1. Kultur
  2. Film

Netflix-Produktion aus Deutschland

Film über Immobiliengeschäfte : Prassen bis die Immobilien-Blase platzt

Der Netflix-Spielfilm „Betonrausch“ erzählt von zwei Freunden, die auf dem Berliner Wohnungsmarkt das große Geld machen – bis ihre Betrügereien auffliegen.

„Netflix, gedreht in Deutschland“ – mit diesem Siegel bringt der Streamingdienst immer mehr Produktionen auf den Markt, die hierzulande verwirklicht wurden. Der Konzern ist zudem dabei, in Berlin eine eigene Niederlassung zu gründen. Denn in Deutschland locken steigende Abonnentenzahlen, Fördertöpfe und gut funktionierende Produktionsstrukturen.

Dabei tobt sich Netflix nicht nur im Serien-Segment aus, sondern bedient in der Sparte „Netflix Originals“ ebenfalls das traditionelle Spielfilmformat. Und auch hier wird zunehmend in Deutschland produziert und gedreht. Mit dem traditionsreichen Berliner Independent-Label „X-Film“ wurde die romantische Komödie „Isi & Ossi“ realisiert. Nun folgt mit Cüneyt Kayas „Betonrausch“ eine UFA-Produktion. Ursprünglich war der Film fürs Kino geplant, aber dann kam Netflix als Auftraggeber an Bord und sicherte sich die exklusiven Verwertungsrechte. Bei der UFA, die Kino-Erfolge wie „Der Junge muss an die frische Luft“ herausgebracht hat, hofft man nun, dass dies der Beginn einer langen, profitablen Freundschaft ist.

„Betonrausch“ erzählt von zwei jungen Freunden, die sich auf dem Berliner Wohnungsmarkt eine goldene Nase verdienen und ihre eigene Immobilienblase erschaffen. Nur mit einem Seemannssack über der Schulter und ein paar Scheinen in der Hemdtasche macht sich Viktor (David Kross) aus der deutschen Provinz auf in die Hauptstadt. Den Tagelöhner-Job auf dem Bau gibt er schnell auf. Stattdessen mietet der Neuberliner mit gefälschtem Arbeitsvertrag eine Penthouse-Wohnung an, die er zu einem soliden Tagessatz an eine Gruppe bulgarischer Bauarbeiter weitervermietet. Das schnelle Geld beginnt in die eigene Taschen zu fließen und als Viktor den kleinkriminellen Betrüger Gerry (Frederick Lau) kennenlernt, steigen die beiden ins Kaufimmobiliengeschäft ein. Sie erwerben Wohnungen bei Zwangsversteigerungen zu Niedrigstpreisen, nachdem die Konkurrenz dank guter Beziehungen vom Pförtner in den falschen Saal geleitet wurde.

Schon bald sind es ganze Gebäudekomplexe, deren Wohneinheiten überteuert weitervertickt werden, auch wenn die Interessenten nur die einzige renovierte Musterwohnung gesehen haben. Hierfür kooperiert das Duo mit der gewieften Bankbeauftragten Nicole (Janina Uhse), die die Kaufwilligen mit den notwendigen Krediten versorgt und mit Viktor nicht nur geschäftliche, sondern auch eine eheliche Beziehung eingeht.

Das Geld fließt in Strömen: Villa im Grünen, Mercedes mit Flügeltür in der Auffahrt, verkokste Partys und ein Baby, das durch die elterliche Reisetätigkeit in seinem ersten Lebensjahr 236 Tage Sonne gesehen hat. Aber dank einer konventionellen Erzählklammer, die in Rückblenden aus der Position des Scheiterns vom Aufstieg berichtet, weiß man von Anfang an, dass das nicht gut gehen kann. Nach der Gründung einer eigenen Bank auf Malta fliegen die betrügerischen Machenschaften des Unternehmens auf. Ein Sondereinsatzkommando stürmt ins Wohnzimmer und Viktor darf im Gefängnis einer Journalistin seine wilde Lebensgeschichte erzählen.

Als deutsche Westentaschen-Version von Scorseses „Wolf of Wall Street“ hat Kaya den Aufstieg und Fall seines Hochstapler-Duos inszeniert. Mit fasziniertem Blick wird hier der Immobilienbetrug als Kunstform und das Leben auf der Überholspur gefeiert. Dicke Autos, teure Halsketten, wilde Villenpartys, Champagner ohne Ende und Betriebsausflüge in den Stripclub „Chantalle“ – die Insignien des Erfolges stammen allesamt aus der Klischeeklamottenkiste. Auch das Charisma der beiden jungen Geschäftsmänner, von denen sich die Kundschaft reihenweise blenden lässt, bleibt hier eher eine müde Behauptung.

David Kross ist sicherlich ein begabter Sympathieträger, aber eben kein Leonardo DiCaprio. Und Frederick Lau ist halt immer Frederick Lau. Cüneyt Kaya, der vor sieben Jahren mit „Ummah – Unter Freuden“ sein vielversprechendes Regiedebüt vorlegte und an Detlev Bucks „Asphaltgorillas“ mitgeschrieben hat, verliert sich mit „Betonrausch“ in schillernder Oberflächeninszenierung. Dabei werden die Folgen des Betrugs für die Betroffenen ebenso randseitig behandelt wie die Ursachen für die Gier nach immer höheren Gewinnerträgen, die mit einem Scheidungskindtrauma von der Stange erklärt wird. Da dürfte man gerade von einer Netflix-Produktion mehr Mut zu offenen Widersprüchen im Handlungsverlauf und bei der Gestaltung der Charaktere erwarten. Stattdessen flüchtet sich der Film nach der großen Sause in eine verkaterte Läuterungsdramaturgie, in der der gescheiterte Immobilienhai seine Verantwortung und Liebe zum süßen Töchterchen wiederentdecken darf.