Drama "Monsieur Lazhar": Stiller Sieg über ein Trauma

Drama "Monsieur Lazhar" : Stiller Sieg über ein Trauma

Donnerstags holt Simon in der Pause immer die Schulmilch. Doch als er diesmal in das Gebäude läuft, sieht er etwas, das ihn erstarren lässt: Simons Lehrerin hat sich erhängt. Im Klassenzimmer baumelt sie schrecklich still an einem Strick von der Decke. Und Simon hat Grund anzunehmen, dass sie wollte, dass sich dieses Bild in seinem Kopf auf ewig festsetzt. Der Zuschauer jedoch ahnt nur, was der Junge im Klassenzimmer erspäht. Dafür sieht das Publikum, wie die Milchpäckchen auf den Boden fallen. Es ist ein stilles Bild für tiefes Entsetzen.

Ungewöhnlich dezent erzählt der kanadische Film "Monsieur Lazhar" von einem schrecklichen Vorfall, der eine ganze Klasse in ein Trauma stürzt. Simon, Alice und die anderen wollen verstehen, warum ihre Lehrerin nicht mehr leben wollte. Und warum sie ihren gewaltsamen Tod in der Schule ausstellte. Nicht gerade reizvoll, eine solche Klasse zu übernehmen. Doch Bachir Lazhar fühlt, dass er dieser Aufgabe gewachsen sein könnte, als er in der Zeitung davon liest. Dabei war er daheim in Algerien nicht mal Lehrer, nur Caféhaus-Besitzer. Doch dann musste auch er etwas Furchtbares erleben, das ihn zum Flüchtling machte — und zu einem Pädagogen, der den Kindern Zeit lässt, Vertrauen zu fassen.

So zart und indirekt, wie Regisseur Philippe Falardeau in "Monsieur Lazhar" davon erzählt, wie ein paar Kinder mit dem Einbruch des Todes und der Schuld in ihre behüteten Leben umgehen, so erzählt er auch vom Schicksal eines Flüchtlings, der in Kanada Freiheit, aber keinen Frieden findet. Vieles wird in diesem Film nur gestreift, angedeutet und ist doch wunderbar klar. Das liegt daran, was Falardeau die Kamera sehen lässt — und was nicht. Und es liegt an seinem Hauptdarsteller Mohamed Fellag, der diesen Monsieur Lazhar mit großer innerer Ruhe spielt. Auch der Zuschauer fasst Zutrauen zu diesem Mann und ahnt doch, dass er Versehrungen in sich trägt. Kanada war mit diesem Film dieses Jahr im Oscar-Rennen. Er war zu still für den Sieg, das ist seine Stärke.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

(RP)
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