Film-Kritik: Irina Palm: Lady im Schmuddelschuppen

Film-Kritik: Irina Palm : Lady im Schmuddelschuppen

(RP). Marianne Faithfull spielt in Sam Garbarskis Film "Irina Palm" eine Hausfrau, die aus Geldnot in einem Sexclub zu arbeiten beginnt und dort bald zur begehrtesten Mitarbeiterin aufsteigt. Das Sexsymbol der 60er Jahre beweist mit dieser Rolle ein weiteres Mal sein schauspielerisches Talent.

"Hostess gesucht", steht auf dem Schild am Eingang des zwielichtigen Rotlicht-Etablissements im Londoner Stadtteil Soho. Die naive, in die Jahre gekommene Maggie (Marianne Faithfull) hat natürlich keinen Schimmer, was das bedeutet. Aber egal, denn die verzweifelte Witwe aus dem spießigen Vorort braucht dringend Geld. Ihr Enkel ist sterbenskrank, ihr Sohn arbeitslos, und die Operation in einer Spezialklinik im fernen Australien kostet eine Menge Moos.

"Sie wissen, was eine Hostess ist?" fragt der verblüffte Besitzer (Miki Manojlovic) des schmierigen Sexladens im Vorstellungsgespräch. "Ich denke schon", antwortet die Mittfünfzigerin, "kochen, putzen, solche Sachen?" Der potentielle Arbeitgeber verdreht die Augen, bewundert aber geschäftstüchtig ihre zarten Hände. Ehe sich Maggie versieht, sitzt sie vor diesem Loch in der Sperrholzwand, durch das unbekannte Männer ihr bestes Stück stecken. Die junge Kollegin weist die biedere Vorstadtpflanze kaugummikauend in den fingerfertigen Job ein. Gleitmittel in die Handflächen, erst langsam, dann schneller rubbeln, und rechtzeitig das Kleenex zur Hand, fertig.

Man muss sich dabei nur den Blick von Marianne Faithfull anschauen, in den sich angesichts dieser manuellen Verdienstmöglichkeit Erstaunen, Abscheu und Entschlossenheit mischen - eine grandiose darstellerische Leistung der Pop-Ikone, und das nicht nur in dieser Szene.

Mit ihrer Verpflichtung hat der deutschstämmige Filmemacher Sam Garbarski ("Der Tango der Rashevskis") einen Besetzungscoup gelandet. Das sagenumwobene Sexsymbol der wilden Swinging Sixties als brave Hausfrau, die als überaus talentierte Handarbeiterin unter dem Künstlernamen Irina Palm zur begehrtesten Attraktion des Schmuddelschuppens wird, bei der die aufgeregte Kundschaft Schlange steht.

Natürlich kommt der ach so schlüpfrige Nebenerwerb irgendwann ans Tageslicht, und nicht nur ihrer Familie, sondern auch den neugierigen Nachbarn entgleiten die scheinheiligen Gesichtszüge.

Nein, kein kritischer Einblick ins schmutzige Sexgewerbe, sondern das Porträt einer Frau, der das Leben übel mitgespielt hat und die noch einmal zu sich selbst findet, fächert sich vor unseren Augen auf. Mit Witz und Wärme, ohne eine Spur von Vulgarität und mit dem nötigen Realitätssinn schildert Regisseur und Drehbuchautor Garbarski sein Sozialmärchen, dem man auch gerne manche Schwäche verzeiht.

Die Figurenzeichnung des grässlich anständigen Sohnemanns, der sich über das Tun seiner Mutter echauffiert, hätte man sich weniger eindimensional gewünscht. Und auch die Tatsache, dass dem armen Enkel eine todbringende Krankheit angedichtet wird, verleitet zu manch klischeehafter Szene. Aber Marianne Faithfull ist einfach göttlich, sobald sie sich in der ungemütlichen Kabine häuslich einrichtet und mit Kittelschürze, Kaffeekanne sowie Fotos an der kahlen Wand an ihre Erwerbstätigkeit macht, und im Laufe der Handlung von der verhuschten Hausfrau, die anfangs wie ein geprügelter Hund durch die Gegend schleicht, zur selbstbewussten Lady aufblüht, der man das Alter nicht mehr ansieht.

Manche Sequenzen dürften einfach unvergesslich bleiben. Wenn Maggie ihren vertrockneten Bridge-Freundinnen beim Klatsch so unverblümt von ihrem beruflischen Aufstieg erzählt, dass denen fast die Teetasse aus der Hand fällt, ist das beste Situationskomik. Und zu Herzen geht diese liebenswerte Tragikomödie, wenn sie einer Kollegin von ihrem verpfuschten Leben berichtet oder sich mit dem Puff-Betreiber ein zärtliches Techtelmechtel entwickelt.

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