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Serienkritik "Das Grab im Wald" bei Netflix

Neu bei Netflix : Verbrechen im Ferienlager

Hochklassige und düstere Kriminalserie: „Das Grab im Wald“ bei Netflix.

Die Werke des preisgekrönten Krimi-Autors Harlan Coben erleben gerade bei Netflix einen zweiten Frühling. Der Streamingdienst will in den kommenden Jahren 14 Romane des 58 Jahre alten US-Schriftstellers, von dem vor allem seine Romane mit der Hauptfigur des Sportmanagers Myron Bolitar populär sind, verfilmen. Nach „Safe“ (2018) und „Ich schweige für dich“ (2020) wird den Abonnenten nun mit „Das Grab im Wald“ die dritte Coben-Adaption präsentiert. Das Besondere daran: Der Stoff wurde aus den USA nach Warschau und in die masurischen Wälder transferiert und als zweite polnische Netflix-Produktion realisiert.

Das funktioniert erstaunlich gut und verleiht dem Sechsteiler regionale Frische statt globaler Uniformität. Als zwei Ermittler den Staatsanwalt Pawel Kopinski (Grzegorz Damiecki) darum bitten eine Leiche zu identifizieren, werden für den Juristen traumatische Jugenderlebnisse und ein ungelöster Kriminalfall wieder lebendig. In einem Sommerlager gingen 1994 nachts vier Jugendliche in den Wald und kamen nicht mehr zurück. Zwei wurden ermordet aufgefunden. Die anderen beiden,darunter Pawels Schwester, sind bis heute vermisst.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt: den sommerwarmen Rückblenden im Ferienlager, stehen die gegenwärtigen Ermittlungen des Staatsanwalts gegenüber. Denn Pavel recherchiert nicht nur in der eigenen Vergangenheit, sondern gerät auch als Ankläger in einem Vergewaltigungsprozess gegen den Sohn eines prominenten TV-Moderators unter Druck.

Die Frage, wie weit Eltern gehen, um ihre Kinder zu schützen, wird über sechs spannende Folgen allmählich als Leitmotiv auf beiden Erzählebenen herausgeschält. Gleichzeitig wird die zerstörerische Kraft des ungelösten Verbrechens aufgeschlüsselt, dessen traumatischen Erfahrungen die Betroffenen auch noch viertel Jahrhundert später verfolgt.

Die beiden Regisseure Leszek Dawid und Bartosz Konopka inszenieren die verschlungene Geschichte, die beiläufig auch vom Antisemitismus, Homophobie und Korruptionsversuchen im heutigen Polen erzählt, als atmosphärisch dichten Noir-Thriller. Und die Verlegung des Schauplatzes geht auf. Die Seelenverwandtschaft zur skandinavischen Krimi-Tradition ist unverkennbar. Vor allem aber überzeugt die polnische Produktion durch ihre markanten Schauspielergesichter, die derart vom Leben geformt wurden, wie man es auf kalifornischen Schönheitsfarmen und in Hollywood nie finden wird.

Das Grab im Wald, ab sofort bei Netflix, sechs Episoden von Leszek Dawid, Bartosz Konopka mit Grzegorz Damiecki, Agnieszka Grochowska und Wiktoria Filus.