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Kino-Kritik: Tsotsi: Oscar für den Hilfeschrei

Kino-Kritik : Tsotsi: Oscar für den Hilfeschrei

Eigentlich ist die Hauptfigur dieses Dramas aus Südafrika eine Bestie. Er ersticht kaltblütig einen Mann in der U-Bahn, raubt und stiehlt. Und doch weint der Zuschauer am Ende mit ihm, denn wie so häufig ist die Welt nicht schwarz und weiß, nur gut oder nur böse. Und hinter manchem Täter steht auch ein Opfer. Die differenzierte Erzählweise brachte "Tsotsi" einen Oscar als besten ausländischen Film ein.

Der Schauplatz des Gangstermelodrams ist das Township Soweto am Rande von Johannesburg, in dem der Großteil der armen schwarzen Bevölkerung lebt. Der 19-jährige Tsotsi, gespielt von einem Laientheater-Schauspieler aus Soweto, ist der Chef einer der vielen Straßenkinder-Gangs. In den illegalen Schnapsbars, den Shebeens, vertrinken sie die Beute ihrer Raubzüge. Als Tsotsis Freund ihn provozierend nach seinen Eltern fragt, schlägt ihn Tsotsi brutal zusammen und rennt, von innerem Aufruhr getrieben, davon. In einem noblen schwarzen Viertel schießt er eine Frau vor ihrem Haus nieder, rast mit ihrem BMW fort und fährt vor Schock in den Graben. Denn auf dem Rücksitz schreit ein Baby.

Tsotsis erster Instinkt ist panische Flucht, doch er bringt es nicht über sich, den Kleinen zurückzulassen. Er steckt den Säugling in eine Papiertüte und nimmt ihn mit in seine armselige Hütte. Was tun mit diesem Winzling mit vollen Windeln, der nur ruhig ist, wenn Tsotsi ihn in seinen Armen wiegt? Bald kapiert Tsotsi, dass es mit Zeitungspapier zum Wickeln und Kondensmilch zum Füttern nicht getan ist. Und wie immer, wenn Männern im Film ein Baby zufällt, entwickelt die improvisierte Fürsorge des Nachwuchsgangsters für den Säugling selbst unter elendigen Bedingungen, ähnlich wie in Chaplins "The Kid", eine gewisse Komik.

Erlösung durch Mama Afrika

Doch wenn das kleine Wesen, Inbegriff der Hilfsbedürftigkeit, Tsotsi dazu bringt, sich um etwas anderes als um sich selbst zu kümmern, gewinnt das lakonische Drama ohne Umwege eine spirituelle Dimension, die heutzutage meist unter der Rubrik Kitsch abgehakt wird. Denn Tsotsi, dessen Name im Township-Slang schlicht "Gauner" bedeutet, spiegelt sich selbst im vertrauensvollen Blick des Babys und erinnert sich in an den Tod seiner Mutter und die Flucht vor dem gewalttätigen Vater. Das Gangstertum fällt Tsotsi, der mit der Wiederentdeckung eigener Gefühle auch Gefühle für andere entwickelt, immer schwerer und führt zu tödlichen Konflikten mit seiner Gang.

Von geradezu biblischer Symbolik ist der Wendepunkt des Dramas, in dem Tsotsi mit gezogener Pistole in die Hütte einer jungen Mutter eindringt und ihr befiehlt, dem Säugling die Brust zu geben. Die bildschöne gravitätische Miriam, deren Mann von Typen wie Tsotsi ermordet wurde und die sich mit Näharbeiten durchbringt, wird zur Ikone für alles, was Tsotsi fehlt - zur schwarzen Madonna und erdnahen "Mutter Afrika", die dem Klischee seine Wahrheit zurückgibt.

Zur Schnulze verkommt der nur vermeintlich simple Film jedoch nie, denn Tsotsis innerer Wandel macht ihn zwar menschlicher und bringt ihn uns näher, entschuldigt ihn aber nicht als Mörder.

Auch das Township dient dem nüchtern-konzentrierten Drama weder als Vorlage für weltfremde Sozialromantiker noch für betroffenheitsheischenden Elendsvoyeurismus. Soweto, aus dem auch Nationalheld Nelson Mandela entstammt, erscheint zugleich als Brutstätte von Kriminellen wie als Labor der Regenbogennation Südafrika. Deren Aufbruchstimmung hat sich seit Ende der Apartheid bereits in mehreren Filmen Bahn gebrochen - "U-Carmen", die Township-Version der Oper, gewann etwa die letztjährige Berlinale -, und es bleibt zu hoffen, dass der dynamische Beat des "Kwaito" Soundtracks, ein Mix aus HipHop und afrikanischer Tanzmusik, noch öfter zu hören ist.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Tsotsi

(ap)