Restaurierte DVD-Fassung: Marlene Dietrich — der ewige blaue Engel

Restaurierte DVD-Fassung : Marlene Dietrich — der ewige blaue Engel

Der Filmklassiker "Der blaue Engel" erscheint in restaurierter Fassung auf DVD. Das Faszinierendste an der Wiederbegegnung ist die Hauptdarstellerin: Marlene Dietrich, der größte Star, den Deutschland je hatte.

Dieser Film war eine Sensation, erst der zweite Tonfilm überhaupt in Deutschland, ein Prestige-Produkt aus den nagelneuen Studios in Babelsberg. Es war das Jahr 1930, und für "Der blaue Engel" boten die Bosse der Ufa nur das Beste auf, die Crème de la Crème. Als Drehbuch-Vorlage diente der Roman "Professor Unrat" von Heinrich Mann, sie holten Emil Jannings, den Superstar jener Tage, aus Hollywood zurück — dort hatte er soeben einen Oscar gewonnen.

Sie boten Ernst Lubitsch die Regie an, und als der absagte, engagierten sie Josef von Sternberg. Und dann war da noch diese Frau, die allen die Schau stahl, sie hieß Marlene Dietrich und übernahm die Rolle der Sängerin Lola Lola, die reihenweise Männer in das moralisch fragwürdige Etablissement "Der blaue Engel" lockt. Jannings als Professor Rath jedenfalls hält ihr nicht lange stand, nach dem zweiten Besuch gibt er sich hin, von da an ist sein Leben nur mehr Fallen, Stürzen, Fehlen.

"Der blaue Engel" liegt nun in einer restaurierten Fassung auf DVD vor, und spannender noch als der allein schon großartige Film ist es, sich den Werdegang seiner Hauptdarstellerin noch einmal vor Augen zu führen. Die Dietrich war 29 Jahre alt damals, und weil sie pummelig wirkte und man befürchtete, dass das den Kinogehern nicht gefallen würde, stellte von Sternberg nur beleibte Schauspieler neben sie auf die Bühne. Aber die Menschen mochten Marlene Dietrich, die zuvor als erste Besetzung für zweitklassige Filme verrufen war und gerne mit der singenden Säge auftrat: Wenige Wochen nach Filmstart war sie ein Star. Niemand kokettierte so unverblümt mit dem Abgründigen.

Der Sprung nach Hollywood

Sie folgte von Sternberg nach Los Angeles, die beiden wurden ein Paar, sie drehten sieben Filme zusammen, darunter die Klassiker "Marokko" (1930) und "Shanghai-Express" (1932). Die waren so populär, dass sie die angeschlagenen Paramount-Studios vor der Insolvenz retteten. Dietrichs Ruhm kann man kaum überschätzen, sie spielte in der Liga von Greta Garbo und noch heute ist sie Deutschlands bekanntester Export in die Traumfabrik.

Ebenso wirkungsvoll wie die schauspielerische Leistung etwa in "Zeugin der Anklage" (1957) oder "Das Urteil von Nürnberg" (1961) war ihre Art, als Frau aufzutreten, Weiblichkeit zu interpretieren. Jede ihrer Figuren hat eine Vorgeschichte, sie verkörperte einen neuen Typus, lebensweise und erfahren: Nicht die Männer wählten sie, sondern sie nahm sich die Männer. Sie wusste, wo sie am Set stehen musste, sie wies Beleuchter an, wie das Licht zu kommen hatte, die Nasenflügel sollten Schatten werfen. Und: Dietrich trug Hosenanzüge, "Marlene-Hosen" nennt man sie, sie trug sie bei offiziellen Anlässen, das war unerhört. Lange Beine, rauchige Stimme — sie verwirrte, machte verrückt, eine Frau in Männerkleidern.

Noch mit 75 auf der Bühne

In den 50er Jahren galten Schauspielerinnen mit 40 Jahren bereits als alt, aber die Dietrich ging dagegen an, sie gab der reifen Frau ein Gesicht, sie behauptete sich, strahlte Herablassung aus und war dabei durchaus anziehend. Mit 75 Jahren stand sie noch auf der Bühne, mit ihren Liedern ging sie auf umjubelte Welttourneen, sie sang "Lili Marleen" und "Sag mir, wo die Blumen sind". Der neuen DVD-Edition liegt eine Dokumentation bei, sie zeigt die Dietrich 1972 auf der Bühne: im Pelz und eingenäht in ein Kleid aus Soufflé, einem Spezial-Gewebe, das sie in ihrer Hautfarbe einfärben und vor Konzerten in stundenlangen Prozeduren mit Glitzersteinen besticken ließ. Sie steht statuenhaft da, bewegt nur den Kopf. Sie lenkt die Blicke auf ihren Mund, die Oberlippe zuckt, und auf die Augen, große Augen mit halb geschlossenen Lidern. Ein Schauspiel, man vergisst das Hören vor lauter Hinsehen.

Wenn man nun weiß, wie sich diese Frau, die 1939 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, gegen die Barbaren aus der Heimat behauptete, steigert das die Ehrfurcht des Nachgeborenen noch weiter. Goebbels wollte sie zurückholen, er breitete goldgewebte Teppiche aus. Sie verhöhnte ihn, von ihrem Zweitwohnsitz in Paris aus unterstützte sie Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland, und sie trat zur Erbauung der US-Truppen auf. Sie eignete sich nicht als deutsche Vorzeige-Frau, sie war in Schöneberg geboren und rein preußisch: diszipliniert, widerspenstig und eigensüchtig.

Lange Reihe von Affären

Die Männer bekamen es zu spüren, die Frauen auch. Die Reihe ihrer Liebschaften ist lang, Erich Maria Remarque, Douglas Fairbanks, Jean Gabin, Ernest Hemingway und die von Greta Garbo verlassene Mercedes de Acosta gehörten dazu. Dabei war die Dietrich 50 Jahre lang mit dem Produzenten Rudolf Sieber verheiratet. Der dachte indes äußerst liberal, er regelte ihre geschäftlichen Angelegenheiten und sandte denjenigen ihrer Liebhaber, die er mochte, Zigaretten zu.

Als die Dietrich 1975 bei einem Konzert in Sydney in den Bühnengraben fiel, erlitt sie einen Oberschenkelhalsbruch, danach trat sie nie mehr auf. Sie wollte nicht, dass es ihr erging wie der gebrechlichen Garbo, die in den 60er Jahren von Fotografen abgeschossen wurde. Alle Welt seufzte damals: "Was ist aus ihr geworden!" Also zog sich die Dietrich zurück in ihr Pariser Apartment, sie nahm Tabletten, soff. Elf Jahre soll sie bis zu ihrem Tod 1992 im Bett gelegen haben, mit einem Greifarm holte sie sich heran, was sie brauchte. Das Ende dieser Frau ist mythisch, sie hielt allein über das Telefon Kontakt zur Außenwelt; ab und an soll sie Romy Schneider mit Drogen versorgt haben: Sie verschickte sie in Büchern, in deren Seiten ein Loch geschnitten war.

An all das muss man denken bei der Wiederbegegnung mit dem "Blauen Engel". Dieser Film erzählt vom 20. Jahrhundert, von der Dietrich, dem größten Star, den Deutschland hervorgebracht hat.

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(RP/felt/csi/nbe)
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