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Netflix-Film "tick, tick ... Boom!": Jonathan Larson ist unsterblich

“tick, tick … Boom!” auf Netflix : Die Unsterblichkeit des Jonathan Larson

Netflix verfilmt das Leben von Musical-Komponist Jonathan Larson – stilecht als Musical. Die Songs stammen aus der Feder des verstorbenen Komponisten selbst. Der Film zeigt die Probleme eines Künstlers in New York City Anfang der Neunziger. Und passt dabei gut in die heutige Zeit.

Zur Feier eines Tanz-Auftritts seiner Freundin Susan hat der aufstrebende Musical-Schöpfer Jonathan „Jon“ Larson (Andrew Garfield) zu einer Party in seine WG in New York City eingeladen. Und das, obwohl er sich das eigentlich nicht leisten kann. Die Stimmung ist ausgelassen, spontan stimmt Jon einen A-capella-Song an. „This is the life, bo-bo, bo bo bo, Bohemia“. Die Anspielung auf das „Vie Bohéme“ – das bohemische Großstadt-Leben junger Künstler – passt zu der Feier, auf der sich viele Tänzer, Sänger und gescheiterte Schauspieler tummeln. Ein Gast – ein Nicht-Künstler – dankt Jon für die Gelegenheit, mal eine „echte Künstler-Party“ zu besuchen (weil es dort angeblich die besten Drogen gebe). Jon selbst stellt sich ihm als die Zukunft des Musicals vor.

Wie recht er damit in gewisser Weise hat, weiß der junge Komponist und Dramatiker in dem Moment vermutlich gar nicht. Der Netflix-Film „tick, tick … Boom!“ erzählt seine Geschichte basierend auf wahren Begebenheiten. Jonathan Larson wurde posthum bekannt für seinen Musical-Erfolg „Rent“. Er selbst erlebte nicht mehr, wie sein Werk die Welt des Musicals verändern würde. In der Nacht vor der ersten Aufführung im Januar 1996 starb Jonathan Larson durch eine Aortendissektion.

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In „tick, tick … Boom!“ wird das nur am Rande erwähnt. Lin-Manuel Miranda, der hier sein Regie-Debut gibt, wollte nicht den tragischen Tod des Komponisten erzählen, sondern sein Leben. Miranda legt seinem Film ein Werk Larsons zugrunde, eine gleichnamige Solo-Performance aus dem Jahr 1991, in der Larson über seine Probleme als Künstler in New York spricht. Die Aufführung bildet den roten Faden durch den Film, primär geht es aber um Jons Arbeit an seinem ersten Musical „Superbia“, von der er in seinem Solo-Stück erzählt.

Es handelt sich bei „tick, tick … Boom!“ also nicht nur um ein Musical über den Schöpfer eines Musicals. Miranda bringt über die Erzählung anhand von Jons Performance eine weitere Ebene ins Spiel, die den Film zu einer Art Meta-Erzählung werden lässt. Gleichzeitig schafft der Musical-versierte Miranda es damit, das Live-Erlebnis einer Bühnenaufführung für den Film zu adaptieren.

Es braucht etwas Zeit, um in den Film reinzufinden. Sobald man aber die verschiedenen Ebenen der Handlung durchblickt, taucht man ein in eine Welt der Kunst und der Künstler, die Fans von „Rent“ bereits aus Larsons Musical kennen. Wenn man der Ankündigung zu Beginn des Films Glauben schenken darf („Alles, was Sie gleich sehen werden, ist wahr. Mit Ausnahme der Stellen, die sich Jonathan ausgedacht hat.“), sieht man hier viele persönliche Erlebnisse, die Larson zu „Rent“ inspiriert haben. Und das, obwohl das Musical – das Werk, das Larson nach „tick, tick … Boom!“ schrieb – im Film selbst so gut wie keine Erwähnung findet.

Es klingt viel eher auf subtile Art an, mit Anspielungen und hintergründigen Details: Wie beispielsweise an der Stelle, an der Jon davon spricht, dass er in der Aids-Krise in den vergangenen Jahren mehrere Freunde verloren hat. Die Namen dieser Freunde tauchen in „Rent“ in einer Szene einer Selbsthilfegruppe für HIV-Infizierte auf. Sowohl den Protagonisten im Musical als auch Jon selbst wird zudem irgendwann der Strom abgestellt, weil sie ihre Rechnungen nicht zahlen können. Und die eingangs beschriebene Party-Szene mit dem Song „Boho Days“ wird in „Rent“ zur Feier im Life-Café mit dem Song „La Vie Bohème“ weiterentwickelt.

Larsons Werk veränderte ab den Neunzigern die Art, wie Musicals betrachtet wurden. Indem er auf rockige Musik setzte und auf ein Orchester verzichtete, beeinflusste er die Art, wie Musicals gemacht werden können. Durch die Themen, die er auf die Bühne brachte, beeinflusste er die Geschichten, die Musicals erzählen können – in seinem Fall der Kampf junger Künstler gegen die Armut, gepaart mit Freundschaft und Liebe zwischen Drogen-Konsum und Aids-Krise. Allein deswegen ist „tick, tick … Boom!“ ist ein Muss für alle „Rent“-Fans. Doch es ist weit mehr als das, auch geeignet für die, die noch nie von Larson gehört haben.

