Oscars 2019: Die Akademie in der Selbstfindung

Der wichtigste Filmpreis der Welt : Die Oscars stecken in der Selbstfindung

Hollywood blickt lieber zurück auf überwundenen Rassismus, als sich der Gegenwart zu stellen. Dies wird vor allem bei der Entscheidung für den besten Film offensichtlich.

Nun hat also ein Werk den begehrtesten Filmpreis der Welt gewonnen, das von Rassismus in den USA der 1960er Jahre erzählt, von einem Italoamerikaner, der einen Afroamerikaner bei einer Konzertreise durch die Südstaaten kutschiert. „Green Book“ schildert das mit viel Wärme, Dialogwitz, und die beiden Hauptdarsteller Mahershala Ali und Viggo Mortensen sind umwerfend. Doch ist der Film auch deswegen so sympathisch, weil er Rassismus als etwas Gestriges, Vergangenes, Überwundenes darstellt. Der afroamerikanische Pianist muss übelste Diskriminierung erleben, darf nicht im Speisesaal der weißen Upper Class dinieren, nicht dieselben Toiletten benutzen, der Rassismus reicht bis zu körperlicher Gewalt. Doch in „Green Book“ sind diese Vorfälle Geschichte – der Zuschauer kann sich über die 60er Jahre empören und wird von der Gegenwart verschont. Dazu ist es wieder ein Weißer, der als Beschützer auftritt, und dazu noch mit einer intakten Familie gesegnet ist, während der Pianist, der gegen alle Stereotype lebt, ein bedauerlich einsamer Mensch ist. Da war man schon weiter.

Ein anderer Film, der in der 91. Oscarnacht im Rennen war, lenkt viel brisanter den Blick aus der Vergangenheit auf Machtmissbrauch in der Gegenwart, das Biopic „Vice“ über die Karriere des früheren US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Doch dieser Film bezieht deutlich Stellung für ein liberales Amerika, stellt einen republikanischen Politiker als skrupellosen Manipulator dar – und spaltet damit das amerikanische Publikum. Dass in der Königsklasse Bester Film „Green Book“ das Rennen machte, zeigt, wie groß in Hollywood die Sehnsucht nach Harmonie ist, wie oberflächlich sie auch sein mag. Ein Film über eine ziemlich beste Freundschaft, die den Rassismus überwindet, bekommt drei Oscars – das muss niemanden verstören.

Nach etlichen Diskussionen über den Zuschnitt der Oscarnacht, über die Wertschätzung einzelner Preiskategorien, über Livemusik, Werbeblocks und die homophoben Tweets des vorgesehenen Moderators, ist die größte Selbstfeier der Filmbranche auch ohne Gastgeber routiniert über die Bühne gegangen. Ein Jahr nach „Me too“ und der großen Sensibilisierung für den Blick auf Frauen, dominierte auf dem roten Teppich die Frühlings-Mädchen-Farbe Rosa. Nur Sänger Billy Porter setzte mit einem Oben-Smoking-unten-Abendkleid ein Zeichen zur Geschlechterdebatte. Und auch Lady Gaga rauschte ganz in Schwarz in die Verleihung, verpasste den Preis als beste Hauptdarstellerin, bekam aber einen Oscar für den besten Filmsong. Die Sängerin, die mit dem Musikerdrama „A Star is born“ in ihre Schauspielerkarriere gestartet ist, gab der Show auch einige der wenigen Schnulzmomente: Erst sang sie mit Filmpartner Bradley Cooper ein auf Innigkeit getrimmtes Duett. Dann sprach sie bei ihrer Danksagung von den Hürden ihres Lebens und dem Glauben an sich selbst. Das war die alte Sprache Hollywoods, die traditionelle amerikanische Traum-Beschwörung. Lady Gaga inszenierte sich als Selfmade-Künstlerin, die bühnenwirksam dankbar ist, in der Oscarnacht dabei zu sein. Und diese Bestätigung tat ihr gut, dieser in die Jahre gekommenen Zeremonie, die gerade so sehr mit ihrer Identität ringt.

