Oscar 2018 - Kameramann Roger Deakins war bereits 13 Mal nominiert

Roger Deakins: Der Oscar-Pechvogel

Roger Deakins war 13 Mal für den Oscar nominiert und hat nie gewonnen. Nun könnte der Kameramann eine neue Chance bekommen.

Wenn man gemein wäre, könnte man sagen, dass Roger Deakins in Hollywood ungefähr das ist, was Bayer Leverkusen in der Fußball-Bundesliga ist: Vizekusen. Oder so etwas wie Prinz Charles in der englischen Monarchie: beinahe König. Roger Deakins war nämlich schon 13 Mal für den Oscar nominiert. Aber gewonnen hat er nie.

Man ist aber nicht gemein, und deshalb sagt man es so: Der 68-Jährige ist der womöglich beste Kameramann in der Traumfabrik, nur für Preisverleihungen hat er kein Talent. Seine Pechsträhne könnte nun aber enden, denn es gilt als sicher, dass Deakins mit seiner spektakulären Arbeit für "Blade Runner 2049" von Denis Villeneuve unter den Genannten sein wird, wenn die Academy am 23. Januar die Oscar-Nominierungen bekanntgibt. Deakins verleiht der Fortsetzung des Science-Fiction-Klassikers aus dem Jahr 1982 eine Corporate Identity, er hat über einzelne Szenen tubenweise neongrelle Farbe ausgedrückt. Er malte mit Licht, er schuf eine kontaminiert anmutende, giftige und dennoch traumschöne Szenerie, in der man leicht den Überblick verliert: Was ist wahr? Was Simulation? Und er wies seine Mitarbeiter an - wie auch immer sie es anstellen würden -, Zimmerdecken zu fluten, damit das Wasser die Lichtstrahlen bricht, streut, in Bewegung hält und den Räumen eine außerweltliche Atmosphäre gibt.

In Interviews lässt sich Deakins nicht auf den Oscar ansprechen. Das wird der berechtigten Sorge geschuldet sein, dass er eben nicht als Meister seines Fachs in die Filmgeschichte eingeht, sondern als Anekdote: der Pechvogel aus dem Kodak Theatre. Wie ungerecht das wäre! Denn Bilder von Deakins dürfte fast jeder gesehen und bewundert haben, der in den vergangenen 25 Jahren im Kino gewesen ist. Deakins war der "Director of Photography" bei den meisten Filmen der Coen-Brüder, bei dem Schnee-Krimi "Fargo" ebenso wie bei "The Big Lebowski" und "No Country For Old Men". Er hat mit Martin Scorsese "Kundun" gedreht, mit Ron Howard "A Beautiful Mind" und mit Sam Mendes "Zeiten des Aufruhrs". Seine aufsehenerregendsten Szenen sind sicher jene, in der Daniel Craig als James Bond in "Skyfall" vor einer flackernden Leuchtreklame-Kulisse als Scharfschütze agiert sowie die mit Tim Robbins im Regen in "Die Verurteilten" und der Schusswechsel im Tunnel in "Sicario".

Dabei mag der Brite das Sensationelle gar nicht so gerne. Er hat es am liebsten, wenn er mit einer einzigen Kamera drehen und alles selbst machen kann. Das "Visual Storytelling" ist sein Ideal, und er selbst hält "The Man Who Wasn't There" und "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" für seine gelungensten Werke. Klare, strenge Arbeiten sind das. Dazu passt, dass der als ungewöhnlich bescheiden geltende Deakins sich vom Treiben in L.A. zumeist fernhält. Er stammt aus Devon, und freie Zeit verbringt er am liebsten auf seinem Boot in Torquay. Englische Riviera.

Deakins interessierte sich schon als Kind für Malerei. Er studierte Grafikdesign, und während des Studiums entdeckte er die Fotografie. Er ist heute noch oft mit seiner Nikon unterwegs, macht Landschaftsaufnahmen und Stillleben. Er drehte zunächst Dokumentarfilme, und dann erregte seine Mitwirkung an der harten Orwell-Verfilmung "1984" mit John Hurt und Richard Burton Aufsehen. Bald danach lockte ihn Hollywood, und sein erster großer Film in den USA war "Barton Fink" von Joel und Ethan Coen.

Wie das wohl ist, wenn man 13 Mal hofft, den Lohn für seine gute Arbeit zu bekommen, die notarielle Beglaubigung gewissermaßen, und 13 Mal bleibt sie einem vor aller Welt verwehrt? Mag man noch zu Preisverleihungen gehen? Zweifelt man am Wert des Oscars? Hasst man? Dass Deakins nie gewann, könnte daran liegen, dass der Oscar für die beste Kamera oft an den Oscar für den besten Film gekoppelt ist, und Deakins eben nicht der Mann für die Mega-Produktionen ist. Aber das ist Spekulation, man weiß es nicht, zumal Deakins ja auch 2007 nicht gewonnen hat, obwohl er gleich zweimal nominiert war.

Deakins weiß, dass das beste Mittel gegen Frust ist, einfach weiterzumachen. In den Annalen Hollywoods gibt es einen Kameramann, der ebenfalls 13 Mal nominiert wurde und stets leer ausging: George J. Folsey (1898 bis 1988), der den Klassiker "Der große Ziegfeld" mit Myrna Loy, William Powell und Luise Rainer aus dem Jahr 1936 fotografierte. Und wenn man in aktuellen Ausgaben des Fachmagazins "Variety" blättert, sieht man, dass fast alle Beobachter davon ausgehen, dass Deakins nicht bloß zum 14. Mal nominiert wird, sondern danach am 4. März auch den Oscar bekommt. Dass er sich also aus der tragikomischen Gesellschaft von Folsey verabschiedet. Nur einer könnte Deakins demnach gefährlich werden: Hoyte van Hoytema. Das 46 Jahre alte niederländische Kamera-Wunderkind hat grandiose Filme vorzuweisen, "So finster die Nacht" etwa, "The Fighter", "Her", "Interstellar" und "Spectre", und kaum jemand zweifelt daran, dass van Hoytema nun endlich - und arg verspätet - seine erste Nominierung bekommt, und zwar für Christopher Nolans ohnehin hoch gehandelte Produktion "Dunkirk".

Es ist der Kampf um den Thron der Kameraleute. Er ist spannend wie ein Krimi.

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(hols)