"Saving Mr. Banks" mit Emma Thompson und Tom Hanks: Wie Walt Disney um "Mary Poppins" kämpfte

"Saving Mr. Banks" im Kino : Wie Walt Disney um "Mary Poppins" kämpfte

Mit Emma Thompson und Tom Hanks erzählt John Lee Hancocks Tragikomödie "Saving Mr. Banks" von einem verbürgten Treffen zwischen Walt Disney und "Mary Poppins"-Verfasserin P.L. Travers 1961.

Eine Frau mittleren Alters mit kurzen, dunkelblonden Locken und Tweedkostüm entsteigt bei strahlendem Sonnenschein aus einer schwarzen Stretchlimousine. Die Mundwinkel hat sie nach unten gezogen, Furchen ziehen sich von den Nasenflügeln bis zum Kinn. "Es riecht nach Chlor und Schweiß", sagt sie und verzieht pikiert die Augenbrauen. Es ist ihr erstes, vernichtendes Urteil über Los Angeles. Und über das, was sie dort erwartet.

In "Saving Mr. Banks" geht es um die bekannte Kinderbuchautorin P.L. Travers, gespielt von Oscarpreisträgerin Emma Thompson, die 1961 in die USA reist, um mit dem erfolgreichen Filmproduzenten Walt Disney (gespielt von Oscarpreisträger Tom Hanks) über eine Adaption ihres berühmten Buches "Mary Poppins" zu verhandeln. Eine wahre Geschichte.

Die Fronten sind verhärtet, denn Travers hasst alles, was mit Disney und vor allem Zeichentrickfiguren zu tun hat. Die federleichte Fröhlichkeit der Amerikaner, der sie überall begegnet, lehnt sie ab, ebenso wie alle Annäherungsversuche des charmanten Disney. Zugleich versucht sie, ihre Vorstellung der Figuren in "Mary Poppins" auch beim Filmteam kompromisslos durchzusetzen. Die Charaktere im Buch bedeuten ihr weit mehr, als sie zunächst zu erkennen gibt. So ist es auch mit Mr. Banks, der Vaterfigur in ihrem Buch.

Garstig, stur und arrogant gibt sich Travers besonders gegenüber Walt Disney, der so ganz anders auf das Leben sieht. Er möchte vor allem eins: Menschen glücklich machen. Im Film gerät die Figur jedoch zuweilen zu nett, um wahr zu sein.

So zum Beispiel, wenn Disney die widerspenstige Travers doch noch nach Disneyland bringt und dort von Fans umschwärmt wird, denen er fröhlich Autogramme gibt. Im Film umgarnt Disney Travers, weil er seinen Töchtern das Versprechen gegeben hat, ihr Lieblingsbuch auf die Leinwand zu bringen, aber auch, weil er scheinbar wirklich zu Travers vordringen will. Daher reist er ihr nach ihrer überstürzten Abreise nach London hinterher, um noch einmal eindringlich mit ihr zu reden.

Thompsons Part ist ausdifferenzierter. In einer Szene sitzt Travers leger auf dem Boden unter einem Baum. Aus Blättern und Stöckchen hat sie eine Art Unterstand errichtet, wie sie es als Kind gern tat. Das erfährt der Zuschauer in Rückblenden. Ihr gutherziger, amerikanischer Chauffeur Ralph (Paul Giamatti) setzt sich zu ihr, reicht ihr einen Pappbecher mit Tee. "Graben Sie", sagt sie. Er schaut verwundert. "Graben Sie hier mit dem Stock." Dann gießt sie den milchigen Tee in die Erdfurche. Ein See. Travers lächelt. Da ist sie wieder Kind.

Emma Thompson spielt mit viel Einfühlungsvermögen eine Frau, die in ihren besten Jahren bestimmt ist von den Erlebnissen ihrer Jugend — von den schönen wie den schmerzlichen. Ein widersprüchlicher Charakter. So wird die berühmte Kinderbuchautorin auch in Momenten gezeigt, da sie sich nach Liebe und Zuwendung sehnt, zum Beispiel, wenn sie eine der verhassten Mickey-Mouse-Figuren an sich drückt.

Gekonnt macht Thompson aus ihrer Figur ein stures Biest und lässt zugleich spüren, dass dieses Verhalten nur Verletzlichkeit überspielt. Im Abspann ist die echte P.L. Travers auf Tonbandaufnahmen zu hören. Dass die Verhandlungen mit ihr tatsächlich nervenaufreibend gewesen sein müssen, fällt danach nicht schwer zu glauben.

Das Ringen zweier willensstarker Menschen um ein Stück Kindheit, davon erzählt der Film von Regisseur John Lee Hancock überzeugend. Einige Szenen geraten allerdings etwas rührselig. Etwa, wenn Travers, die bisher alle Gesprächsversuche des Chauffeurs Ralph abwehrte, ihm plötzlich um den Hals fällt. Dennoch ist "Saving Mr. Banks" ein gelungenes Porträt zweier Menschen, die gegensätzlich erscheinen und dann doch tiefe Gemeinsamkeiten entdecken. lll

(RP)
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