Als Showformat hat die Oscarnacht noch keinen Weg in die Zukunft gefunden. Dass ohne Moderator allerhand Stars von Kategorie zu Kategorie überleiteten, war jedenfalls nicht mehr als eine praktische Lösung. Doch die große Neubesetzung der Academy, die mehr Vielfalt in die Entscheidungen bringen sollte, zeigt Wirkung. Je drei Oscars gingen an den schwarzen Superheldenfilm „Black Panther“, der als Zäsur in der Filmgeschichte gefeiert wird, weil er für das Popcorn-Kino mit einem komplett schwarzen Cast arbeitet. Die Afroamerikanerin Regina King bekam für "Beale Street" den Nebendarstellerinnen-Oscar, Spike Lee für sein Rassismusdrama "BlacKkKlansman", das explizit den Bezug zur Gegenwart weist, immerhin einen der Drehbuch-Oscars. Und in der Show schoss Javier Bardem ein paar Giftpfeile gegen Mauerbauer Donald Trump – auf Spanisch und bekam dafür viel Applaus.

Auch künstlerisch war von Mexiko die Rede: Das Drama „Roma“, das in eleganten Schwarz-Weiß-Bildern die tragische Geschichte eines indigenen Dienstmädchens im Mexiko der 1970er Jahre erzählt, ging als ein Favorit ins Rennen. Der Film des Mexikaners Alfonso Cuarón hatte Debatten ausgelöst, weil er nicht von einem Studio, sondern von dem Streamingdienst Netflix produziert wurde. Mit drei Auszeichnungen, darunter in den wichtigen Kategorien Beste Regie und Beste Kamera, signalisiert die Academy, dass es bei den Oscars allein um den künstlerischen Wert geht, verwehrt Cuarón aber doch die höchsten Weihen als Bester Film.

Dass Deutschland in der Konkurrenz um den besten fremdsprachigen Film an „Roma“ scheiterte, war keine Überraschung. „Werk ohne Autor“ hatte zu viel Kritik auf sich gezogen. Weil Florian Henckel von Donnersmarck in diesem Schlüsselfilm über das Leben des Malers Gerhard Richter die Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkriegs zeigt, aber von den Taten weitgehend schweigt. Weil er unsauber mit Richters Anteil am Werk umging, ein naives Künstlerbild transportiert, geschmacklose Gaskammernszenen inszenierte. Am Ende hätte er aber auch in seiner konventionellen Ästhetik gegen den weit ambitionierteren „Roma“ keine Chance gehabt.

Mit den Queen-Songs „We Will Rock You“ und „We Are The Champions“ waren die Oscars beherzt in die Nacht gestartet. Der Film über das Leben des Queen-Sängers Freddie Mercury sollte in dieser Nacht die meisten Trophäen gewinnen. Das gönnt man Hauptdarsteller Rami Malek, der in diesem mitreißenden Biopic nicht nur an seiner Ähnlichkeit mit dem Sänger arbeitete, sondern dessen zerrissene Persönlichkeit, seine Einsamkeit wie sein Genie wahrhaftig darstellt. Malek bedankte sich mit dem Hinweis, dass er selbst als Kind ägyptischer Einwanderer um seine Identität kämpfen musste.

Auch mit Olivia Colman konnte man sich über die Auszeichnung als Beste Hauptdarstellerin freuen, zeigt sie in dem durch und durch weiblichen Hof-Intrigen-Drama „The Favourite“ doch so eindringlich wie eigenwillig die psychischen und körperlichen Leiden einer Frau an der Macht.

Doch bleibt nach der 91. Oscarnacht der Eindruck einer in die Defensive geratenen Show, die mit dem eigenen Wandel erst begonnen hat.