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Remakes: Das Gerücht von Hollywoods Einfallslosigkeit

Plötzlich nur noch Remakes? : Das Gerücht von Hollywoods Einfallslosigkeit

Es scheint, dass Hollywood keine Ideen mehr hat. Die Zahl der Remakes im Kino nimmt zu. Doch nehmen die Neuverfilmungen wirklich überhand? Tatsächlich hat nicht nur die Filmfabrik immer schon von Wiedervorlagen gelebt – erfolgreich und von Kritikern hochgelobt.

Es scheint, dass Hollywood keine Ideen mehr hat. Die Zahl der Remakes im Kino nimmt zu. Doch nehmen die Neuverfilmungen wirklich überhand? Tatsächlich hat nicht nur die Filmfabrik immer schon von Wiedervorlagen gelebt — erfolgreich und von Kritikern hochgelobt.

Vergangenes Jahr waren die "Glorreichen Sieben", "Ghostbusters" und "Ben Hur" drei Neuverfilmungen mit großen Namen aus Hollywood, die ins Kino kamen. Dieses Jahr treten unter anderem "Die Mumie", "Jumanji" und "Skull Island" (King Kong) an. Den Produzenten und Filmstudios fällt anscheinend nichts mehr ein — außer dem Aufguss von Altbewährtem.

Doch ist der Vorwurf berechtigt? Tatsächlich folgt man nur einem Erfolgsrezept, das sich in der Vergangenheit nicht nur in Hollywood bewährt hat. Das fällt indes nur auf, je berühmter die Vorlage ist. So wie bei "Ben Hur" oder die "Die glorreichen Sieben".

Im Juni läuft beispielsweise "Die Verführten" mit Colin Farell, Kirsten Dunst und Nicole Kidman im Kino an. Doch wie viele erinnern sich an die Vorlage? Die stammt aus dem Jahr 1971 und wurde vom Kult-Regisseur Don Siegel inszeniert — mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Der tragische Film um einen verletzten Soldaten der Union im US-Bürgerkrieg, der das Beziehungsgeflecht in einem züchtigen Südstaaten-Mädchenpensionat durcheinander bringt, war damals ein kommerzieller Misserfolg. Unter anderem auch, weil viele Zuschauer dachten, dass es sich um einen Action-Film mit Clint Eastwood handelt.

Stattdessen ist es ein Psychodrama, das aber weitgehend vergessen ist. Und der Film ist kein Einzelfall: Es gibt noch mehr Kino-Remakes, deren Vorlage untergegangen ist. Die Neuauflagen dagegen waren große Erfolge, die sogar Oscars erhielten. Eine kleine, unvollständige Auswahl:

Will Smith brillierte in "I am Legend" als einer der wenigen Überlebenden einer Pandemie in einer postapokalyptischen Welt. Der Film leidet aber unter dem erzwungen heroischen Ende und den eher tierisch wild wirkenden Mutanten. Die Vorlage mit Charlton Heston aus dem Jahr 1971 unter dem Titel "Omega Man" war um einiges tiefsinniger. Zumal die Mutanten bei weitem nicht so entmenschlicht waren und eine eigene Kultur aufgebaut hatten.

Doch auch dieser Film war bereits ein Remake: 1964 hatte die Horrorfilm-Ikone Vincent Price in "The last Man on Earth" nach einer Seuche den Kampf gegen die Mutanten aufgenommen. Dieser Schwarz-Weiß-Film orientiert sich sehr eng an der der Buchvorlage von Richard Matheson und stimmt bei Weitem nachdenklicher als der etwas oberflächliche Will-Smith-Blockbuster. Der hat dafür aber weltweit mehr als 585 Millionen US-Dollar eingespielt.

Wenn Regisseur Martin Scorsese etwas macht, dann macht er es richtig. Die Liste seiner erfolgreichen Filme mit komplexen Charakteren und düsteren bis tragischen Geschichten ist lang. Und "The Departed" mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon und Jack Nicholson zählt dazu. Das Polizisten-/Gangster-Drama wurde mit vier Oscars ausgezeichnet — unter anderem für den besten Film.

Auf der Filmkritik-Seite "Rotten Tomatoes" hat der Film 91 Prozent erreicht, bei Metacritic rangiert er mit 85 Punkten. Dabei ist er ein Remake. Das Original ist der asiatische Thriller "Infernal Affairs" aus der Hong-Kong-Filmschmiede, der 2002 gedreht wurde. Scorsese machte vier Jahre später dann daraus "The Departed".

Matt Damon als Jason Bourne betrat 2002 die Kino-Leinwand. Mittlerweile hat er bereits vier Mal die Rolle des Agenten übernommen. Die Film-Reihe genießt Kultstatus. Und dennoch ist der erste Teil ein Remake: 1988 wurde fürs Fernsehen eine dreistündige Miniserie unter dem Titel "Agent ohne Namen" gedreht. Die setzte nicht ganz so auf Action wie die späteren Filme und orientierte sich mehr an der Buchvorlage von Robert Ludlum. Dafür durfte der damalige Frauenschwarm Richard Chamberlain die Rolle des Agenten Jason Bourne übernehmen.

Hollywood-Schönling und Frauenschwarm Brad Pitt spielte in "Meet Joe Black" 1998 zwar den Tod. Aber gleichzeitig hatte er etwas so Romantisches und Unschuldiges an sich, dass vor allem weibliche Zuschauer hin und weg waren. Trotz der fast drei Stunden Laufzeit. Nicht weniger romantisch ist das mit 80 Minuten sehr viel kürzere ursprüngliche "Death takes a Holiday" (Die schwarze Majestät) aus dem Jahr 1934 mit dem Charakterdarsteller Frederic March, das auf das italienische Theaterstück "La Morte in Vacanze" zurückgeht.

