"Godard trifft Truffaut" - Doku über die Nouvelle Vague: Wütende Männer machen Kino

"Godard trifft Truffaut" - Doku über die Nouvelle Vague : Wütende Männer machen Kino

(RP). Man wünscht sich nur einmal im Leben ein vergleichbar intensives Gefühl des Triumphes. Francois Truffaut war Kritiker bei den legendären "Cahiers du Cinéma", der Filmzeitschrift, die im April 1951 erstmals in Paris erschien. Er gehörte zur Gruppe der Enthusiasten, die dort in Essays, Interviews und Porträts ihren Helden huldigten, den Regisseuren des US-Kinos vor allem – Alfred Hitchcock etwa, Samuel Fuller und Howard Hawks.

(RP). Man wünscht sich nur einmal im Leben ein vergleichbar intensives Gefühl des Triumphes. Francois Truffaut war Kritiker bei den legendären "Cahiers du Cinéma", der Filmzeitschrift, die im April 1951 erstmals in Paris erschien. Er gehörte zur Gruppe der Enthusiasten, die dort in Essays, Interviews und Porträts ihren Helden huldigten, den Regisseuren des US-Kinos vor allem — Alfred Hitchcock etwa, Samuel Fuller und Howard Hawks.

Foto: Mouna GmbH / Barnsteiner

Aber Truffaut und seine Autorenkollegen Jean-Luc Godard, Claude Chabrol und Eric Rohmer jubelten nicht nur, sie waren ebenso berühmt für ihre Verrisse, den scharfen Ton der Ablehnung. Truffaut kritisierte in den "Cahiers" das Filmfestival in Cannes derart böse, dass ihm die Verantwortlichen 1958 die Akkreditierung für die Veranstaltung verweigerten. Er kam erst im Jahr darauf an die Croisette — und gewann dort die Goldene Palme mit seinem ersten Spielfilm "Sie küssten und sie schlugen ihn".

Dieser Moment tiefer Befriedigung ist der Ausgangspunkt der sehenswerten Dokumentation "Godard trifft Truffaut" von Emmanuel Laurent und Antoine de Baecque. Sie erzählt die Geschichte der Freundschaft zweier Filmemacher, die unser Verständnis von Kino verändert haben. Der rebellische und künstlerische Godard und der feingeistige Trauffaut trafen sich während ihrer Studentenzeit in einem Filmclub, und beide erfanden Ende der 50er Jahre die Nouvelle Vague, jene französische Revolution, die das wahre Leben ins Kino bringen wollte. Sie drehten auf der Straße, sie wollten ihren Alltag abbilden, ihre Träume. Und sie scherten sich nicht um die Regeln der als muffig abgetanen Alten. Sie ließen ihre Hauptdarsteller direkt zum Publikum sprechen, montierten Dokumaterial in ihre Spielfilme.

Eine Freundschaft mit bitterem Ende

Truffauts Erfolg ermöglichte Godard das Beginnen. Truffaut überließ ihm ein Drehbuch, aus dem Godard "Außer Atem" machte, und er besorgte Geld für die Produktion. Man denkt ja, diesen Männern gelang alles, das mit den Frauen ebenso wie die Filme. Aber nach dem Paukenschlag zum Auftakt war die Nouvelle Vague erstmal gezähmt. "Schießen sie auf den Pianisten", Truffauts zweiter Film, floppte; Godards "Carabinieri" sahen nur 20 000 Menschen. Die "Jungen Türken", wie man die Gruppe filmender Autoren nannte, machten indes weiter, und allmählich brachten sie die großen Werke hervor: "Jules und Jim" ('62), "Die Verachtung" ('63), "Die Braut trug schwarz" ('67), "Elf Uhr nachts" ('65). Im Revolutionsjahr 1968 veränderte sich alles, da wurde aus Liebe Hass. Godard mutierte zu jenem Kino-Dekonstruktivisten, der noch heute vom Genfer See aus rätselhafte Bild-Traktate in die Welt schickt. Er wollte Politik machen, keine Filme zum Genießen. Truffaut hingegen erzählte weiter Geschichten von der Liebe, ihn interessierte Zwischenmenschlichkeit mehr als das System. 1972 schrieb Godard seinem alten Freund einen Brief — ein Lügner und Verräter sei er, und Truffaut antwortete mit 20 handgeschrieben Seiten, auf denen das wichtigste Wort "Arschloch" war. Bis zum Tod Truffauts, der 1984 im Alter von 52 Jahren an einer Gehirnblutung starb, sprachen die beiden kein Wort mehr miteinander.

"Godard trifft Truffaut" ist aus Filmszenen, unveröffentlichtem Bildmaterial, Interviews und Archivfunden schlüssig komponiert. Der Film erzählt die Geschichte einer Freundschaft. Er zeigt, wie jung Frankreich einst war. Und er schildert, wie wir sehen lernten.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

(RP)
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