Gerade die Musik, die von dem verstorbenen Komponisten selbst stammt, macht den Film sehens- beziehungsweise hörenswert. Larsons rockiger, kraftvoller und manchmal witziger Stil reißt mit und passt immer zu der Geschichte, die erzählt wird – oder kontrastiert sie an den richtigen Stellen. Dazu kommt die großartige Leistung von Hauptdarsteller Andrew Garfield, der hier sowohl schauspielerisch als auch gesanglich überzeugt. Im Vergleich zu Original-Aufnahmen von Larson bei seinem Auftritt mit „tick, tick … Boom!“ ist Garfield Spiel oft größer, überschwänglicher. Trotzdem bleibt er der Vorlage treu. Er spielt den lebensfrohen, begeisterten, etwas chaotischen Jon authentisch, ohne das Original zu kopieren.

Auch die übrigen Darsteller (darunter Vanessa Hudgens und Alexandra Shipp, aber auch Broadway-Darsteller wie Robin de Jesús) überzeugen, ebenso wie Lin-Manuel Mirandas Regie, die nicht immer subtil, aber stets treffend ist. Man erkennt in jeder Faser des Films nicht nur die Bewunderung des Regisseurs für Larson, sondern auch sein Verständnis für Musical und Film. Nicht zuletzt ist es passend, dass gerade Miranda einen Film über den Musical-Revolutionär Jonathan Larson dreht, nachdem er selbst mit „Hamilton“ 2015 Musical-Geschichte schrieb.

Miranda hat einen Film geschaffen, der sich stark an Jonathan Larsons Werk, aber auch an Vorlagen und Original-Aufnahmen orientiert. Jons Apartment beispielsweise ist bis ins Detail anhand von Aufnahmen entstanden, die Larson selbst damals von seinem Zuhause gemacht hatte. Immer wieder setzt Miranda außerdem Ausschnitte von Szenen im Stil einer 8-Millimeter-Videokamera in Szene, was das Gezeigte greifbar macht. Gleichzeitig gerät der Film zu einem Meta-Stück über die Welt der Musicals im Allgemeinen. So sitzen in einer Szene, in der Jon sein Musical „Superbia“ einer Gruppe von aufstrebenden Komponisten und Dramatikern vorstellt, im Publikum viele tatsächliche Komponisten und Dramatiker, darunter Steven Levenson, der das Drehbuch für die Verfilmung von „tick, tick … Boom!“ basierend auf Larsons Werk schrieb.

Noch großartiger werden die Anspielungen und „Easter Eggs“ in einer Szene über den sonntäglichen Brunch im Diner, in dem Jon arbeitet. Hier kommen zahlreiche Größen des amerikanischen Musicals zusammen, um den Song „Sundays“ zu performen, darunter auch Stars aus den Musicals „Hamilton“ (Renée Elise Goldsberry, Phillipa Soo) und „Rent“ (Adam Pascal, Wilson Jermaine Heredia). Der Song an sich wiederum ist eine Hommage Larsons an Stephen Sondheim – einen seiner stärksten musikalischen Einflüsse – und dessen Musical „Sunday in the Park“

Wie um das Ganze abzurunden, greift der Film Themen auf, die den Komponisten zu seiner Zeit beschäftigten. Themen, die er in seinem Solo-Stück verarbeitete. Da ist zum Beispiel seine Angst vor seinem 30. Geburtstag. Und die Befürchtung, die Zeit laufe ihm davon. Im Film wird das zur Aids-Krise in Relation gesetzt, von der auch Jons Umfeld betroffen ist. Doch es sind Themen, die auch heute den Nerv der Zeit treffen, wie sich an dem in diesem Jahr ebenfalls von Netflix produzierten Special „Inside“ des Komikers Bo Burnham gezeigt hat. Das Special verfolgt Burnhams fast wahnhaften Anspruch an sich selbst, etwas zu schaffen, bevor es zu spät ist – ebenfalls rund um seinen 30. Geburtstag. Im direkten Vergleich wirkt Burnhams „Inside“ beinahe wie eine Weiterentwicklung von „tick, tick … Boom!“ im Zeitalter des Internets.

Lin-Manuel Mirandas Regie-Debut ist laut, aufregend und ergreifend. Es ist trotz tragischer Momente ein großer Spaß, gerade durch die tolle Musik eines talentierten Komponisten, der zu früh gestorben ist – was im Film in einer subtilen Tragik anklingt. Miranda und Garfield bestätigen die alte Weisheit, dass ein Künstler in seinem Werk unsterblich bleibt. Und sie ermöglichen es mit ihrer gelungenen Adaption, dass nach „Rent“ nun eine weitere Arbeit Larsons von einer breiten Öffentlichkeit gesehen – und gehört – wird.