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Nervöse Spannung bis zum Schluss: Raffinierter Thriller "In ihrem Haus"

Nervöse Spannung bis zum Schluss : Raffinierter Thriller "In ihrem Haus"

François Ozon erzählt in seinem neuen Film von einem Jungen, der sich auf raffinierte und bösartige Weise in eine intakte Familie einschleicht. Dabei weckt er im Verlauf der Geschichte mehr und mehr dunkle Vorahnungen beim Zuschauer und spitzt die Spannung auf das Äußerste zu.

Wenn Regisseure ihr Handwerk wirklich gut verstehen, dann lassen sie ihre Zuschauer bangen. Das ist die intensivste Form des Mitgefühls. Darum hat Alfred Hitchcock seine ganze Kunst aufgewandt, um Menschen um das Wohl von Leinwandfiguren fürchten zu lassen. Am besten minutenlang.

Das Phänomen heißt Suspense, und Hitchcock hat es von dem anderen Kniff der Spannungsmacher, der Überraschung, durch eine hübsche kleine Geschichte abgegrenzt: Wenn Leute an einem Tisch sitzen, ahnungslos frühstücken, und plötzlich reißt eine Bombe die Idylle in Fetzen, dann erzeugt diese schlimme Überraschung Erschrecken. Der Effekt wirkt kurz. Wenn dagegen unter dem Tisch der Tafelrunde eine Bombe tickt und davon nur der Zuschauer weiß, dann ist das Suspense: Das Publikum bangt um das Wohl der Figuren. Der Regisseur kann diesen Zustand dehnen, die Nerven seiner Zuschauer spannen, bis er darauf seiltanzen kann.

Spiel mit dem drohenden Unheil

Auch François Ozon ist ein Meister dieses Schwebezustands, der Zuschauer in nervöse Spannung versetzt. Allerdings legt der Franzose nicht nur eine Bombe unter den Tisch. In seinem neuen Film "In ihrem Haus" erzählt er sehr fein, sehr vieldeutig eine Geschichte über das Geschichtenerzählen, spielt mit Perspektiven, mit Verdächtigungen, mit drohendem Unheil. So ist sein Film, obgleich im Ton der Harmlosigkeit erzählt, aufgeladen mit latenter Gewalt.

Dabei ist Germain doch so ein biederer älterer Lehrer. Wenn er daheim die Aufsätze seiner Schüler korrigiert, ergeht er sich in Klagen über deren Orthografie und erzählerische Ahnungslosigkeit. Germain hatte selbst mal Ambitionen, hat einen komplizierten Roman verfasst, aber dann führte die Karriere doch nur an die Schule. Immerhin gibt es dort Claude. Der Schüler schreibt als einziger seiner Klasse Aufsätze, die dem Lehrer gefallen. Vielmehr beunruhigen sie ihn wegen ihres kühlen Realismus — und des kühnen Inhalts.

Beschreibt der Junge doch minuziös, wie er sich in die Familie eines Mitschülers einschleicht, indem er vorgibt dem gutmütigen Rapha bei den Schulaufgaben zu helfen. Claude hat keine eigene Familie. Er sehnt sich nach Raphas heiler Welt und verachtet sie zugleich. Das gibt ihm die Kaltblütigkeit, die Familie in seinen Aufsätzen schonungslos zu beschreiben. Er wird zum realistischen Erzähler, der sein Lehrer Germain gern geworden wäre. Und so nimmt der frustrierte Pädagoge sich des Schülers an, versorgt ihn mit Lektüre großer Romanciers wie Flaubert — und wartet sehnsüchtig auf den nächsten Aufsatz seines Schülers.

Handlung mit immer fieseren Wendungen

Ozon spielt meisterhaft mit den realen und fiktiven Ebenen dieser Geschichte. Germain liest die Fortsetzungsaufsätze seines Lieblingsschülers seiner Frau vor, einer von Kristin Scott Thomas wunderbar persiflierten Galeristin. Doch bald wird aus diesen Vorlesungen Film, lernt der Zuschauer Raphas Familie tatsächlich kennen — in bewegten Bildern. Doch alles, was er sieht, sind die Vorstellungen des Schülers Claude. Er kann die Geschichte jederzeit manipulieren. Und das tut er dann auch — immer freizügiger, böser, entlarvender.

François Ozon erzeugt also Spannung, indem er den Zuschauer rätseln lässt, was wahr ist an dieser Geschichte, was Fiktion — oder viel mehr Obsession eines Schülers , der brillant erzählen kann. Zudem gelingt es Ozon mit der Meisterschaft eines Hitchcock, Unheil anzudeuten, eine Atmosphäre der bösen Befürchtungen zu schaffen.

Wenn Claude durch das Haus seines Freundes Rapha streift, wenn er die Mutter bei der Hausarbeit beobachtet oder ins Wohnzimmer lugt, wo Raphas Vater mit unschuldigem Eifer Basketball-Spiele schaut, dann ist klar, dass der Junge ein unheimlicher Eindringling ist. Doch lässt Ozon die Bombe unter dem Tisch eben nicht explodieren, sondern führt die Handlung in immer fiesere Wendungen, indem er sie dem sadistischen Schüler überlässt. Der hat es auf das Familienglück seines Schulkameraden abgesehen, will sich und seinem Lehrer beweisen, dass Spießer nur an der Oberfläche glücklich sind. So macht der Junge den Pädagogen zum Voyeur, zum Mittäter. Dabei hätte der längst ahnen müssen, dass Claude es eigentlich auf ihn selbst abgesehen hat.

"In ihrem Haus" ist ein raffinierter, verspielter, bösartiger Thriller und zugleich die sorgfältig inszenierte Entlarvung einer Mittelschicht, die ihr privates Glück zelebriert und sich beim Galeriebesuch avantgardistisch gibt. Davon erzählt Ozon mit süffisantem Humor, auch darin ähnelt er Hitchcock, dem großen Meister des Suspense. llll

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(RP/anch/csi)