Pro-Palästina-Demonstration Berlinale-Abschlussgala wird zur Propaganda-Show

Analyse | Berlin · Warum kein Zeichen der Empathie mit israelischen Opfern? Bei der Preisverleihung der Berlinale zeigten Künstler ausschließlich Solidarität mit Palästina. Festivalleitung, Moderatorin und Jury widersprachen nicht.

So äußerten sich Filmschaffende auf der Berlinale zum Nahost-Konflikt
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So äußerten sich Filmschaffende auf der Berlinale zum Nahost-Konflikt

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Foto: dpa/Monika Skolimowska

Die Berlinale sieht sich neben Cannes und Venedig als eins der großen Filmfestivals in Europa. Und sie bezeichnet sich selbst unermüdlich als politisches Festival, das „verschiedene Perspektiven auf die Komplexität der Welt eröffne“, wie Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek vor Beginn der 74. Ausgabe betonte. Nach der Preisvergabe muss man sagen: Beide Selbst-Einschätzungen sind Trugschlüsse. Die Berlinale wird derzeit keinem ihrer Ansprüche gerecht.

Zunächst zur Berlinale und der Politik. Die von 3sat ins Fernsehen übertragene Abschlussgala am Potsdamer Platz geriet zu einer Veranstaltung mit propagandistischen Zügen. Der Krieg im Nahen Osten war allgegenwärtig. Etwa bei der Ehrung des Dokumentarfilms „No Other Land“. Es geht darin um die Vertreibung von Palästinensern aus einem Dorf im Westjordanland. Der aus Palästina stammende Filmemacher Basel Adra nutzte seine Dankesrede, um an Deutschland zu appellieren, keine Waffen an Israel zu liefern. „Zehntausende werden in Gaza geschlachtet“, sagte er. Es gab dafür Applaus im Publikum und auch auf der Bühne. Moderatorin Hadnet Tesfai hätte dem Standpunkt des Künstlers den Terrorakt der Hamas vom 7. Oktober entgegenhalten können. Jurypräsidentin Lupita Nyong’o hätte an die Opfer dieses Gewaltakts erinnern können. Ein anderes Mitglied der Jury hätte Empathie zeigen und die Sichtweise Israels verteidigen können. Besser: müssen. Das passierte jedoch nicht, alles blieb unwidersprochen. Jury-Mitglied Verena Paravel hatte sich zur Übergabe des Preises einen Zettel mit der Aufschrift „Waffenstillstand jetzt“ auf den Rücken geheftet.

Ähnliche Szenen auch bei der Bären-Übergabe in anderen Kategorien. Ein weiteres Beispiel: Regisseur Ben Russell hatte sich für seinen Gang auf die Bühne, wo er für seinen Dokumentarfilm „Direct Action“ geehrt wurde, ein „Palästinensertuch“ übergeworfen (Kufiya). Er bezeichnet das Vorgehen Israels als „Genozid“. Auch das blieb unkommentiert.

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Starauflauf bei der Eröffnungsgala der Berlinale 2024

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Foto: AP/Ebrahim Noroozi

Es geht nun nicht darum, solche Meinungsäußerungen zu verbieten. Sondern darum zu zeigen, dass es auch mindestens eine andere Meinung gibt. Nie war das Bedürfnis spürbar, beide Seiten zu beleuchten, wie man es von einem stark von der öffentlichen Hand geförderten Kulturereignis erwarten darf. Warum so wenig Mitgefühl? Zumal wenn deren Chefin vorab erklärt hat, „wir möchten, dass das Leid aller wahrgenommen wird“. Stattdessen wurde aus einem politischen Festival ein aktivistisches. Und das Gespräch über Filme zur Gelegenheit, Israel zu kritisieren.

Erst 24 Stunden später und nur auf Nachfrage bemühte sich die Berlinale um Distanz: „Die Äußerungen von Preisträger*innen sind unabhängige individuelle Meinungen. Sie geben in keiner Form die Haltung des Festivals wieder“, teilte eine Berlinale-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur mit. „Solange sie sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen bewegen, müssen wir sie akzeptieren“, hieß es weiter. Die Berlinale habe Verständnis dafür, dass die Äußerungen einiger Preisträgerinnen und Preisträger „als zu einseitig empfunden wurden“. Zugleich wurde betont, dass Meinungsäußerungen bei Kulturveranstaltungen nicht grundsätzlich verhindert werden könnten und sollten.

