"Tammy" mit Melissa McCarthy: Unterwegs mit der betrunkenen Großmutter

"Tammy" im Kino : Unterwegs mit der betrunkenen Großmutter

In "Tammy" reisen Susan Sarandon als Großmutter mit Alkoholproblem und Melissa McCarthy als deren Enkelin durch die amerikanische Provinz. Ein Roadmovie-Klamauk - und ein Porträt der gescheiterten US-Mittelschicht.

Früher machten sich in Hollywood echte Kerle auf die Suche nach dem Glück. Dann schlug sich Marlon Brando erst mit anderen Rockern rum, stieg aufs Motorrad, brauste ins nächste Städtchen und lächelte der hübschesten Serviererin schüchtern zu. Oder Dennis Hopper und Peter Fonda ließen sich die amerikanische Flagge auf ihre Harley Davidson lackieren und rollten durch Arizona. Im Roadmovie ist die äußere Bewegung eine innere, der Held bricht auf aus der Spießigkeit, findet auf amerikanischen Highways erst die Freiheit und manchmal auch sich selbst.

Tammy ist da eher anders gestrickt. Eigentlich ist sie zufrieden, wenn sie in ihrem Rostauto zum Burgerladen am Stadtrand fährt, um dort in ihrer schmuddeligen Kellneruniform ein paar Dollar zu verdienen. Sie hat zwar selbst schon zu viel von den Frikadellen verputzt, die sie dort in die Fritteuse schmeißt, aber sie muss unterwegs nur die Musik lautdrehen, das verdrängt alle Zweifel aus ihrem Kopf. Doch dann läuft ihr wie im Märchen ein Hirsch vors Auto, ihr Chef schmeißt sie raus und zu früh heimgekehrt erwischt sie ihren Mann beim feinen Lunch mit einer anderen. Nun bleibt nur noch die Flucht. Tammy braucht dafür das Auto ihrer Großmutter, die allerdings stellt eine Bedingung: Sie will mit.

Seine Klamauk-Variante eines Roadmovie beginnt Ben Falcone mit der Demontage seiner Helden. Er schickt eine Vertreterin der gescheiterten amerikanischen Mittelschicht auf die Piste, eine ungebildete, übergewichtige, betrogene Ehefrau, die im Bungalow neben Mami wohnt und ohne deren Unterstützung auch nicht auskommt. Und er stellt ihr Susan Sarandon als alkoholkranke Großmutter an die Seite. Die weiß zwar immerhin, wer Mark Twain war und hat in aufgeklärten Hippietagen eine gute Zeit gehabt, doch geblieben ist der Whiskey. Die Großmutter braucht schon morgens ein paar Pappbecher davon, um gewisse Erinnerungen aus der Seele zu spülen.

Mit ihrer erwachsenen Enkelin reist diese Frau also los in die Freiheit, auf eine letzte Spritztour. Doch eigentlich ist Tammy, die Melissa McCarthy in den besseren Szenen mit einer Mischung aus Trotz, Ignoranz und Verletzlichkeit verkörpert, noch ein Kind. Verantwortung mag sie nicht übernehmen. Gut ist sie nur im Konsumieren. Mit Inbrunst stopft sie Essen in sich hinein oder trällert ihre Lieblingslieder. Wenn aber Dinge schieflaufen, macht sie andere verantwortlich, lamentiert, zerfließt in Selbstmitleid. Als der Chef ihr kündigt, wirft sie ihm Ketchup-Tütchen an den Kopf. Als sie auf einem See einen Jetski zu Schrott fährt und der Bootsverleiher den Schaden ersetzt haben will, wirft sie an seinem Stand die Sonnenmilchflaschen um. Wie ein Kind, das mit Spielklötzchen um sich wirft, hat Tammy nicht gelernt, mit Frust umzugehen. Und der Film über ihre Selbstfindung saugt einen Teil seiner Komik aus den kläglichen Versuchen dieser Figur, mit Aggressionen umzugehen.

Oberflächlich ist das Komödie, draller Klamauk mit mäßig spaßigem Slapstick. Tammy randaliert sich durch die Provinz, ihre Großmutter säuft und flirtet. Irgendwann landen die beiden erst im Knast, dann bei einer wohlhabenden Cousine, gespielt von Kathy Bates. Die lebt mit einer Frau zusammenlebt, schmeißt für den lesbischen Freundeskreis luxuriöse Parties und hält den Verwandten Standpauken: Tammy soll ihr Schicksal in die Hand nehmen, so fleißig sein wie die erfolgreiche Tante und endlich den amerikanischen Traum leben. Das ist die Moral im Komödien-Gewand - und dieser Film damit nicht die harmlose Überzeichnung eines Roadmovie, sondern dessen Verkehrung.

Waren die Helden im klassischen Highway-Film noch aufgebrochen, um nur noch für die Freiheit und die Liebe zu leben und die Enge der Provinz hinter sich zu lassen, so reist Tammy genau dorthin zurück. Ihr Weg zu sich selbst mündet in ihre Zähmung. Eine Randfigur kehrt zurück in den Mainstream. Die verhaltensauffällig Tammy passt sich an, wird fleißig und brauchbar. Die gescheiterte weiße Mittelschicht soll sich also endlich am Riemen reißen, dann kann sie sich auch wieder hübsche Anwesen leisten wie in den guten Tagen vor dem Crash. Dafür steht die nette Tante Bates.

Dass die mit einer Frau zusammenlebt, ist das einzige Zeichen von Rebellion in diesem Film. Ansonsten endet der Aufbruch in die Freiheit in der amerikanischen Spießigkeit. Tammy muss zur Läuterung sogar ein paar Monate ins Gefängnis, bekommt eine frische Frisur, ein Bluse, die ihre Figurprobleme überspielt. So kann die Außenseiterin sich sogar einen charmanten Farmer aus der Region angeln.

Am Ende macht die geläuterte Tammy mit der ernüchterten Großmutter und dem potenziellen Ehemann eine Fahrt zu den Niagara-Fällen. Aus dem trotzigen Ausbruch auf Amerikas Highways ist der Familienausflug geworden. Man kann das Happyend nennen.

(RP)
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