Als bekannt wurde, dass die beiden Hollywood-Größen Al Pacino und Robert de Niro zusammen in einem Film spielen würden, sorgte das vor mehr als 20 Jahren für Furore und aufgeregte Filmfans. Und "Heat" enttäuschte sie 1995 nicht: Pacino als Polizist Vincent Hanna und De Niro als Verbrecher Neil McCauley lieferten sich ein grandioses Katz- und Maus-Spiel und ein intensives Psychoduell. Die actionreiche Flucht-Sequenz zählt zudem bis heute zu einem Meilenstein des modernen Kinos.

Auf der Filmkritik-Seite "Rotten Tomatoes" erreicht der Film 86 Prozent, bei Metacritic 76 Punkte. Das ist ein Erfolg für den Regisseur und Drehbuchautoren Michael Mann, der damit sein eigenes Remake ins Kino brachte. Bereits 1989 hatte er den exakt gleichen Film unter dem Namen "L.A. Takedown" schon einmal gedreht. Allerdings war er so überzeugt von der Story, dass er sie mit mehr Geld und mit berühmteren Schauspielern sechs Jahre später neu verfilmte.

Der Filmemacher James Cameron und der Actionstar Arnold Schwarzenegger kennen sich, seit sie zusammen zwei Terminator-Filme gedreht haben. Für beide waren die Science-Fiction-Filme Grundsteine einer großen Karriere. Mit "True Lies" schienen die beiden dann zu einer neuen Leichtigkeit gefunden zu haben. Die Action-Komödie um einen durchschnittlichen, langweiligen Spießer, der tatsächlich ein Topspion ist, spielte damals weltweit fast 400 Millionen US-Dollar ein. Dabei handelt es sich um ein Remake. Das Original ist die französische Komödie "La totale!" aus dem Jahr 1991.

Der Ausnahmeschauspieler Al Pacino spielte in "Der Duft der Frauen" eindringlich und mitreißend einen desillusionierten, erblindeten, verbitterten, alkoholkranken Vietnamveteranen — der dennoch das Leben in vollen Zügen genoss. Allerdings trat Pacino als Lieutenant Colonel Frank Slate damit in die Fußstapfen des italienischen Schauspielers Vittorio Gassman. Der hatte 1974 im Original "Profumo di Donna" den blinden Offizier Capitano Fausto Consolo gespielt. Knapp 20 Jahre später kam "Der Duft der Frauen" als Remake ins Kino, für den Al Pacino als bester Hauptdarsteller 1993 einen Oscar erhielt.

Die Geschichte um den kubanischen Einwanderer Tony Montano (Al Pacino) von Brian de Palma (Regie) und Oliver Stone (Drehbuch) wurde 1983 von vielen Kritikern verrissen. Heute gilt es als ein Meisterwerk, das eindringlich den Aufstieg und Fall eines Verbrechers zeigt — der sich bei aller Härte, Geltungssucht und Kompromisslosigkeit ein kleines Stück Menschlichkeit bewahrt hat. Am Ende geht er daran zugrunde, nachdem er seine Familie zerstört und den letzten Freund getötet hat.

Das Original dazu stammt aus dem Jahr 1932 und erzählt fast die gleiche Geschichte — allerdings angesiedelt in der der Welt italienischer und irischer Banden während der Prohibition in den 1920ern. Und voraussichtlich 2018 soll ein weiteres Remake folgen. Die Coen-Brüder ("Fargo", "The Big Lebowski") wollen es ins Kino bringen. Gerüchteweise mit Diego Luna ("Star Wars Rogue One") als mexikanischen Immigranten in Los Angeles.

Der kompromisslose Italo-Western "Für eine Handvoll Dollar" von Sergio Leone aus dem Jahr 1964 etablierte den jungen Clint Eastwood in der Rolle des wortkargen Einzelgängers und Revolverhelden. Der Film legte den Grundstein für die Karriere des späteren Filmstars. Die Story aber um den Fremden, der mehrere Gangster-Familien gegeneinander ausspielt, gab es da schon: Der japanische Ausnahme-Regisseur Akira Kurosawa hatte 1961 in "Jojimbo" mit Toshiro Mifune die Geschichte um einen herrenlosen Samurai verfilmt, der zwei Verbrecher-Clans gegeneinander aufhetzt.

Neu verfilmt wurde das 1996 ohne Erfolg von Walter Hill mit Bruce Willis in "Last Man Standing". Die Inspirationsquelle aller dieser drei Filme aber ist dieselbe: der Roman "Rote Ernte" des US-Krimiautoren Dashiell Hammett.

Das Lied "Somewhere over the Rainbow" aus "The Wizard of Oz" von 1939 ist längst ein Klassiker. Und der Film mit Judy Garland in der Hauptrolle erreicht auf der Kritikerseite "Rotten Tomatoes" den Wert von 99 Prozent für ein fast perfektes Kino-Erlebnis. Dabei ist auch er ein Remake: Der gleichnamige Stummfilm aus dem Jahr 1925 war aber eine recht eigenwillige bis schlechte Interpretation des Romans von Frank Baum.

Beim Publikum und den Kritiker fiel er damals durch. Das Remake von 1939 ist eins der ersten Beispiele dafür, dass eine Neuverfilmung nicht unbedingt schlechter als das Original sein muss, sondern sogar sehr viel besser sein kann.

(jov)