Kino-Kritik: Unerschrocken fröhlich

Kino-Kritik : Unerschrocken fröhlich

Düsseldorf (RP). Mike Leigh legt mit "Happy-Go-lucky" seine erste Komödie vor: Die Geschichte der schrillen Grundschullehrerin Poppy, die sich allem Zynismus zum Trotz entschieden hat, fröhlich zu sein – und das tapfer durchhält.

Düsseldorf (RP). Mike Leigh legt mit "Happy-Go-lucky" seine erste Komödie vor: Die Geschichte der schrillen Grundschullehrerin Poppy, die sich allem Zynismus zum Trotz entschieden hat, fröhlich zu sein — und das tapfer durchhält.

Sie ist einfach zu bunt für diese Welt. Mit ihren Batik-Shirts, ihren lila Netzstrumpfhosen, ihren Wuschelkunstpelzen, ihrem Plastikkirsch- Schmuck, diesem ganzen Fummel, den kein Mensch mehr trägt — und schon gar nicht gleichzeitig. Und wenn Poppy dann in ihren Stiletto-Stiefeletten in eine modrige Buchhandlung stöckelt und den Strickpulli-Muffel an der Kasse mit ihren schlagfertigen Gute- Laune-Sprüchen beballert, dann hat man schon verstanden: Diese Frau ist schrill, fröhlich, auf kluge Art kindlich, doch vor allem ist sie — mutig.Denn Poppy schert sich weder um modische Gesetze, noch pflegt sie jene Unverbindlichkeit, die sich Westeuropäer für den Umgang angewöhnt haben. Poppy ist direkter, neugieriger, mitfühlender, und sie nimmt das Risiko auf sich, dass das gewaltig nervt.

Nach harten, vielfach ausgezeichneten Sozialdramen wie "Naked" oder "Vera Drake" legt der britische Regisseur Mike Leigh mit "Happy-Go-Lucky" seine erste Komödie vor. Doch ist dieser Genrewechsel nur ein Wechsel der Tonart. Denn Leigh liefert weder ungetrübte Munterkeit, noch knüpft er an die einschlägige Wohlfühl-Ratgeberliteratur an, die Menschen empfiehlt, die schweren Dinge ihres Lebens einfach wegzulächeln und sich auf die schönen Nichtigkeiten zu konzentrieren.

Leigh ist kein Volksbeschwichtiger und seine Poppy keine simple Frohnatur auf Mission. Vielmehr lehrt diese unerschütterlich optimistische Frau, dass Fröhlichkeit mit Individualität zu tun hat, mit dem Beharren auf einer eigenen Sicht der Welt, mit Courage. Darum muss Poppy in diesen zu bunten, zu gemusterten Klamotten durch London laufen. Sie lässt sich weder vorschreiben, was man zu tragen hat, noch die düstere Welt düster zu sehen. Das ist Pippi-Langstrumpf- Anarchismus für Erwachsene.

Dabei ist der Film ganz leicht erzählt. Unaufgeregt reiht Leigh Episoden aus Poppys Leben aneinander: Wie sie in der Grundschule Kunst unterrichtet, nach durchzechter Nacht nach Hause kommt, Flamenco zu tanzen lernt, Fahrstunden nimmt. In all diesen Situationen erkundet Poppy die Welt, beobachtet, wie ihre Mitmenschen mit echten und selbstgemachten Schwierigkeiten ringen und fordert sie mit dem schnellen herben Witz einer Londonerin auf, auch mal für ein paar Sekunden zu sehen, wie komisch das alles ist.

Doch Leigh zeigt auch, an welche Grenzen eine solche Poppy stößt. Da ist einmal ihr Fahrlehrer, ein hasserfüllter Muttersohn, der im Rückspiegel Weltverschwörungen ausmacht und seinen Rassismus kaum hinter den zusammengebissenen Zähnen halten kann. Ein Biedermann- Freak. Auch ihn versucht Poppy durch Witze, Sprüche, Neckereien in eine heiterere Welt zu locken. Doch so viel Zuwendung ist der Verbiesterte nicht gewöhnt. Er verknallt sich in Poppy und so geschieht fast das Drama, das diesen Film ruiniert hätte. Aber Leigh vertraut auf ein kluges Publikum, das keine Melodramatik braucht, um die Tiefe dieses Films zu erkennen.

Ein anderes Mal stößt Poppy nachts auf einen verwirrten Obdachlosen. Nicht eine Sekunde wird das Brenzlige solcher Begegnungen in dieser Szene geleugnet, aber Poppy geht eben nicht einfach weg, sondern setzt sich neben ihn, spricht mit ihm. Es ist eine düstere Szene, die Leigh da wie einen Teerbrocken in den weißen Sand steckt. Auf dass der Zuschauer das Prinzip Poppy erkenne — als tiefe Menschlichkeit.

Sally Hawkins hat bei der Berlinale sehr zu Recht den Silbernen Bären als beste Darstellerin bekommen. Hawkins zeigt, welche Mühe es kostet, ein fröhlicher Mensch zu sein, ohne dass sie dafür aus der Rolle fallen müsste. Sie braucht keinen großen Zusammenbruch, bei dem sie schniefend gestehen könnte, dass auch sie oft traurig ist. Man weiß das gleich, wenn sie einen ihrer Schüler zu Rede stellt, weil der grundlos andere verprügelt. Sie hat diese Zugewandtheit, der nichts verborgen bleibt. Aber sie resigniert eben nicht. Eine tapfere Fröhliche.

Man kann Poppy nervig finden in ihrer unerschütterlichen Freundlichkeit, ihrer uncoolen Lebensbejahung. Es wäre schade um sie. Und um uns. Der Zynismus hätte gesiegt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Szenen aus "Happy-Go-Lucky"

Mehr von RP ONLINE