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Berlinale: Léa Seydoux als widerspenstige Zofe

Berlinale : Léa Seydoux als widerspenstige Zofe

Der Franzose Benoit Jacquot hat den Roman "Tagebuch einer Kammerzofe" verfilmt - wie schon Jean Renoir und Luis Buñuel vor ihm. Eigentlich ein marxistisch-leninistischer Stoff, sagte Jacquot in Berlin. In seinem Film merkt man davon wenig.

Sie hat Stolz. Und Gerechtigkeitsempfinden. Sie will sich nicht länger gängeln und erniedrigen lassen. Doch Célestine ist Kammerzofe, was besser klingt, als es war um 1900. Sie muss eine Stelle nach der anderen annehmen, hat mal Glück mit der Herrschaft, meist wollen ihr alte Gutsbesitzer an die Wäsche.

Célestine arrangiert sich und hofft auf die Gelegenheit, ihrem Schicksal zu entkommen. Doch das ist eine Frage der Klasse, Anfang des 20. Jahrhunderts, und so schreckt die hübsche Dienerin am Ende auch vor drastischen Mitteln nicht zurück, um der Abhängigkeit zu entkommen. Doch natürlich schaffen Verbrechen neue Abhängigkeiten.

Eigentlich sei das ein marxistisch-leninistischer Stoff, sagte Benoit Jacquot bei der Berlinale. Und tatsächlich kann man den Roman von Octave Mirbeau so lesen, führt er doch vor, wie eine intelligente, junge Frau nach ein wenig Freiheit und Selbstverwirklichung strebt und an den Verhältnissen scheitert.

Léa Seydoux spielt diese Rolle, und der liegt das stille Aufbegehren, sie kann Trotz und Aufmüpfigkeit zeigen, ohne äußerlich die Fassung zu verlieren.

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Jacquot hat schon in "Leb wohl, meine Königin!" mit dem französischen Star zusammengearbeitet. 2012 eröffnete dieser Historienfilm die Berlinale. Auch diesmal legt er einen empfindsamen Kostümfilm vor, mit sorgsam gewählter Ausstattung, fein ausgeleuchteten Räumen. Man kann eintauchen in die Zeit um 1900.

Doch ist der Film allzu ruhig für seinen eigentlich doch rebellischen Inhalt. Jacquot blendet durch die diversen Anstellungen, die das Dienstmädchen absolviert. Meist gerät sie in bedauerliche Umstände, man hat Mitleid mit diesem Geschöpf, aber es gleichen sich die Szenen, eine Radikalisierung der Hautpfigur ist nicht zu erkennen.

Am Ende ist es ein schroffer Mann, ein eigenbrötlerischer Gärtner und abscheulicher Antisemit, von dem sich die Kammerzofe die Flucht in ein anderes Leben erhofft. Die erotische Anziehung zwischen beiden erschließt sich im Film kaum.

So bleibt "Tagebuch einer Kammerzofe" ein eher impressionistisches Sittengemälde, das allzu dezent die sozialen Verhältnisse der Jahrhundertwende ausmalt.

Mehr zur Berlinale im Live-Blog unserer Redakteurin Dorothee Krings.

(dok)