Kino-Kritik: Vom Rüpel zum Schutzengel

Kino-Kritik : Vom Rüpel zum Schutzengel

Düsseldorf (RP). Wenn er schläft, ist er mürrisch. Wenn er wach ist, ist er wütend. John Hancock ist die personifizierte Saulaune. Als wir ihn in "Hancock" kennen lernen, ranzt er frisch aus dem Suffschlaf an der Bushaltestelle geweckt, einen kleinen Jungen an. Das Bübchen pöbelt zurück.

Das ist erstaunlich. Denn "Hancock" erzählt aus einer Welt, in der Kinder sonst mit strahlenden Augen zu Fabelwesen wie dem Titelhelden aufschauen. Der von Will Smith gespielte John Hancock, der lebt wie einer von vielen schwarzen Obdachlosen im Moloch Los Angeles, ist ein Superheld. Er kann fliegen, Geschosse von sich abprallen lassen und mit bloßen Händen Stahlträger verbiegen. Trotzdem ist das Urteil der Medien und Mitbürger eindeutig: Vollidiot.

Dieser angeknackste Superheld wird auch von der Musik eingebettet in eine schwarze Gegenkultur, die auf die feinen Manieren einer Gesellschaft, die sie ausschloss, mit programmatischer Rüdheit reagiert hat. Vielleicht ist es also kein Missgeschick, wenn Hancock bei seinen Einsätzen stets mehr Schaden anrichtet als verhindert. Vielleicht resultiert Hancocks Blockade des Akzeptiertwerdens aus dem Gespür, dass man ihn nur dulden würde, weil er Superkräfte besitzt.

In dieser von John Berg ("Operation: Kingdom") inszenierten Komödie wird der Superheld zunächst radikal entmythologisiert. Er ist, je nach Sichtweise, ein nutzloser Tölpel oder ein mustergültiger Ausgrenzungsfall, einer, dessen Megakräfte ihn mit den Schwächsten auf eine Stufe stellen.

Diese Absurdität immer neu auszumalen, ist den Autoren Vincent Ngo und Vince Gilligan aber zu wenig. Sie wenden einen Dreh nach dem anderen an, um Hancocks Lage unberechenbar zu machen. Ein PR-Mann (Jason Bateman) nimmt sich vor, Hancocks Image aufzubessern. Und der erste Blick, den die Frau des Werbeprofis (Charlize Theron) Hancock zuwirft, macht klar, dass hier mehr als ein neuer Klient ins Haus kommt. Das geht bis zur Hälfte des Films gut, bis eine Wendung den Film auf ganz neuen Kurs bringt.

Aus der Entmythologisierung des Superhelden wird die Übermythologisierung, die komische Kraftkerl- Hinterfragung schwingt sich zum pathetischen Engelsmelodram auf. Es geht nun mit ernsten langen Blicken um Liebe, Verantwortung, Einsamkeit und höhere Mächte. Die Verwandlung des Rüpels zum Schutzengel kam beim amerikanischen Testpublikum so schlecht an, dass vor Kinostart vierzig Minuten herausgeschnitten wurden. Das kann nicht kaschieren, dass wir zwei widersprüchliche Filme auf einmal erzählt bekommen. "Hancock" steckt in der gleichen Klemme wie sein Held: Er erfüllt die Erwartungen nicht, die er weckt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Will Smith als "Hancock"

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