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Oscar 2015 - "Birdman" räumt ab

Academy Awards : Oscar 2015 - die Gewinner, die Verlierer

Mit der Vergabe der Oscars meldet sich in Hollywood das liberale Amerika zu Wort. Diesmal hat es mit "Birdman" eine schwarze Satire über das Showgeschäft ausgezeichnet, den Film mit dem höchsten Patriotismus-Faktor, Clint Eastwoods "American Sniper", bedachte es nur mit einem Neben-Oscar für den besten Tonschnitt.

Wer sind die großen Gewinner und Verlierer der Oscar-Entscheidungen? Ein Überblick:

Gewinner: Alejandro G. Iñárritu Der Regisseur ist der große Gewinner der Oscar-Nacht, für "Birdman" hat er die Königsdisziplinen wie Bester Film und Beste Regie abgeräumt. Hollywood hat damit nicht nur einen Film belohnt, der den Narzissmus der Filmbranche vorführt, sondern einen Filmemacher, der seit Jahren Dramen von enormer Wucht abliefert. Viel war zuletzt davon die Rede, Hollywood sei zu "weiß", schwarze Künstler bekämen keine Chance, Iñárritu ist Mexikaner und hat ein Gespür dafür, welche Kritik in den USA wehtut.

Gewinner: Eddie Redmayne Der Darsteller spielt in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" mit größter Einfühlungsgabe einen Mann, der durch ALS immer weiter in seinen Körper eingesperrt wird, seine gedankliche Freiheit aber nicht beschneiden lässt, den Physiker Stephen Hawking. Das ist Oscar-Stoff.

Verlierer: Michael Keaton Schade nur für "Birdman" Michael Keaton, der als abgehalfteter Star, der es am Broadway noch einmal zu etwas bringen will, ebenfalls eine oscarreife Leistung zeigt — wenn auch weniger spektakulär.

Verlierer: Wim Wenders Der deutsche Filmemacher ist am besten, wenn er Dokumentationen dreht. Sein Porträt des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado "Das Salz der Erde" ist große Filmkunst, die den Blick auf vergessene Krisenregionen dieser Erde lenkt, auf Missstände, die den Menschen beschämen müssen. Natürlich hätte er einen Oscar verdient. Doch Hollywood wollte ein politisches Zeichen setzen.

Gewinner: Edward Snowden So kam die Snowden-Doku "Citizenfour" zum Zug — und auch das ist berechtigt. Snowden selbst meldete sich dazu zu Wort: Er hoffe, dass sich Zuschauer durch den Film inspirieren ließen, schrieb er an Regisseurin Laura Poitras, "einfache Bürger können gemeinsam die Welt verändern."

Verlierer: Clint Eastwood In den USA lässt Eastwoods American Sniper die Kassen klingeln, bei den Oscars spielt der heiß umstrittene Film über einen Scharfschützen, der im Dienste des Vaterlands nicht eine Sekuande am Sinn des Tötens zweifelt, steht der Film auf dem Abstellgleis. Mit dem besten Ton bekam der Film nur in einer Nebenkategorie eine Auszeichnung.

Gewinner: Patricia Arquette Die Schauspielerin hat für den Oscar-Moment gesorgt, der im Gedächtnis bleiben wird. Sie wurde für ihr Spiel in dem Film "Boyhood" für die Beste Nebenrolle geehrt, und sie kam perfekt präpariert auf die Bühne: den Zettel mit den Redetext in der Hand, die Lesebrille auf der Nase. Sie rappte ihre Danksagungen geradezu herunter, und sie forderte gleiche Bezahlung für alle Frauen in den USA. Diese Rede war ein politischer Appell, und von kaum jemandem wäre er glaubwürdiger als von der 46-Jährigen. Sie bekam ein Kind, als sie 20 war, zog es alleine groß, und während der zwölf Jahre währenden Dreharbeiten zu "Boyhood" heiratete sie, bekam das zweite Kind, ließ sich scheiden. Vielleicht ist ihre Darstellung der Mutter in diesem Film deshalb so glaubwürdig und wahrhaftig, weil sie im Grunde von sich selbst erzählte. Meryl Streep riss es vom Stuhl bei Arquettes feministischer Rede: Sie jubelte wie ein Mann beim Baseball.

Gewinner: Julianne Moore Vier Mal war sie schon für den Oscar nominiert, seit sie 1993 in Robert Altmans "Short Cuts" erstmals in Erscheinung trat — nun hat sie ihn endlich bekommen. Ausgezeichnet wurde die 54-Jährige für die Beste Hauptrolle: In "Still Alice" spielt sie eine erst 50 Jahre alte Linguistik-Professorin, die an Alzheimer erkrankt. Moore macht das gut, sehr gut, aber fast noch bedeutender als ihr Spiel ist die Tatsache, dass sie einer Volkskrankeit ein Gesicht gibt: In den USA leiden fünf Millionen Menschen an Alzheimer. In ihrer charmanten Dankesrede zitierte Moore die Statistik, nach der Oscar-Preisträger im Schnitt fünf Jahre länger leben, und sie sagte: "Das passt mir gut, denn mein Ehemann ist jünger als ich." Sie trug ein Kleid von Chanel, das Karl Lagerfeld eigens für sie gefertigt hatte, und wenn der Oscar ein Preis für guten Stil wäre, hätte sie auch den verdient: Sie verkörpert den alten Hollywood-Glamour in der Tradition von Bette Davis oder Ingrid Bergman.

Verlierer: "Selma" Der Film über Martin Luther King gehörte schon vor der Gala zu den Verlierern des Abends. Zwar war er als Bester Film nominiert. Doch blieb die Leistung des überragenden schwarzen Hauptdarstellers David Oyelowo und der jungen, ebenfalls schwarzen Regisseurin Ava DuVernay, der das Kunststück gelingt, keine Geschichtsstunde, sondern großes Kino zu inszenieren, unberücksichtigt. Nominierungen sind ein gesellschaftliches Signal, deshalb wäre es wichtig gewesen, diese von Kritikern einhellig gepriesenen Leistungen wertzuschätzen. In den USA wurde die Nichtberücksichtigung stark kritisiert, Einwände wurden bei Twitter unter dem Hashtag #OscarsSoWhite formuliert, und tatsächlich zeigt die Statistik, dass die Academy frisches Blut vertragen könnte: 93 Prozent der Mitglieder sind weiß, das Durchschnittsalter ist 63. #OscarsSoMale wäre übrigens auch ein treffender Hashtag gewesen: 76 Prozent der Jurymitglieder sind männlich, und in 87 Jahren Oscars gewann erst einmal eine Frau den Regiepreis: Kathryn Bigelow für "The Hurtlocker" 2010.

Gewinner: "Grand Budapest Hotel" Der Streifen wurde mit vier Oscars geehrt, und das war eine der besten Entscheidungen der Academy. Das ist eine Produktion mit großem Herzen, außerdem sah kein Film dieses Jahrgangs so gut aus. Sein Regisseur Wes Anderson ist der Zuckerbäcker des Weltkinos.

Gewinner: "Ida" Eindrucksvoll meldet sich das polnische Kino zurück. Als bester ausländischer Film ist Pawel Pawlikowskis Drama "Ida" geehrt worden. "Ich habe einen Schwarz-Weiß-Film über das Bedürfnis nach Stille, den Rückzug aus der Welt und Kontemplation gedreht", sagte der bewegte Regisseur "und jetzt bin ich hier, im Epizentrum des Lärms und der Aufmerksamkeit der Welt."

(dok hol)