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"Willkommen auf deutsch": Deutsche und Flüchtlinge

"Willkommen auf deutsch" im Kino : Dokumentation zeigt, wie Deutsche mit Flüchtlingen umgehen

Satte Wiesen, saubere Kühe, Backstein-Idylle - friedlich wirkt die Welt im Landkreis Harburg, im Hamburger Hinterland. Doch dann geht dort dieser ältere Herr durch die verschlafenen Straßen.

"Das ist hier das noch beschauliche Dorf Appel", sagt Hartmut Prahm und da ist viel unterdrückter Zorn in seiner Stimme. Bald sollen 52 Menschen in sein Dorf ziehen, die Asyl in Deutschland suchen. Und so sehen manche Bürger die Beschaulichkeit in Gefahr: Die einen fürchten um ihre Teenager-Töchter, die anderen um die Grundstückspreise. Und als der Mann von der Landkreisverwaltung in Appel eintrifft, um zu erklären, warum im leerstehenden Altenheim bald Asylbewerber leben sollen, ist die Stimmung bereits so aufgeheizt, dass dem Beamten ungezügelte Wut entgegenschlägt.

Willkommenskultur in der deutschen Provinz - davon erzählt die Doku "Willkommen auf deutsch", die etwas Wesentliches zur aktuellen Flüchtlingsdebatte beiträgt: konkrete Anschauung, erlebte Realität. Die Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler haben in Kleinstädten in der norddeutschen Provinz über ein Jahr beobachtet, wie sich die Bürger auf ihre neuen Mitbewohner einstellen. Sie sind auf Abwehr, Vorurteile, Unbehagen gestoßen, aber auch auf Menschen wie Ingrid und deren Freundin, zwei ältere Frauen, die es nicht kalt lässt, wenn eine Familie aus Kasachstan in ihre Nachbarschaft zieht und aus Angst vor der Abschiebung fast zugrunde geht. Der Mutter mit sieben Kindern wird eine leerstehende Sparkassenfiliale zugewiesen. Die direkten Nachbarn verweigern den Kontakt, bei jedem Brief fürchtet die Familie, dass sie ihr Heim wieder verlassen muss. Das ist schwer auszuhalten. Erst bricht die Mutter psychisch zusammen, die älteste Tochter übernimmt die Sorge für sechs jüngere Brüder, dann wird auch das junge Mädchen krank. Da zieht Ingrid kurzerhand zu den verwaisten Jungen in die Behelfswohnung, bis Mutter und Schwester aus der Klinik entlassen werden, damit die Kinder nicht ins Heim müssen.

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Die Doku erzählt engagiert, aber ohne Häme von Bürgerprotesten und Nachbarschaftsengagement, von wohlmeinenden Beamten und Hotelbesitzern, die auf Asylantenunterbringung umsatteln, um ihre ollen Zimmer zu füllen. Die Filmemacher begleiten auch die Menschen, die neu in Deutschland eintreffen, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden wie ein konfessionell gemischtes Paar aus Pakistan. Oder weil sie auf ein besseres Leben hoffen wie die Männer aus Albanien. "Willkommen auf deutsch" zeigt - auch auf amüsante Weise - den Reformbedarf deutscher Asylbestimmungen. Und, dass sich Humanität immer dort beweisen muss, wo Menschen ihrer Lage ausgeliefert sind. Manchmal direkt nebenan.

(RP)