Doku zeigt das Innere der deutschen AKW: Wie im Raumschiff Galactica

Doku zeigt das Innere der deutschen AKW : Wie im Raumschiff Galactica

Düsseldorf (RPO). Der Dokumentarfilmer Volker Sattel durfte mit seiner Kamera in deutschen Atomkraftwerken drehen. Als die Aufnahmen im Kasten waren, kam Fukushima. Der Regisseur glaubt, dass es solche Bilder wie im Film vielleicht nie wieder geben wird. Entstanden ist ein surreal anmutendes Porträt eines Parallel-Universums.

Als Volker Sattel die Genehmigung zum Besuch der deutschen AKW erhielt, war Fukushima in Deutschland unbekannt. Das änderte sich schlagartig am 11. März. Der Super-GAU in Japan hat die Betrachtung der Atomkraft und damit Deutschland verändert. Die Grünen gewinnen Landtagswahlen, die CSU beschließt ein Datum für den Ausstieg, die Bundeskanzlerin forciert die Energiewende und sagt, dass Fukushima ihr Denken verändert habe.

Unter diesen Vorzeichen mutet der Film von Volker Sattel wie eine Zeitreise an. Er hat mit seiner Kamera Atomkraft in Deutschland gefilmt. Er kommentiert nicht, er wertet nicht, er zeigt nur das, was ist. Etwa die wild blinkenden Kontrollräume, die anmuten wie eine Szene aus einem James-Bond-Film aus den 70er Jahren. Oder aber das geheimnisvolle blaue Leuchten, das die Brennelemente unter Wasser von sich geben.

Wer kontrolliert hier wen?

Die Dokumentation "Unter Kontrolle" zeigt immer wieder die Menschen und die Technik. Sie wirken meist klein, so als ob sie eine riesige Maschine bedienen müssten, aber eigentlich schon längst von ihr gefangen sind. Der ambivalente Name des Films spiegelt das wieder. Denn es ist nicht ganz klar, wer hier wen kontrolliert. Kontrolle, das wird auch in den Gesprächen deutlich, ist das Wichtigste im Umgang mit der Atomkraft.

In ruhigen Einstellungen zeigt Sattel das gesamte Spektrum. AKW in Außen- und Innenansichten, Schulungszentren, Forschungsstätten, Behörden, Atommülllager. All das fängt die Kamera in der Totalen ein, aber auch im Detail: Gebäude, Pumpen, Röhren, Druckgefäße, Verkabelungen, Armaturen, blinkende Anzeigen, Schalttafeln, Brennstäbe, Reaktoren, Büros, Flure oder Kontrollräume.

Nur Stimmen und Geräusche

Keines dieser Kraftwerke ist jünger als 20 Jahre. Die Bilder zeigen Technik des 20. Jahrhunderts. Sie führen den ungeheuren Aufwand vor, mit dem versucht wird, die Kernenergie zu kontrollieren. Das kann bedrohlich wirken, zugleich aber auch faszinierend. "Mich hat fasziniert, wie die Kontrollstände mit ihren unzähligen Knöpfen in ihrer Gestaltung die Allmachtsphantasien der Menschheit widerspiegeln", sagt Sattel in einem Interview mit Zeit Online.

Der Regisseur lässt Gegner wie Befürworter zu Wort kommen. Musik oder einen Erzähler gibt es nicht. Nur die Menschen, die Technik und die Geräusche der Orte, an denen gedreht wurde, begleiten den Film. Der Film zeigt eine andere Welt, abgekoppelt vom Alltagsleben der Deutschen.

Eine Männerwelt in Badeschlappen

Ebenso gestrig wie die blinkenden Kontrollräume wirkt der Alltag im Betrieb. Es sind fast ausschließlich Männer, die hier arbeiten. Die AKW in Süddeutschland haben keine Umkleideräume für Frauen. Wenn es um Technik geht, haben hier die Männer das Sagen. Manchmal ist zu spüren, wie sehr es sie fasziniert, diese machtvolle Technik zu beherrschen.

Der Alltag in einem Atomkraftwerk ist bestimmt vom Schutz vor Strahlung: Die Mitarbeiter,die mit Strahlung in Kontakt kommen könnten, legen während der Arbeit ihre gesamte Alltagskleidung ab, Unterwäsche inklusive. Stattdessen schlüpfen sie in blaue oder gelbe Schutzanzüge. In Dekontaminationsschleusen werden sie auf mögliche radioaktive Verunreinigungen getestet. Außerhalb der Reaktorräume laufen sie oftmals in Bademantel und Schlappen herum.

"Unter Kontrolle" ist am 26. Mai gestartet. "Der Film beeindruckt durch seine stilistische Konsequenz und Materialfülle", urteilt die FBW-Jury und vergibt das höchste Prädikat "besonders wertvoll".

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Unter Kontrolle" - Zeitreise in deutsche AKW

(pst)
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