Bei einem israelfeindlichen Beitrag auf der Instagram-Seite der Panorama-Sektion der Berlinale handelte es sich angeblich um eine Fälschung. Er wurde schnell gelöscht und kursierte im Anschluss als Screenshot auf X (vormals Twitter). Auf einem Foto war der Spruch „Free Palestine – From the River to the Sea“ („Befreie Palästina - vom Fluss bis zum Meer“) zu sehen. Mit dem Satz wird Israel das Existenzrecht abgesprochen. Das Filmfestival gab an, Opfer eines Hackerangriffs geworden zu sein. Dass jemand einen Berlinale Social-Media-Kanal für antisemitische Hetze missbraucht, sei unerträglich, hieß es.

Wie man hört, diskutierte die Jury ungewöhnlich lange über die Preisvergaben in der Königskategorie, dem Wettbewerb. Es mag auch daran gelegen haben, dass unter den 20 Filmen, die ins Rennen gegangen waren, kein Kandidat alle anderen übertraf. Und das ist die zweite Fehleinschätzung der Berlinale. Sie tut sich schwer damit, junge Talente zu fördern, das Neue zu entdecken, Qualität anzubieten und Größe zu zeigen. Es regierte das Mittelmaß. Wie ein Motto zu Veranstaltung wirkte die Dankesrede des südkoreanischen Regisseurs Hong Sang-soo. Er wurde für seine Produktion „A Traveler"s Needs“, in dem Isabelle Huppert die Hauptrolle spielt, mit dem Großen Preis der Jury bedacht. Er wisse zu gerne, was die Jury in seinem Film sehe, sagte er. Der Silberne Bär, das sei doch eigentlich zu viel.

Zu den bemerkenswerten Filmen des Wettbewerbs gehörte der deutsche Beitrag „Sterben“ von Matthias Glasner. Ihm wurde der Preis fürs beste Drehbuch verliehen. Die Silbernen Bären für die besten schauspielerischen Leistungen gingen an Emily Watson für ihr Spiel in „Small Things Like These“ und an Sebastian Stan in „A Different Man“. Besondere künstlerische Leistung wurde Martin Gschlacht attestiert, der die Kamera im Beitrag „Des Teufels Bad“ führte.

Den Goldenen Bären für den besten Film gab man an die französisch-senegalesische Regisseurin Mati Diop, die in ihrer Doku „Dahomey“ den Rücktransport von 26 „Beutekunst“-Objekten nachvollzieht. Die Form des Films ist ungewöhnlich. Der Holzstatue des Königs Ghézo, die im Mittelpunkt steht, gibt Mati Diop eine Stimme und lässt sie sprechen. Sie berichtet von ihrer Rückkehr aus einem französischen Museum ins westafrikanische Benin, das einst das titelgebende Königreich Dahomey war. Mati Diop reckte am Ende ihrer Ansprache die Faust in die Höhe, auch sie bekundete ihre Solidarität mit Palästina.

Es ist das letzte Mal, dass das Duo Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) und Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) der Berlinale vorstand. Im nächsten Jahr wird Tricia Tuttle das Filmfest alleine leiten, sie ist gebürtige Amerikanerin und langjährige Chefin des London Film Festivals. Kulturstaatsministerin Claudia Roth hatte sich im vergangenen Jahr dafür stark gemacht, dass die Berlinale künftig wieder von einer Person geführt werde.

Claudia Roth sprach in ihrem Schluss-Statement für die aktuelle Ausgabe übrigens von einer Berlinale, die auch dieses Jahr wieder „die ganze Vielfalt an Geschichten und Perspektiven der Welt nach Berlin gebracht“ habe.

Die Stellungnahme der Berlinale zu den antisemitischen Aussagen lag bei Fertigstellung dieses Artikels noch nicht vor. Wir haben die Passagen nachträglich aktualisiert.

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