"The Imitation Game" mit der Militärcodemaschine von Alan Turing

"The Imitation Game" : Der Meister der Entschlüsselung

Eine wahre Geschichte - wie für das Kino gemacht: "The Imitation Game" erzählt, wie der britische Mathematiker Alan Turing "Enigma", die legendäre Militärcodemaschine der Nazis, knackt.

Alan Turing mag brillant sein, der Held der Stunde vielleicht sogar. Aber reden kann man mit dem Mann nicht. Da sitzt er im Jahr 1939, frisch von der Uni, das Haar glatt gescheitelt, die Nase hoch in der Luft, und behandelt den Chef der geheimen Government Code und Cypher School in Bletchley Park wie einen dummen Schuljungen. Dabei spricht Turing gerade für einen Job vor. Die Deutschen drohen den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Es sei denn, jemand schafft es, "Enigma" zu dechiffrieren, ihre legendäre Militärcodemaschine mit über 200 Trilliarden Verschlüsselungsmöglichkeiten. Ob er denn wisse, dass Enigma nicht zu knacken sei, wird Turing gefragt. Er löse gern Probleme, entgegnet er mit der Gelassenheit des wahren Genies. Und Enigma sei nur das schwierigste Problem der Welt.

Stories wie die des britischen Mathematikers Alan Turing (1912-1954) scheinen wie fürs Kino gemacht. Mit acht Nominierungen ist das Drama "The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben" in diesem Jahr perfektes Oscarmaterial. Ein altmodisch inszeniertes, gediegen ausgestattetes und teils an Originalschauplätzen in Bletchley Park gefilmtes Kriegsdrama. Aufgemacht als Abenteuerepos, mit Helden, denen man aber nicht beim Schießen zusieht, sondern beim Denken. Was als Actionkonzept spektakulär gut funktioniert.

Der norwegische Regisseur Morten Tyldum ("Headhunters") bedient sich bei jedem Genre ein bisschen: konventionelles Biopic, Psychostudie, Romanze, Ensembledrama, Politthriller. Normalerweise wäre das zu viel. Hier hat es seine Berechtigung, denn Turings bewegtes Leben könnte leicht mehrere Filme füllen. Da ist die unglaubliche Geschichte des Kryptoanalytikers, der mit seiner "Turingmaschine" nicht nur Enigma besiegte, sondern auch den Vorläufer des Computers erfand. Es gab den Top Secret-Kriegshelden Turing, der den Zweiten Weltkrieg nach Schätzungen um mindestens zwei Jahre verkürzte, dafür aber zu Lebzeiten nie geehrt wurde. Und nicht zuletzt war Turing homosexuell in einer Zeit, die ihn dafür verfolgte.

Benedict Cumberbatch verkörpert Turing. Derzeit ist der 38-jährige Brite omnipräsent auf der Leinwand zwischen Wikileaks, Star Trek und Hobbits. Doch schon als "Sherlock Holmes" hat er bewiesen, dass keiner Forscher und Querdenker spielen kann wie er. Männer, die Dinge sehen, die anderen entgehen, die jedes Rätsel lösen können, nur nicht die eigenen. Cumberbatch spielt Turing meisterhaft sonderbar, als tragisch glamourösen Freak mit Anklängen an "A Beautiful Mind" und "Big Bang Theory". Ein entschlossener Griff nach dem Oscar, bei dem Cumberbatch eigentlich nur noch Eddie Redmayne in die Quere kommen könnte, der Darsteller des anderen gequälten Superhirns Stephen Hawking.

Natürlich bekommt Turing den Job im Codeknacker-Team. Seine sechs Tüftlerkollegen - handverlesen vom Geheimdienst und angeführt von Schachmeister Hugh (Matthew Goode) - hassen den arroganten Neuzugang bald von Herzen. Turing, der ohnehin lieber allein arbeitet, macht sich an die Konstruktion seiner Maschine, eines beeindruckenden Ungetüms voll roter Drähte und bunter Räder, das schnell zum Protagonisten aus eigenem Recht wird. Etwa zur gleichen Zeit führt Tyldum die einzige weibliche Hauptfigur ein: Joan Clarke (Keira Knightley), eine hochbegabte Mathematikerin, mit der Turing sich tatsächlich 1941 verlobte. Knightley kann smarte Frauen, die ihrer Zeit voraus sind, fast so wunderbar spielen wie Cumberbatch seine Masterminds. Auch sie ist für einen Oscar nominiert.

Aber Joans wahrer Zauber liegt in der Chemie mit Turing. Sie ist das einzige Gegenüber, dem er von Anfang an auf Augenhöhe begegnet, der eine Mensch, mit dem er reden kann. So wirkt Turings in einer amüsanten Szene hervorgestammelter Heiratsantrag bizarrerweise falsch und folgerichtig zugleich. Durch die sachliche Romanze mit Joan erhält der Zuschauer Zugang zu Turings Gefühlen, eine Ebene, die der Film dringend braucht.

Es konnte trotzdem nicht gutgehen. 1952, die geheimen Codeknacker von Bletchley Park waren längst in alle Winde verstreut, wurde Turing wegen "grober Unzucht und sexueller Perversion" verurteilt. Vor die Wahl zwischen Haftstrafe und chemischer Kastration gestellt, akzeptierte er letzteres. Gegen Ende besucht Joan ihren depressiven, haltlos zitternden Freund ein letztes Mal. In einer sehr stillen, tief berührenden Sequenz bleibt es ihr vorbehalten, Turing stellvertretend für die Millionen Menschen zu danken, deren Leben er mit seiner Maschine gerettet hat. Die Wirklichkeit hatte keinen so versöhnlichen Moment für Turing übrig. Nach einem Jahr Östrogenbehandlung starb er, die offizielle Todesursache lautete Selbstmord.

(RP)