stramm auf den Leib schneidern lassen, dass sie damit nicht sitzen konnte. Die Pandemie kam zwar vor, weil sie nicht reisen konnten wie gewohnt. Klimawandel oder Krieg kommen hingegen nicht vor. In der neuen Staffel findet ein Sohn von Kim beim Zocken im Web Hinweise auf das Sextape, mit dem seine Mutter vor Jahren in den Schlagzeilen war. Kim weint deswegen, wobei sie dazusagen muss, dass sie weint, weil man es an den eingefrorenen Zügen sonst nicht erkennen würde. Sie ruft erstmal alle an und spricht darüber, zum Glück könne ihr Sohn ja noch nicht lesen, und irgendwann kommt ihr Ex und hat alles geregelt, und dann sagt sie wieder, dass sie weint.

Das ist eine Welt der Frauen, sie haben die Fäden in die Hand, sie sind die festen Größen. Männer kommen und gehen, Stiefvater Bruce Jenner verließ die Serie nach seiner Geschlechtsumwandlung und hat nun als Caitlyn Jenner eine eigene Sendung. Männer müssen getröstet werden, sie werden mit durchgeschleppt wie Kourtneys leidender Ex Scott Disick. Oder sie treten als Hofnarr auf wie der aktuelle Lover von Kris. Als Kris wieder einmal sagt, dass sie weine und sich selbst fragt, warum sie denn bloß schon wieder weine, entgegnet er, sie weine, weil sie nun mal gerne weine. Und vielleicht sagte sie danach „Oh, my God“, denn „Oh, My God“ sagen hier alle auch sehr oft.

 Die Kardashians im Jahr 2011.
Die Kardashians im Jahr 2011. Foto: dpa/Matt Sayles

Viele Paragraphen in der Verfassung der digitalen Welt wurden von den Kardashians geschrieben. Sie haben die Gesetze von Social Media mitformuliert, und sie beherrschen das Medium: Kylie Jenner etwa ist die Frau mit den meisten Followern bei Instagram (333 Millionen). Das größte Missverständnis ist denn auch, zu sagen, die Kardashians seien nur fürs Berühmtsein berühmt. Sie sind eine Wirtschaftsmacht, die die Serie benutzt, um Produkte zu erfinden und in die Welt zu tragen, die dann via Social Media weiter beworben werden. Außerdem dient die Serie dazu, Geschichten aus den Klatschportalen zu verifizieren und zu korrigieren, so dass die Kardashians die Deutungshoheit über das eigene Image behalten.

Man kann diese Sendung aber auch ohne diesen Überbau schauen. Dann sieht man prominenten Menschen mit Sonnenbrillen beim Leben in großen Häusern zu. So oder so ist es faszinierend.