Liebesdrama „Es gilt das gesprochene Wort“

Vielschichtiger Kinofilm : Wir heiraten aber nur auf dem Papier!

„Es gilt das gesprochene Wort“ ist ein Liebesdrama um eine deutsche Pilotin, die einen jungen Türken zum Schein heiratet.

Aus dem tiefen Anatolien reist Baran (Ogulcan Arman Uslu) nach Abschluss seines Militärdienstes per Anhalter nach Marmaris. Die Stadt an der türkischen Ägäis ist ein Urlaubsparadies, in dem sich viele Touristen tummeln. Baran träumt davon, seinen ärmlichen Verhältnissen zu entfliehen und in Europa ein neues Leben anzufangen.  „Ich mache alles“ sagt er zu dem Wirt, der ihn misstrauisch mustert und den Bewerber vortanzen lässt. Der Neue landet als Spüler in der Küche und verdient sich schon bald, wie der Rest der Belegschaft, sein Zubrot mit sexuellen Dienstleistungen für westliche Touristinnen. Auf der Suche nach einem bezahlten Urlaubsflirt landen die Frauen in der einschlägig bekannten Bar, und Baran hofft, dass eine von ihnen ihm den Weg nach Europa ebnet.

Als er die deutsche Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle) am Strand anflirtet, zeigt diese sich wenig interessiert an den Avancen des Gigolos. Marion hat andere Sorgen. Sie nimmt sich mit dem anderweitig verheirateten Raphael (Godehard Giese) nach einer Krebsdiagnose eine kurze Auszeit am Meer, um ihr Leben neu zu überdenken. Der gemeinsame Urlaub ist das Ende der langjährigen Affäre.

Mit den plötzlichen Hilfsangeboten des Gelegenheitsliebhabers kann Marion nicht umgehen und schickt ihn nach Hause. Als sie vor ihrer Abreise erneut Baran trifft und der sie bittet, ihn nach Deutschland zu holen, lässt sich Marion aus einem Impuls heraus auf die Scheinehe  ein. Vielleicht weil sie im Angesicht der lebensbedrohlichen Krankheit etwas tun will, das in die Zukunft gerichtet ist. Vielleicht weil der junge Türke ihr imponiert mit seinem Willen, das eigene Leben neu in die Hand zu nehmen. Vielleicht weil sich die unvernüftige Entscheidung einfach richtig anfühlt.

Die Gründe für die überraschende Entscheidung bleiben in Ilker Çataks „Es gilt nur das gesprochene Wort“ ein Geheimnis der Figur. Und das passt zu dieser selbstbewussten Frau, die sich nicht gern in die Karten schauen lässt und von der fabelhaften Anne Ratte-Pelle mit einer geradezu strahlenden, persönlichen Integrität verkörpert wird. Die Pilotin ist es gewohnt zu lenken und weiß genau, was sie will. Durch ihre Krankheit gerät sie allerdings in den Zustand einer produktiven Verunsicherung, aus dem heraus sie sich mehr als ursprünglich geplant auf ihren Scheinehemann einlässt.

Mit großer Sensibilität und ohne melodramatische Posen lotet Çatak die Liebes- und Machtverhältnisse in der ungleichen Beziehung aus. Dabei unterminiert er immer wieder die von Stereotypen geprägten Erwartungen. Das Klischee der Karrierefrau wird hier ebenso dekonstruiert wie das des hilfsbedürftigen Migranten. Marion geht mit klaren Regeln und Vorgaben an die Scheinehe heran und hat sich genau in die juristische Materie eingearbeitet.

Aber sie kann die emotionalen Grenzen, die sie gegen Baran errichtet hat, schon bald nicht mehr aufrecht erhalten. Der junge Türke begegnet der emanzipierten Frau und ihrer Lebenswelt mit Neugier, Verwunderung, Irritation und zunehmendem Selbstbewusstsein. Die beiden ringen darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Dabei schaut man gerne und interessiert zu, weil der Film – anders als sein Titel suggeriert – davon weniger in ausgefeilten Dialogen als über Emotionen erzählt, die sich in Blicken, Körperhaltungen oder der Klangfarbe des Gesagten entfalten.

Çatak vertraut der Sensibilität des Publikums, dem nicht alles fertig ausformuliert vor die Nase gesetzt werden muss – eine Gabe, die im deutschen Kino nicht allzu weit verbreitet ist. Dazu passt das stimmungsvolle, in kühlen Farben gehaltene Setting Hamburgs, in dem es dem Neuankömmling nicht leicht fällt, sich einzurichten, obwohl er sein neues Leben in Deutschland mit ambitioniertem Elan angeht. Wie viele Knüppel einem vollkommen integrationswilligen Migranten in diesem Land in den Weg gelegt werden, aber auch wie viel Hilfe er von seinen Mitmenschen erfährt – all das zeigt der Film.

Mag sein, dass die ein oder andere Plotwendung in „Es gilt das gesprochene Wort“ ein wenig überdosiert erscheint und der Film in der letzten halben Stunde zu sehr in die eigenen Verwicklungen verstrickt ist. Aber trotz alledem bleibt Çatak seinem differenzierten Konzept bis zum Abspann treu. Sein Film verweigert sich den romantischen Happy-End-Ansprüchen und findet eine überraschende, offene Schlusswendung, die dem Selbstbewusstsein und der Widersprüchlichkeit seiner Figuren vollkommen gerecht wird.

„Es gilt das gesprochene Wort“ D/F 2019, 120 Min., von Ilker Çatak, mit Anne Ratte-Polle, Ogulcan Arman Uslu, Godehard Giese

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